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Mendele Moicher Sforim: Die Mähre - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorMendele Moicher Sfurim
booktitleDie Fahrten Binjamins des Dritten. Die Mähre. Schloimale
titleDie Mähre
publisherWalter-Verlag
year1962
firstpub1924
translatorSalomo Birnbaum
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130714
modified20170929
projectida439f5b3
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Erstes Kapitel

Ssrulik will ein Mensch werden

Wie Noah einst von allen Geschöpfen der Welt, die in der Sintflut ertranken, in der Arche überblieb, so bin ich, Jißruul ben Zippe, in meiner Stadt übriggeblieben, als der einzig Unverheiratete unter allen meinen Kameraden, die durch die Landplage der Heiratsvermittler vorzeitig zu jungen Ehemännern wurden und bis tief an den Hals in Armut und Schnorrertum einsanken, die Armen. Diese Plage Gottes, die Heiratsvermittler, fielen auch über meine Mutter her, um ihr für mich Heiraten vorzuschlagen.

Meine Mutter, eine einfache, aber kluge Frau, war Witwe, nicht reich, aber auch nicht arm. Sie lebte von ihrem Galanteriewarengeschäft, trug Perlen am Halse und hatte ihr gutes Auskommen. Ich war ihr einziger Sohn, ihr Glück und ihre Freude, sie gab mir in allem nach, was ich verlangte. Und als ich darauf bestand, nicht jung zu heiraten, setzte ich es daher auch durch. Anfangs versuchte sie allerdings, mich zu überreden:

»Ssrulik! Wie oft habe ich Gott gebeten, ich möge die Zeit erleben, wo man dir Heiraten anträgt. Du bist ja mein einziger Augapfel, ich will ja bloß dein Bestes, also folge mir, wahrhaftig, und heirate! Es ist schon Zeit dazu, Ssrulik, hohe Zeit. Schau dich an! Ein Mann, unbeschrien! Mit einem Bart! Deine Schulkollegen haben schon bei der Barmizwe geheiratet. Wahrhaftig, folge deiner Mutter, tu, was Gott befohlen hat, damit ich an dir Freude haben kann.«

Aber als sie sah, daß ihre Worte umsonst waren, und ich, soviel sie auch sprach, an meiner Absicht festhielt, und immer bei Nein und Nein blieb, gab sie mir nach und sprach kein Wort mehr darüber. Ich sagte ihr ganz deutlich die reine Wahrheit, daß ich gesonnen sei, alles zu lernen, was man im Gymnasium lernt, dann die Prüfung abzulegen und auf die Universität zu gehen, dort die medizinische Wissenschaft zu studieren, um später mir und der Welt von Nutzen zu sein.

»Mutter«, sagte ich zu ihr. »Heute ist die Welt schon anders. Wahrhaftig, es ist an der Zeit, das große Glück zu erkennen, das die Juden mit ihren frühen Heiraten machen, die Herrlichkeiten, die man von unsern jungen Bürgern hat! Einst verheirateten die Eltern ihre Kinder im Vertrauen: ›Gott hat uns genügend zum Leben geschickt, wahrscheinlich wird er's auch ihnen schicken und sie werden schon nicht vor Hunger sterben.‹ In jener Zeit war Gottvertrauen noch halbwegs am Platze, aber heute kann man sich damit begraben lassen. Schwer, sehr schwer ist es in der heutigen Zeit, von seinen fünf Fingern zu leben und aus Schnee Quarkknödel zu machen, jeder Mensch muß rechtzeitig sehen und alles tun, was möglich ist, damit er alle seine vielfältigen Bedürfnisse befriedigen kann, und zwar für immer, für sein ganzes Leben; und insbesondere wir Juden, die wir so in der Klemme sind und von allen Seiten gedrückt und gepreßt werden, für uns gibt es gar keinen andern Weg, uns irgendwie aus der Not herauszureißen, als eine Wissenschaft zu studieren, wie zum Beispiel die Heilkunst, oder einen andern Beruf. Wenn ich selber jetzt in der Jugend mich nicht um mein Fortkommen sorge, was sollte dann, behüte, aus mir werden? Es würde mir so gehen wie vielen jungen Leuten unserer Art, die glücklich geheiratet und goldene Berge gekriegt zu haben scheinen. Das Gold verschwindet und Misthaufen bleiben zurück. Die einen wandern herum, andere werden Lehrer und ein Teil ist nicht einmal dazu nütze, du Jammer. Werde ich aber Arzt, so wird sich die weite Welt vor mir auftun, ich werde es zu etwas bringen und mein Stücklein Brot leicht verdienen.«

Die Mutter hatte keine Wahl, sie gab mir auch darin nach, daß ich studiere, aber vorher mußte ich ihr versprechen, ein guter Jude zu bleiben.

Ich besaß einen scharfen Verstand, nichts im Talmud war mir zu schwer, man sagte in der Stadt, ich würde ein großer Rabbi werden. Ich überließ diese Ehre andern, schloß mich in mein Zimmer ein und ging daran, Tag und Nacht voll Eifer alle Dinge zu lernen, die für das Examen notwendig sind. Mathematik, auch Physik, Grammatik, und die Sprachen gingen mir so leicht wie Butter ein, Schwierigkeiten bereitete mir nur die Geschichte, auch das, was sie Literaturlehre nennen. Ich mußte all die leeren Märchen und Kriege auswendig können, wie sich die Menschen, seit die Welt steht bis heute, schlugen und erschlugen, einander zum Tode brachten, Not und brennende Qual zufügten, und mußte noch das Jahr und den Ort im Kopfe behalten! Das und ähnliche Dinge hieß Geschichte. Dazu mußte ich ferner noch absonderliche Geschichten von furchtbaren Helden, gewaltigen Trinkern und berühmten Räubern erlernen; Märchen von Verwandlungen, von Zauberern und Hexen; Märchen von lebendem und totem Wasser, von goldenen Äpfeln und silbernen Pferden.

Außerdem mußte ich noch über irgend jemandes schöne Worte und Phrasen wie ein Papagei plappern können, und mußte allerlei Absichten und Ansichten, Erklärungen und Belehrungen hineinlesen, die weder ich, noch der Verfasser selbst, noch der, welcher mit mir lernte, verstand. Dabei mußte man in Hitze kommen und vor Begeisterung außer sich sein, laut schreien, mit Händen und Füßen fuchteln und feurig reden, als seien es Geheimnisse der Thora, Kabbala-Worte. Man nahm große Anläufe, machte viel Einleitungen, um die Sache ein bißchen zu verwickeln und von der Vernunft zu entfernen, damit man es ganz anders und nicht so einfach verstünde. Diese paar Litaneien, all der Krimskrams mit all den Verdrehungen hieß Literaturlehre. Man mag sagen, was man will, in den älteren Jahren ist es sehr, sehr schwierig, solches Zeug ins Gehirn zu stopfen und dort zu behalten, insbesondere für jemanden, der einen guten Kopf und die Begier hat, nützlichere Dinge zu lernen. Ja, ich sage es noch einmal, mir fielen diese Dinge sehr schwer.

Das fortwährende Auswendiglernen und Plappern machte mir den Kopf förmlich wirr, es raubte mir vollständig Kraft und Gesundheit und brachte mich von Sinnen. Ich wurde manchmal einfach toll davon und ging ganz wirr herum, im Kopfe dröhnte es mir wie eine Windmühle, rein, um verrückt zu werden. Manchmal begann ich gar zu bezweifeln, ob mir mein Plan, auf die Universität zu gehen, gelingen würde. Wer weiß, was da noch kommen konnte? Grade würde ich bei der Prüfung mich irgend einer dummen Geschichte nicht entsinnen oder über irgend ein Gedicht stolpern, dann bräche ich mir auf einmal den Kopf und aus wäre es mit all meiner Plage, mit meinem Studium und mit dem Arzt, nach dem ich so sehr strebte: Dann wurden alle meine Hoffnungen zuschanden und ich selbst dazu! Was würde ich tun und wie würde ich aussehen? Ich würde ein armseliges Jüdlein bleiben. Ich würde ganz tief stehen und, so wie alle andern Jüdlein, von jedermann in der Welt Schmach und Schande zu ertragen haben, ich würde ein Luftmensch bleiben, Kraft ohne Stoff, das heißt: Ich würde in mir die Kraft fühlen, etwas zu tun, würde aber nicht die Möglichkeit haben, die Kraft zu betätigen, irgendwie nützlich zu verwenden, wie viele solcher armer Seelen, die es unter unsern Juden gibt. Ich würde ein Jude bleiben und kein Mensch werden. Ich würde ein Rätsel bleiben: Ein Heinzelmännlein, das überall fegt und reinigt und sich selbst in einem schmutzigen Winkel aufhält; ein Heinzelmännlein, das sich hier herumtreibt und doch nicht in dieser Welt weilt; das Fleisch und Blut ist und jedem doch ein Nichts zu sein scheint. Eins dieser drei Heinzelwesen kenne ich – den Besen – und die beiden andern – aber was hat das zu sagen? Kennen hin, kennen her, was ich sein würde, würde ich sein – ein Mensch jedenfalls nicht.

Die ewige Eingeschlossenheit, das Lernen und Wiederholen und gleichzeitig der ewige Gedanke, daß die ganze Plage umsonst sein würde, brachte mich ganz herunter. Ich wurde mager und zaundürr, schwächlich und sehr nervös, dazu war ich dauernd in Sorge und Trübsal, so daß ich fast nicht mehr zu erkennen war. Wenn mich die Trübsal befiel, verfluchte ich alle Hexen und die alte Jaha, die verwünschte, und den Zauberer Koschzej zusammen: Zur Hölle mit ihnen allen! Wurde mir besser, bat ich sie um Verzeihung. Dann kam wieder die alte Jaha, wieder Koschzej und die ganze Bande an die Reihe. Meine Mutter weinte, wenn sie mich ansah, und begann Ärzte und Bader zu holen. Sie verschrieben mir Fläschlein, gossen Heiltränke in mich hinein, trugen mir strenge auf, im Sommer um Gottes- und Himmelswillen viel spazieren zu gehen, vor der Stadt frische Luft zu atmen und weniger zu grübeln.

Ach, wenn die Ärzte es besser verstanden und mich von dem Schnickschnack befreit hätten, der mich krank und mir den Kopf wirr machte!

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