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Mendele Moicher Sforim: Die Mähre - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorMendele Moicher Sfurim
booktitleDie Fahrten Binjamins des Dritten. Die Mähre. Schloimale
titleDie Mähre
publisherWalter-Verlag
year1962
firstpub1924
translatorSalomo Birnbaum
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130714
modified20170929
projectida439f5b3
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Drittes Kapitel

Gepriesen der Schöpfer merkwürdiger Wesen!

Der Abend war sehr schön und still, der Himmel klar, sternbesät und ganz niedrig. Dort, wo er herniederkam, stieg wie aus dem Boden der blutrote Mond auf. Das Vieh hatte schon lange seine Raufen leergefressen, sein gewöhnliches Abendbrot, und schlief ruhig auf seinem Lager in den Ställen, nachdem man es vorher wie üblich gut ausgemolken hatte. Ich bekam ein Bündel frisches Heu, um es der unglücklichen Mähre zu ihrer Grube zu bringen, so wie es sich für ein gutes Mitglied des Tierschutz-Vereines ziemt. Die arme Mähre lag sehr müde im Morast. Wären nicht ihre Flanken keuchend gegangen, so hätte man sicher geglaubt, daß hier ein Aas liege, so dürr und mager, bloß Haut und Knochen, war sie.

»Schack, schack, schack!« begann ich in der Pferdesprache und ging zu der Mähre, streichelte sie am Halse und legte das Bündel Heu nieder.

Die Mähre hob den Kopf, richtete ihre Augen auf mich und sah mich verwundert an. Was war denn das? Ein Mensch erwies einer elenden Mähre Ehre und machte ihr bei Nacht im Morast einen Besuch?

»Schack, schack, schack!« sagte ich zu ihr in der Pferdesprache, das heißt: »Guten Abend, Mähre.« – »Schack, schack« – »Da hast du Abendbrot, da hast du Heu, wenn du noch einen Zahn im Munde hast.« – »Schack, schack!« – »Wahrhaftig, daß sich Gott deiner erbarm, du armes Tier«, sagte ich, streichelte sie voll Mitleid und schob ihr das bißchen Heu hart vor die Nase.

»Grüß Gott!« ertönte plötzlich eine dumpfe Stimme.

Ich erstarrte, als ich den Gruß hörte. Wer spricht da, wenn hier bei mir und weit in der Runde herum nicht einmal die Spur eines Menschen ist?

»Erschrick nicht, junger Mann«, ließ sich die Stimme wieder hören. »Erschrick nicht! Ich, die Mähre, spreche zu dir.«

»Die Mähre!« rief ich mit entsetzter Stimme aus, und ein heißer Strom lief mir wie ein Ameisenhaufen über meine Glieder und brachte mein Blut zum Sieden. Das scheint ja schon so die rechte Mähre zu sein, dachte ich und erinnerte mich auch gleich, daß heute Mittwoch nachts war, die richtige Zeit für Dämonen.

»Denk nicht viel nach«, ließ sich die Stimme wieder vernehmen. »Die Sache ist höchst einfach, ich, die Mähre, spreche zu dir.«

»Was soll das heißen? Wie kann eine Mähre sprechen?!« sagte ich.

»Das ist gar kein solches Wunder«, antwortete sie, »solche Dinge haben sich schon ereignet. In den geschriebenen Geschichtsbüchern findet man viele Reden, die Pferde hielten, von Bileams Tier bis heute.«

»Hm, vielleicht ist es wirklich so«, sagte ich, kratzte mich eine Weile am Kopf und erinnerte mich jener Geschichten, die ich für die Prüfung gelernt hatte. »Ja, ganz richtig, rednerische Pferde kenne ich, aber eine Stute?«

»Was hat das zu sagen? Auch eine Stute. Im Gegenteil, wenn es schon dazu kommt, so spricht gewöhnlich die Stute. Bileams Esel war auch eine Stute. Aber trotzdem, sei ruhig, mit dir spricht keine Mähre.«

»Was heißt das?! Zuerst Mähre, dann keine Mähre!« sagte ich erstaunt und beugte mich hin, um die Sache näher zu betrachten. »Du bist gewiß –«

»Ein Dämon, willst du sagen«, fiel sie mir in die Rede. »Nein, nein, mein Freund, du irrst. Ich bin kein Dämon, sage ich dir, und auch keine Mähre. Wenn du wüßtest, was mir in der Welt geschah, verstündest du mich und wundertest dich nicht mehr.«

Und plötzlich sahen mich zwei Augen an, die Leid, Müdigkeit und zugleich Flehen und unendliche Güte ausdrückten, wie die Augen eines kranken, unglücklichen, unschuldig gekränkten und gequälten Menschen. Jeder Blick spricht, schreit Zeter, bittet um Erbarmen und zerreißt das Herz.

Ich schaute und schaute – wo war da eine Mähre, wer war da eine Mähre! Vor mir war gar etwas wie ein Menschengesicht. Wie, was, woher kam da plötzlich ein Mensch, eine solche Mißgeburt?! Und als ich das Geschöpf versteinert ansah, da kam ihm unten eine Hand hervor, und als ich sie aus Höflichkeit ergriff, fühlte ich erst, daß ich einen Huf hielt.

»Gepriesen sei, der da merkwürdige Wesen schafft«, entschlüpfte mir unwillkürlich die bekannte Benedeiung. Und plötzlich war Lärm an meinem Ohr, so wie ein bitteres Geschrei, wie von einer Mutter, die um ihr Kind weint, wie Lärm und Getümmel der Diener um einen Kranken. Mir schien, daß es an mir zog und mich warf und mich mit kaltem Wasser begoß. Kalt war's, die Glieder zitterten mir – ich kauerte mich zusammen und schmiegte mich an die Mähre, um mich an ihr zu wärmen.

»Bist du schon lange so merkwürdig?«

»Ach, ewig lange, wie das Exil«, antwortete sie mir seufzend.

»Wie ist dir das geschehen?« fragte ich und schob mich noch näher an sie heran. Das Geschöpf richtete seine Augen auf mich und sah mich wie einen Verrückten an. Dann wurde ihre Miene ernst und sie begann traurig das Folgende zu sagen:

»Wer auch nur ein wenig in die Bücher hineingesehen oder von Ältern erzählen gehört hat, weiß, daß Menschen die Gestalt von allerlei Getier und Vieh, Gewürm und Geziefer annehmen, noch beim Leben, oder sich nach dem Tod in sie verwandeln – das ist eins der alltäglichen Dinge. Große Gelehrte, darunter auch Geistliche, bestätigen das mit dem Munde und mit der Feder. Wir finden in den Geschichtswerken, daß Semiramis, die Königin von Babylon, im Alter die Gestalt einer Taube annahm. Daniel sah in der Prophetie die vier Kaiserreiche in den Gestalten von Löwen, Pardeln, Bären, und er erzählt, wie Nebukadnezar, der König von Babel, am Ende seiner Tage ein Bär wurde. Von den Griechen gar nicht zu sprechen – dort war das sehr gewöhnlich. Ihr Gott Zeus, der in puncto puncti sehr eifrig war, verwandelte sich einmal in einen Ochsen. Die Prinzessin Io, des Königs Inachos Tochter, verwandelte er in eine Kuh, und so, in Kuhgestalt, trieb sich das arme Wesen lange in der Welt umher. In ihrem Lande gab es auch Geschöpfe, die halb Tier und halb Mensch waren, die hießen Kentauren. Ein Kentaur namens Chiron, halb Pferd, halb Mensch, mit Bart und Pejes und einem Hut auf dem Kopfe, war der Lehrer des Prinzen Theseus. Selbstverständlich: wie das Volk, so der Lehrer. Sind die Menschen Ungeheuer, so ist auch ihr Lehrer ein Ungeheuer. Und wieviel alte Weiber und Jungfrauen ohne Zahl sahen Gelehrte in Europa und gottesfürchtige Männer, wie sie sich in Frösche, Drachen und anderes giftiges Gewürm verwandelten, auch auf Schaufeln und Besenstielen durch die Luft fuhren. Und die Sache wurde dann durch Zeichen und Beweise bestätigt. Für Taschenspieler, für Schwarzkünstler und für Augenblender war das damals eine Zeit! Sie führten die Welt und taten Dinge, die furchtbar zu hören sind. Viele Menschen, viele Prinzen und Prinzessinnen wurden durch sie zu wilden Tieren, die Armen. Lest in den Büchern, in den geschriebenen Erzählungen eines jeden Volkes, so werdet Ihr sehen, daß mehr als ein König und mehr als ein Prinz von ihnen in einen Bock, ein Pferd, einen Ochsen oder derlei Vieh verwandelt wurde; mehr als eine arme Prinzessin, mehr als eine arme Königstochter wurde von ihnen in eine Kuh, ein Kalb, eine Ziege verwandelt, mehr als ein Fürst und mehr als ein Herr in einen Hund, einen Wolf, einen Bären, der Menschen zerriß und tötete, ihr Blut saugte und ihnen das Mark aus den Knochen nahm. Ja, ganzen Dörfern und ganzen Städten geschah das Unglück, von ihnen in Schafherden verwandelt zu werden, und sie erlitten viel Not, schreckliche Leiden und schwere Qualen. Das hat es gegeben, das hat die Kraft der Augenverblendung, des Zaubers und der Geisterbeschwörung angerichtet!«

Diese Worte tönten dumpf wie aus einem hohlen Faß. Es war nicht wie Sprache mit den Lippen, nicht als ob die Mähre redete, sondern als ob ein Geist aus ihr spräche. Das wühlte mir das Hirn auf, rauschte, brummte, als ob sich aus einer Rinne ein heftiger Strom kalten Wassers darüber ergösse. Die Mähre sah mich an und ließ ihre Rede wieder vernehmen:

»In diesen Zeiten gab es einmal einen Prinzen, einen feinen, klugen, wohlgeratenen Menschen mit allen Vorzügen, etwas Herrliches. Dieser Königssohn war in der Jugend gewandert und hatte Reisen gemacht, um die Welt kennen zu lernen. Und überall, wohin er kam, hallte es von seinem Ruhme wider. Bloß der König von Ägypten, dem berühmten Lande der Zigeuner und Taschenspieler, geriet in Zorn über diesen Prinzen, der ihn besuchte. Aus Furcht, der Prinz könnte später Abrechnung mit ihm halten und ihn aus seinem eigenen Lande vertreiben, lud er alle seine großen Hexenmeister zu sich und sprach zu ihnen: ›Huwwe mißchakme loi!‹ Das heißt: Laßt uns den Prinzen überlisten, Brüder, und ihm türkisch kommen. Die Zauberer verwandelten den Prinzen mit ihrem Zauber in eine Mähre und ließen das arme Tier den schwersten Frondienst machen!

Die arme Mähre mußte ganze Berge von Ziegeln und Lehm führen, und damit wurde Pithom und Ramses erbaut. Viele Jahre marterten sie die Zigeuner, zerstörten ihr Leben, bis sich Gott ihrer erbarmte. Es kam ein großer, berühmter Mann, ein Wundertäter, der alle Zigeuner mit ihrem Zauber zu Spott machte und mit dem heiligen Offenbaren Namen größere Künste als sie vollbrachte. Er sagte einen Spruch – und aus der Mähre wurde wieder ein Prinz! Solange dieser große Wundermann und seine berühmten Schüler, die nach ihm kamen, lebten, ging es dem Prinzen menschlich, er lebte in Reichtum und Ehren in seinem Lande. Hernach aber, als alle gestorben waren, verwandelten Feinde den Prinzen wieder in eine Mähre, und in dieser Gestalt treibt man den Armen schon unendliche Jahre von einem Ort zum andern. Für den unglücklichen Prinzen paßt wirklich der Name: ›Die ewige Mähre‹. Ewig wandert und irrt die Mähre umher, an allen Enden der Welt. Wem es nur einfallen mag, der sitzt auf und reitet sie; wer nur Lust bekommen mag, stößt sie und schlägt sie; jeder lädt ihr sein Bündel und Ränzel auf. Ewig trägt sie das Joch, schleppt ohne Ende Ziegel und Lehm, das arme Tier, mit vieler Plage, mit Blut und mit Schweiß, aus denen man schon ganze Städte erbaut hat!«

Zu dieser Zeit, als mein Kopf voll wunderbarer Geschichten von Zauberern und Hexenmeistern war; zu dieser Zeit, da ich außer den Geschichtenbüchern, wie zum Beispiel »Tausend und eine Nacht«, »Hundert Aventüren«, »Buwwe-Buch« und dergleichen, die ich in der Jugend eifrig gelesen hatte, jetzt aufs Neue noch allerlei Geschichten wie Wein verschlungen hatte; zu dieser Zeit, da mein Herz heiß war, mein Blut siedend und meine Phantasie feurigflammend, da meine Gefühle Pulver waren, die sich bei der geringsten Reibung entzündeten und explodierten, meine Augen Quellen, warme Springfluten, in denen jeder Leidende warme, heiße Tränen für sich fand – zu dieser Zeit ergriff mich die Geschichte des unglücklichen Prinzen gar sehr.

»Sage mir bitte«, sagte ich, »sage mir, wo ist er jetzt? Wo befindet sich der unselige, unglückliche Prinz jetzt?«

»Der Prinz, der unselige Prinz, liegt jetzt in der Gestalt, mit dem Aussehen einer Mähre, vor dir!«

Ich seufzte, weinte und benetzte meine elende, unglückliche Mähre mit blutigheißen Tränen.

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