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Mendele Moicher Sforim: Die Mähre - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorMendele Moicher Sfurim
booktitleDie Fahrten Binjamins des Dritten. Die Mähre. Schloimale
titleDie Mähre
publisherWalter-Verlag
year1962
firstpub1924
translatorSalomo Birnbaum
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130714
modified20170929
projectida439f5b3
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Zweites Kapitel

Ssrulik gerät außer sich, da er sieht, was um ihn herum vorgeht

An einem schönen Sommertage im Tammes, als es vor Hitze nicht auszuhalten war, ging ich vor die Stadt, weit ins freie Feld. An diesem Tage war ich gerade sehr schwermütig, ich hatte schrecklichen Kopfschwindel, in den Schläfen schlug es mir, im Herzen wallte es wie in einem Kessel, und ich war sehr verwirrt, schlimmer als je. Eine ziemliche Zeit lang strich ich umher, ohne recht zu wissen, wohin mich meine Füße trugen. Ich ging immer weiter und weiter, bis ich unter einen Baum fiel, irgendwo neben einem Kanal, und mich längelang hinstreckte.

Finster wurde es mir vor den Augen, es schoß und dröhnte mir in den Ohren, als ob krachende Raketen sie durchflögen. Ich glaubte in einen Abgrund zu versinken, immer tiefer und tiefer zu sinken, um mich herum tobte es fürchterlich. Ich wollte etwas erfassen, mich an etwas halten. Aber ich fühlte weder Hände noch Füße. Ich war wie aus der Haut gefahren, wie außer mir, war bloß ein Luft-Ssrulik, körper- und gliederlos, nichts war von mir da als die nackte, bloße Seele. Plötzlich riß es mich in die Höhe, bis ich die Erde erfaßte, auf der ich lag, und wahrnahm, wie die Sonne meinen Rücken briet. Ich war wie neu geboren, wie vollständig verwandelt, ein ganz anderes Wesen. Alles um mich herum, die Erde, der Himmel, die Bäume und das Gras waren auch wie soeben aus der Schale gekrochen. Sie tanzten und schüttelten sich, grüßten, blieben nicht am gleichen Ort stehen und winkten mir unaufhörlich zu, als ob sie sprächen: »Komm hoppsen, Gevatter, mach mal ein Tänzlein!« Zwei Grillen sprangen und tanzten mir aus dem Gras hervor entgegen, sahen mich mit dummen, großen Augen an und bewegten dabei die Mäuler: Im Nu würden sie, schien mir, in mich hineinkriechen – ein Sprung, eins, zwei – oh, mein Kopf, mein Kopf!

Ich machte eine Handbewegung und drehte den Kopf zur andern Seite. Und wie ich so lag, sah ich überall hin, betrachtete alles, das brachte mich auf Gedanken und ich dachte versonnen.

Auf dem Felde sah ich herrschaftliche Böcke, Esel und ganze Rudel Pferde weiden, nicht abgearbeitetes Vieh, sondern edle Rosse, die Adelsbriefe über die Herkunft von edlen Eltern haben. Des einen Ahn war ein englischer Hengst, der vor Zeiten auf der Durchreise durch Kanaan eine arabische Stute geheiratet hatte. Des andern Ahnfrau stammte aus einem berühmten Geschlecht, das gar viel Pulver gerochen hatte, und des dritten Urahnin hatte eine noble Erziehung genossen, in einem berühmten Gestüt, war sehr gelehrt gewesen und hatte zu ihrer Zeit zusammen mit noch vielen gebildeten Pferden Tanz- und Springkonzerte gegeben. Denn man muß wissen, daß bei Pferden der Adel eine große Rolle spielt, auf gutes Blut wird sehr geachtet, und diejenigen, die aus einem guten Gestüt stammen, heißen edel oder wohlgeboren. Diese edlen Pferde weideten frank und frei, richteten auch Schaden an, zerstörten das Getreide, das die armen, elenden Bauern im Schweiße ihres Angesichts gesät hatten. Und man tat, als sähe man nichts und sagte ihnen kein krummes Wort. Die Pferde sprangen, wieherten und stampften mit den Hufen. Ihre Kraft, ihre Stärke und ihre Wildheit war ungeheuerlich.

Und als ich nun so aufgebracht dalag, hörte ich von ferne ein schreckliches Geschrei, Menschengetümmel und Hundegebell. Anfangs meinte ich, die Bauern hätten sich versammelt und kämen schreiend herbeigelaufen, um die Herrenböcke und die Pferde aus ihrem Korn zu jagen; aber gefehlt! Der Lärm entfernte sich immer mehr und ging endlich nach einer ganz anderen Seite. Da stand ich auf und ging neugierig den Stimmen nach, bis ich an einen großen, grasbewachsenen Platz kam, und dort sahen meine Augen eine furchtbare Szene. Wilde Burschen jagten von allen Seiten eine dürre, magere Mähre, bewarfen sie mit Steinen, hetzten ganze Rudel Hunde von allerhand Arten auf sie los. Manche Hunde bellten bloß und fletschten die Zähne, manche fielen über sie her und bissen, so viel sie nur vermochten. Ich konnte nicht stehen bleiben und solcher Unbill schweigend aus der Ferne zusehen. Erstens war es ja einfach ein Jammer, die Menschlichkeit erlaubte es nicht, solcher Grausamkeit zuzusehen. Und zweitens, vom Mitleid schon abgesehen, hatte die Mähre ja ein großes Recht auf mich, daß ich ihr hülfe, denn ich war Mitglied des Tierschutz-Vereines, dem es nicht recht ist, daß man lebende Wesen quält und ihnen Leid antut, da sie ja das gleiche Lebensrecht wie wir haben. Ich will mich hier nicht in die alten und sehr tiefen Überlegungen über Mensch und Tier einlassen. Mag es sein, wie manche behaupten, daß ich, Mensch, das Juwel, der König und Oberherr über alle Tiere bin, daß sie mir dienen, im Joch gehen und mir ihr Leben opfern müssen – trotzdem, glaubte ich, sobald die Mähre, eine so gewöhnliche Sklavin, ein gewisses Recht auf mich hatte, so mußte ich nach dem Gesetz, wenn schon nicht nach der Menschlichkeit, meine Pflicht gegen sie erfüllen.

»Lausbuben!« rief ich, auf die dunkle Gesellschaft zugehend. »Was wollt ihr von der armen Mähre, bitte?«

Ein Teil der wilden Burschen hörte mich gar nicht, andere hörten wohl etwas, lachten aber frech. Manche Hunde betrachteten mich erstaunt, einige bellten von weitem, andere wieder stierten mich aus schrecklich bösen Augen an, sie waren bereit, von hinten über mich herzufallen und mich in Stücke zu reißen.

»Lausbuben!« sagte ich nochmals. »Warum jagt und quält ihr Gottes Geschöpf, die arme Mähre?«

»Schön arm!« antworteten sie spöttisch. »Warum weidet sie hier? Warum weidet die liebe Mähre hier?«

»Was denn?« sagte ich. »Hier ist ja Weide, hier weidet ja seit ewigen Zeiten alles Stadtvieh!«

»Das Stadtvieh«, antworteten sie, »ist was anderes, das darf's und sie darf's nicht.«

»Warum darf sie nicht?« sagte ich. »Hat sie denn keine lebendige Seele wie alles Stadtvieh?«

»Vielleicht wirklich nicht«, erwiderten sie.

»Gesindel!« sagte ich zu ihnen. »Aber sie hat doch sicher einen Besitzer, der in der Stadt Steuern und alle andern Abgaben zahlt. Sie gehört ja auch zum Stadtvieh.«

»Das wissen wir eben nicht«, antworteten sie höhnisch. »Ob sie auch zum Stadtvieh gehört, das ist erst eine Frage.«

»Es kann sein, wie es will«, sagte ich, »aber die Mähre ist ja inzwischen hungrig, das arme Tier will doch essen.«

»Mag sie sich selber auffressen«, gaben sie zurück. »Was will sie von uns? Warum soll so eine dem Stadtvieh alles wegfressen?«

»Banditen!« konnte ich mich nicht mehr zurückhalten und schrie voll Zorn. »Warum seht ihr nicht, daß dort Herrenböcke und ganze Rudel Pferde im Korn gehen und Blut und Schweiß von elenden, armen Bauern fressen? Das allein, was sie zertreten, was sie, so mir nichts dir nichts, verderben, würde der Mähre bis für ihre Ururenkel reichen! Ihr Spitzbuben, ihr habt keine Spur von Gerechtigkeit, ihr seid niemanden treu als euch selber, und ihr habt noch die Unverschämtheit, euch des Stadtviehs sozusagen anzunehmen!«

»Hö-hö!« sagten die Kerle. »Er ist gar zornig, er stellt gar Fragen! Kommt, Kinder. Was haben wir von dem Gerede? Laßt ihn schreien, wer kümmert sich um ihn? Kommt, Kinder, kommt.«

Einer tat einen Pfiff, und bald stürmte die schwarze Bande mit ihren Hunden hinter der Mähre her und überfiel sie wieder. Lange Zeit wurde sie herumgejagt, gerissen und gebissen, bis man sie endlich in eine tiefe Grube trieb.

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