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Mendele Moicher Sforim: Die Mähre - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorMendele Moicher Sfurim
booktitleDie Fahrten Binjamins des Dritten. Die Mähre. Schloimale
titleDie Mähre
publisherWalter-Verlag
year1962
firstpub1924
translatorSalomo Birnbaum
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130714
modified20170929
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Dreiundzwanzigstes Kapitel

Ssruul wird zum Wohltäter gekrönt und rittlings auf die Mähre gesetzt

Wer nicht wie ich auf einer Ofengabel durch die Lüfte ritt – dem kann man den Geschmack einer solchen Reise nicht mit Worten wiedergeben! Das muß man selbst versucht haben. Und darum betete ich auf meiner Flugreise mit großer Inbrunst: »Herr der Welt! Wodurch habe ich armer Sünder es mehr als alle andern Menschen, die Söhne Adams und Evas, verdient, erhoben zu werden und unter deinen Himmeln zu fliegen wie ein Vogel? Lasse, o allmächtiger Gott, auch sie, die Menschen, fliegen, wenn schon nicht alle, so doch wenigstens einen Teil von ihnen, um deiner Wahrheit willen, um deiner Gerechtigkeit willen, teurer Vater im Himmel! Da du sie nicht mit Fittichen begnadet hast, so möge sie der Teufel auf seinen Flügeln tragen, sie mögen in den Lüften schweben, groß und klein, mit Weib und Kind, und mögen erfahren, wie das Fliegen in der Luft tut!«

Wie lange die Luftreise dauerte, kann ich nicht mit Bestimmtheit angeben. Ich weiß nicht mehr, als daß wir eine lange Zeit flogen, bis wir endlich in ein sehr großes und furchtbar tiefes Tal kamen, das zwischen gewaltig hohen, bis an die Wolken reichenden Bergen lag. Ich schaudere noch heute, wenn ich mich an dieses Tal erinnere, so wüst und ungeheuerlich war es. Von Halm und Baum keine Spur! Auf Schritt und Tritt sah man nur Dornen und Steinhaufen. Zwischen ihnen wimmelte es von Schlangen, Skorpionen und Drachen. Das Ohr schmerzte einem von dem Geschrei, das in Jammer- und Klagetönen aus den Höhlen und Löchern der reißenden Tiere und wilden Vögel drang. Es stank nach Schwefel, Teer und Teufelskot, an manchen Stellen drangen Rauchwolken aus dem Boden und breiteten sich wie Nebelschwaden nach allen Seiten. Dieses Tal hatten sich die Teufel erwählt, hier war ihre Stätte!

Eine Spalte zwischen Felsen führte in eine riesige Höhle, deren Ungeheuerlichkeit auch nicht zum tausendsten Teil zu beschreiben möglich ist. Hier strömte ein Fluß schwarzer Tinte, und an seinen Ufern standen Federwälder. In den Wäldern wimmelten Dämonen, Wesen wie die Affen, die vollständig Menschen glichen. Von weitem sah ich, wie Dämonen meine arme, elende Mähre im Strome tränkten, sie dann badeten und sie so oft in die Tinte tauchten, bis sie schwarz wie ein Teufel herausstieg.

»Das ist meine Kanzlei«, sagte Asmodai zu mir. »Diesen Fluß und die Wälder habe ich für deine Brüder vorbereitet. Meine Sekretäre werden so lange über sie schreiben, als es Tinte in diesem Tintenfaß und Federn in diesem Federzeug gibt. Sieh dort, von dem Tintenfaß gehen Kanäle, Tintenleitungen in die Ferne zu verschiedenen Orten, in Redaktionszimmer und in Kabinette gewisser Menschen. Dieser Kanal, Nr. 999 999, den du jetzt betrachtest, geht zu dem Tintenfaß des Dnjepperstädter Zeitungsschreibers. Tinte und Federn sind wie das Meer vorhanden und Schreiber wie der Sand.« Er tat einen Pfiff, und aus den Wäldern schwärmten die Dämonen wie die Fliegen herbei, stellten sich in eine gerade Reihe auf, jeder mit einer Feder in der Hand und einem Papierhelm auf dem Kopf.

»Das sind meine Schreiber«, sagte er zu mir und sah mich dabei lächelnd an.

Wie ein Feldherr begrüßte er dann seine Regimenter:

»Guten Morgen, Leute!«

»Guten Morgen, Majestät! Hurrah!« gab ein großes Geschrei die Antwort.

Als es stiller wurde, begann er sie zu drillen. Die Übungen bestanden im Zungenherausstrecken, Langenasemachen, Lachen, Faustballen, Fußstoßen. Zum Schluß kommandierte er laut:

»Federn fertig! Tunkt ein!«

Hernach mit lautem, langgezogenem Ruf:

»Schrrreeeibt!«

Das Teufelsheer machte sich ans Schreiben, alle fast über dieselben Dinge und mit den gleichen Worten. Die Haare standen mir zu Berge, als ich die geschriebenen Worte las. Sie hatten Spitzen und Haken und stachen wie Spieße. Manchen zitterten die Hände und pochte das Herz beim Schreiben. Wie ich später erfuhr, waren das Rekruten, die erst seit kurzem eingerückt waren. Ihnen fielen diese Dinge noch schwer. Außer diesen arbeitete ein Teil wie die Feuerwehr und spritzte einfach Schlamm.

Nach dieser Inspizierung pfiff Asmodai aufs neue, und es erschien ein riesiger Teufel in voller Uniform, den Kopf mit Federn, Schreibfedern und Federwischen umhangen.

»Was hast du in der Zeit, da ich nicht hier war, gearbeitet? Wie stehen unsere Geschäfte?« fragte Asmodai den Teufel und stellte uns, nebenbei, einander vor:

»Mein Sekretär, Herzog Luzifer – Reb Ssrulik.«

Sekretär Luzifer schnitt eine böse Miene und würdigte mich nicht eines Blickes. Er zog gleich seinen Rapport heraus und las vor:

»Eure asmodäische Dunkelheit! König aller Teufel und Dämonen, Fürst aller Höllen, Herzog der sieben Höllenschlünde, Graf von Sodom und Gomorrha, Erzhirt aller Sündenböcke!

Unsere Agenten, die Wohltäter in allen Städten, berichten in ihren Rapporten, durch ihre großen Bemühungen an den zuständigen Stellen sei es ihnen schließlich gelungen, die Abschaffung der Fleischsteuer zu verhindern.«

Asmodai strahlte vor Freude. »Ich danke Euch«, sagte er zum Sekretär, »ich danke Eurer dunkeln Schwarzheit, Herzog Luzifer, daß Ihr mir zuerst eine so wichtige Angelegenheit vorgetragen habt.« Dann wandte er sich an mich:

»Siehst du, so etwas ist mir die richtige Nachricht. Erstens werden deine Brüder einen Schmarren, aber kein Fleisch essen, und dadurch immer krank sein. – Seid krank und verfaulet, zu allen Höllen! – Zweitens habe ich die Fleischsteuer ja für mein Geschäft nötig. Dadurch bildet sich bei euch die ganze Bande von Wohltätern aus, die jeden an der Nase führen und euch sich nicht rühren lassen; davon haben alle meine Agenten ihr Brot und reichliches Auskommen; dadurch haben euere hohlen Menschen Geldsummen in der Hand, um sie für alles mögliche, was man nicht sagen kann, auszugeben; an ihnen habt ihr das beste Zeichen, daß eure Abgaben und Steuern denen der andern Völker gleich sind, daß ihr aber durch eure Ausgaben für die notwendigen Bedürfnisse des Gemeinwesens von ihnen geschieden seid; daher ist es ganz unmöglich, daß ihr euch mit ihnen in den gleichen Gefühlen für das Land vereinigt, und darum werden schlechte Menschen stets Gelegenheit finden, gegen euch loszuziehen. Eure Verhältnisse werden verwirrt und verstrickt sein. Wenn ich nur mit allen andern Menschlein so weit wäre wie mit euch! Begreifst du nun, wie wichtig mir diese Nachricht ist? Behüte, daß man jemals die Fleischsteuer abschaffe! Nun, meine Agenten verstehen was von Politik, sie verdienen eine Belohnung für ihre Bemühung.«

»Nach verläßlichen Nachrichten«, las Luzifer seinen Bericht weiter, »sind die meisten an der Epidemie Gestorbenen arme Leute, die den Geschmack des immer teurer werdenden Fleisches nicht kannten.«

»Ich danke Euch«, sagte Asmodai. »Gut, sehr gut! Während der Cholera zeigt die Fleischsteuer ihre Macht unter dem armen Volke. Erst vor kurzem las ich in einer Stadt ein Plakat mit der Unterschrift: ›Die unsern Brüdern, dem Volke Israel, das Beste wünschen.‹ Dort forderte man die Leute auf, da die Cholera gemeldet werde, um Himmels willen doch Fleisch zu essen, selbst in den Trauertagen der Tempelzerstörung. Während des Lesens lachte ich unaufhörlich, wie man zum Fleischessen riet – zum Wohle der Brüder. Zum Wohle der Brüder – dabei erhöhte man den Preis.«

»Kandidaten für Wohltäterämter gibt es sehr viel, alle Arten von Menschen«, las Luzifer weiter, »die Stellen reichen gar nicht hin, es sei denn, man setze zu jedem Substituten eines Hauptwohltäters noch an die hundert Untersubstituten, die sich dann selbst um die Ausfindigmachung neuer Nahrungsquellen kümmern müßten. Manche haben diesbezüglich schon ganz ansprechende Entwürfe eingereicht. Ich habe sie einer besondern Kommission übergeben, die aus Schemchasai, Asael, Ahriman, Acheron, Typhon, Schiwa und Beelzebub besteht. – Im Dümminger Spital geht es jetzt infolge der Tätigkeit einiger unserer Agenten nicht übel zu. Wir sind mit Dümmingen schon auf dem besten Wege! – An Rekruten sind in dieser Zeit dreitausenddreihundertdreiunddreißig eingerückt. Sie sind vorläufig noch unausgebildet. Beelzebub hat sie zum Drill übernommen. – An Tinte sind in der letzten Zeit siebentausendfünfhundertneunundneuzig Eimer und anderthalb Quart verbraucht worden.«

»So wenig!« warf Asmodai ein, und seine Miene zeigte, daß er nicht zufrieden war.

Luzifer wollte es erklären, aber als er den Mund zum Reden öffnete, kam ein Teufel mit Depeschen hereingeflogen, Asmodai winkte, Luzifer sollte dem Teufel vom Dienste die Telegramme abnehmen und lesen.

»Diese Depesche«, meldete Luzifer, »ist aus Rumänien. Sie bitten flehentlichst um rascheste Tintensendung. Belegexemplare einer jeden Sache, die dort geschrieben wird, verpflichten sie sich immer pünktlich unserer Bibliothek einzuschicken. Die zweite ist aus Österreich. – Meine ergebene Gratulation, großer Asmodai, zu der guten Nachricht«, sagte Luzifer fröhlich lächelnd und wies seine spitzen Hundezähne: »Kardinal Schwarzenberg erbittet eine ganz unendliche Menge Tinte für seine Zeitung. Er will mit uns ein Geschäft machen: Außer der Tinte, die er für den eigenen Bedarf braucht, sollen wir ihm noch welche in Kommission geben, für die Geistlichen in Böhmen und Mähren, die wie in der guten alten Zeit ans Schreiben gegangen sind.«

»Hochleben mögen meine treuen Gesellen«, sagte Asmodai lustig. »Solange ihr Puls noch schlägt, brauche ich wirklich keine Sorgen zu haben. Luzifer! Man muß der Tinte ein wenig Blut, Galle, Drachengift und Teufelskot beimengen, damit sie recht gut wird.«

»Das alles habe ich schon selbst hineingetan«, antwortete Luzifer und begann die übrigen Depeschen vorzulesen. Er las, was der Redaktor der »Volkszeitung« in Galizien verlangte. Mit verächtlicher Handbewegung und mitleidsvollem Gesicht sagte er: »Ah, das ist von unserm Dnjepperstädter! Er klagt, daß ihm das Tintenfaß beinahe schon ausgetrocknet sei. Er hat einfach nichts mehr zum Schreiben und muß doch zur entsprechenden Zeit die Nummern erscheinen lassen! Ein Jammer, wahrhaftig.«

»Geschwind die Hähne öffnen!« kommandierte Asmodai schreiend. Wohl eine Kompagnie Teufel stürzte an die Hähne. Die Tinte strömte durch die Leitungen nach verschiedenen Stellen.

Plötzlich kam eine bloße, nackte Seele herbeigeflogen, schwebte wie ein Schmetterling auf und nieder und schlug mit ihren wie angezündeter Spiritus lichtblau flammenden Flügeln fortwährend auf die Erde. Sie sah wie eine große, ganz dünne Seifenblase aus und schillerte in vielen feinen Farben, daß es einem vor den Augen flimmerte. Wenn man gut hinsah, konnte man eine Gestalt aus purem Gas erkennen.

»Ach!« rief Asmodai aus, als er sie sah und griff sich an den Kopf. »Ein großer Wohltäter ist verschieden, ein großer Barmherziger, einer meiner besten Agenten! Das ist seine Seele, die jetzt nach dem Hingang gekommen ist, um bei mir zusammen mit den Seelen aller Wohltäter zu wohnen.«

Ich betrachtete die Seele genau und erkannte sie. Es war die eines wirklich ungeheuerlichen Wohltäters aus meiner Stadt!

»Klage und weine, Ssrulik«, sagte Asmodai mit trauriger Stimme zu mir. »Deine Stadt hat einen großen Verlust erlitten, deine Gemeinde hat einen großen Erbarmer, ihren Schmuck verloren. Jammert, klagt, ihr Teufel und Dämonen! Ich, euer König, habe meinen besten Ratgeber verloren, ohne ihn bin ich wie ohne meine Rechte!«

In der ganzen Höhle, im ganzen Tale brach ein furchtbarer Jammer in wilden Tönen los. Das war ein Heulen, so wie Hunde manchmal bei Nacht schrecklich vor dem Fenster klagen, ein Miauen, so wie Katzen in der Brunstzeit auf den Dächern weinen.

Eine schaurige Totenklage von Eulen, ein Krächzen von Elstern, ein Quaken von Fröschen. Das war Zischen von Schlangen, Pfeifen von Ratten, Brüllen von Stieren, Brummen von Bären, Heulen von Tigern und Knarren von Betten – als ob alle wilden Tiere einen solchen Wohltäter, eine so edle Seele beklagten. Ich fiel beinahe in Ohnmacht und wurde von dieser furchtbaren Totenklage schier taub.

Asmodai brachte den Lärm nur mit großer Mühe zum Verstummen, haschte die Seele mit seiner Hand, so wie man eine Fliege fängt, und begrub sie mit folgenden Worten tief in der Erde:

»Was hilft das Weinen, der Mensch muß sterben! Früher oder später, der Teufel mußte dich holen. So liege nun also ganz tief im Loch und geh zu allen Höllen! Ich werde ohne dich auskommen müssen und gewiß einen Teufelsbraten an deiner Statt finden. Ssrulik, mein liebster«, wandte er sich nach dieser Grabrede an mich, »es wird dir gar nichts helfen, du wirst mir in deiner Stadt an seiner Stelle Wohltäter werden müssen.«

»Ich will, ich kann kein Wohltäter sein!« schrie ich mit fürchterlicher Stimme. »Erbarme dich, schicke einen andern an seine Stelle. Es gibt viel Interessenten, viel Kandidaten für eine Wohltäterstelle. Schicke, wen du willst und befreie mich von einem solchen Amt!«

»Erteile mir, bitte, keine Ratschläge«, antwortete er, »ich werde wohl wissen, was ich tue.«

»Was hast du denn an mir gefunden?« rief ich. »Ich bin wahrhaftig ein Unglücksvogel und bin für solche Dinge nicht tauglich. Ich werde dir klügere, bessere und geschicktere als mich empfehlen. Schick Lejbale Reb Abbales, Moischale Reb Binems, Tratel Reb Jossales, Fischke Reb Nissales oder jemanden aus ihrer Bande, jeder der Leute, nach seinem Stande, versteht sein Geschäft und tut seine Sache meisterlich. Wie könnte ich mich mit ihnen vergleichen?«

»Alle diese Leute sind schon beschäftigt, jeder von ihnen hat eine Stelle. Es wird dir gar nichts helfen, Ssrulik, sage ich, Asmodai, dir noch einmal. Schweig lieber und sei nicht eigensinnig, wenn du gerne leben möchtest und nicht verlangst, daß ich dir den Eigensinn mit Gewalt austreibe. Kein Wort mehr! Still! Sonst . . .«

Er machte eine furchtbare Miene und drohte mir mit dem Finger, so daß mir ein Grausen über den Leib lief und ich vor Schreck stumm wie die Wand wurde.

»So mag ich dich, Ssrulik, wenn du schweigst«, sagte er und lächelte herzlich und streichelte mir die Wange. »Ach ja, du bist ganz hübsch klug, Ssrulik. Du bist gar nicht so dumm, wie du aussiehst. Ich fühle, daß du passen und mir mit der Zeit ein wunderbares Instrument abgeben wirst. Aber bevor ich die herrliche Stelle eines Wohltäters vergebe, muß ich dich ein wenig instruieren:

Höre zu, mein teurer Ssrulik! Die Stadt – das ist man selbst! Das bedeutet höchst einfach: Tu alles, was du willst, und sage: So will es die Gemeinde. Die ganze Gemeinde ist so, als wäre sie nicht auf der Welt, bloß du allein bist da. Das ist mein erstes Gebot. Mein zweites Gebot ist ein gottesfürchtiges Gesicht. Frömmigkeit ist für einen klugen Menschen eine gute Kuh, die ihm viel Milch und Butter gibt, als wäre es die beste Holländerin. Eine solche Kapitalkuh muß man darum gut pflegen, man muß ihr öfters ein paar Doppel-Zizzes vorsetzen, sie mit Rabbenu-Tams-Twillen füttern, ihr einen großen Talles-Sack mit verschiedenen Blättern und Buchseiten vormischen, daß sie jeden Tag ein paar Stunden an der Krippe steht; man muß sie Mesises lecken lassen und sie mit Mezize, Chewwre-Kedische-Met, Jahrzeits-Branntwein und ähnlichen Dingen tränken. So ist die Frömmigkeit bei meinen Agenten der frommen Schichten. Meine Vertrauensleute der heutigen Welt setzen auch eine gottesfürchtige Miene auf, aber auf andere Art: Sie stellen sich gewöhnlich einfältig, leben mit jedermann gut, lächeln süß, drehen ihre Zünglein dahin und dorthin, tragen Kleidung, die weder kurz noch lang ist, ihr Bart ist weder ganz noch abgeschoren, sie drehen sich nach allen Seiten und wollen es mit jedermann halten. Einige gibt es unter dieser Gesellschaft, die nicht viel Frömmigkeit haben, sondern deren Weisheit bloß in Kraft, in Stärke, in der Faust besteht. Doch sind es aber wirklich nur wenige. Aber solche Erzfrechlinge können kein Beispiel abgeben. Nicht jeder Mensch kann diese Stufe erreichen. – Mein drittes Gebot ist: Barmherzigkeit! Das bedeutet, daß man jede Niedertracht tue, Toten und Lebendigen die Haut vom Leibe schinde und dabei immer sage: ›Es ist zum Erbarmen!‹ In der Stille muß man kneifen und beißen, aber vor den Leuten besorgt tun, seufzen, ächzen und sich das Wohl des Ganzen angelegen sein lassen. – Mein viertes Gebot ist: Gemeinsame Sache! Das heißt, immer mit dem Starken unter einer Decke stecken. Man muß zum Beispiel mit dem Fleischsteuerpächter verknüpft und verbunden sein, denn er ist die Ursache aller Ursachen, der Quell aller Wohltaten, er ist die Wohltat selbst. Er ist Fleisch von euerm Fleische, Bein von euerm Beine; darum verlasse ein kluger Mann Vater und Mutter und hange dem Fleischsteuerpächter an und sei mit ihm ein Leib und eine Seele! Vernichte deinen Willen vor seinem Willen, damit er manchmal seinen Willen dem deinen unterwerfe, dann könnt ihr beide Lust und Freude haben. – Mein fünftes Gebot ist: Ansprüche! Das heißt, soviel man auch heimlich nehme, soviel man schinde und verdiene, vor den Leuten klage man immer! Sei unzufrieden und erhebe fortwährend gegen die Stadt Vorwürfe, daß man Verluste habe, daß man Geld zusetze, daß es sich nicht lohne, sich so zum Wohle der Allgemeinheit zu quälen. – Mein sechstes Gebot ist: Lulle ein! Das bedeutet höchst einfach, daß man die Leute in den Schlaf zu wiegen und ihnen Schlummerlieder zu singen hat. Das Publikum ist ein Kind, wenn man ihm ein Liedlein singt und ein Märlein erzählt, dann macht es die Augen zu und schläft; wenn man ›Buh‹ schreit, hält es einen für einen Bären; prügelt man es, so küßt es die Rute. Das beste Schlaflied ist das alte von dem Kästlein, dann kommt das Lied ›Die Thora ist die beste Ware‹, die alte Geschichte vom ›Rabbi mit seiner Frau‹, von den Wundermännern, und ähnliche Dinge. – Mein siebentes Gebot ist: Bah und Tja! Die einfache Bedeutung dieser halben Worte ist: Wenn es sich einmal ereignen sollte, daß die Leute – das dumme Kind – Zeter zu schreien beginnen, dann ist es besser, in dem Augenblick gar nichts zu tun, das Kind hat dann sicherlich Bauchgrimmen, es tut dem armen Wurm wohl schon gehörig weh. Dann soll man unartikulierte Bah und Tja von sich geben. Ach, das Kind wird sich ausschreien und wieder einschlummern, noch süßer als früher. – Mein achtes Gebot heißt: Unterdrücke! Wenn einer plötzlich Fragen aufwerfen will, er fände hier einen Haken, dort einen Haken, so muß man ihn einfach zunichte machen: Er sei ein Ketzer, ein Lump, ein Nichts, es bedeute gar ein Unrecht, mit ihm zu sprechen. – Mein neuntes Gebot ist: Hetzen! Wenn ein armer Teufel einmal unter bitteren Tränen jammert und klagt und zetert, daß man ihn kneife und klemme und es ihm weh tue, muß man die Kinder, das wilde Volk, das man hat, auf ihn hetzen, auf daß sie schreien: ›Pfui, pfui, so ein feiner Bursch! Er schwatzt aus der Schule!‹ – Mein zehntes Gebot ist: Altweiber-Mittel! Wenn das Kind erkrankt, ganz herunterkommt und die Seele aufgeben will, dann soll man keinen Arzt holen lassen, man soll lieber die Altweiber-Mittel benutzen, zu Besprechern, Zigeunern, Wahrsagern fahren.

Diese zehn Gebote sollst du erfüllen! Dann wirst du mir gefallen, wirst glücklich und in Freuden leben, du, deine Frau und deine Kinder, und wirst dir das Diesseits erwerben. Das Jenseits kannst du andern schenken. Versprich ihnen Fleisch und Wein im Jenseits, nach dem Tode. Du aber iß Fleisch und trink Wein auf dieser Welt!«

Ich sperrte den Mund und riß die Augen auf, und stand wie ein Klotz glotzend da, als ich diese zehn Gebote hörte.

»Du mußt nun bald reisen, Ssrulik«, sagte Asmodai weiter. »Deine Stadt ist inzwischen ohne Wohltäter, daraus könnte mir behüte irgend ein Schaden erwachsen. Ich werde dir die Mähre mitgeben, damit du auf ihr reitest.«

»Ach!« rief ich aus, als er das Wort »Mähre« aussprach. »Ich kann nicht, wahrhaftig, ich kann nicht reiten!«

»Ach was«, antwortete er. »Du wirst schon können! Wir werden es dich lehren. Die Mähre ist sehr folgsam, man kann sie sehr leicht reiten. Schau nicht darauf, daß sie nicht gerade sehr schön aussieht, dafür hat sie andere Vorzüge, sie ist aus bestem Geschlecht. Du wirst mit ihr zufrieden sein, gewiß und sie später gar nicht aus den Händen lassen wollen, das versichere ich dir!«

Auf seinen Befehl brachte man die arme, unselige Mähre herbeigeschleppt. Das Herz wollte mir brechen, als ich sie ansah. Wie elend und jammervoll, wie siech und schwach sie war! Gott allein mochte wissen, was das arme Geschöpf von den Dämonen zu ertragen gehabt hatte. Ich ließ den Kopf sinken und schämte mich wie ein Dieb, ihr in die Augen zu schauen, und vergoß Tränenströme, wenn ich daran dachte, daß ich sie auch würde reiten und ihr als Last auf dem Halse liegen müssen. Ich sah keinen Ausweg, dem zu entgehen.

»Wir wollen Ssrulik krönen!« sagte Asmodai. »Wir wollen ihn gesalbt sehen, wir wollen wissen, wie er in der Wohltäteruniform aussieht und wie er die Mähre reitet. Ans Geschäft, Leute!«

Es dauerte keine Minute, da brachten seine Diener unzählige Kleider von allen Arten und allen Formen. Einer von ihnen, der Garderobenvorsteher, der Kammerdiener Asmodais, nahm mich in Arbeit. Er kämmte mir eine schöne Locke, schmierte mir die Haare mit viel Myrrhen- und Balsampomade, stutzte mir kunstvoll den Bart, hängte mir ein Leinwandschild mit vier Perlmutterknöpfen vor die Brust, ein Seidentüchlein um den Hals, dann zog er mir ein paar feste, mit vielen Eisenstiften benagelte Stiefel und ein paar Tuchhosen an, die wie Säcke herunterhingen, einen Kamletrock und einen bis über die Knie reichenden Oberrock, auf den Kopf eine kunstvoll genähte Kappe.

»Ach!« sagte Asmodai, als er mich vom Kopf bis zu den Füßen musterte. »Das ist die Uniform eines Gemeindesekretärs! Für Ssrulik paßt ein solches Kostüm nicht. Suche eine andere Uniform heraus!«

Der Kammerdiener kämmte mich geschwind um, schor mir die Haare ein wenig, zog mir den Bart lang, tat mir eine andere Weste an, eine aus Atlas, glaube ich, die bis an den Hals geknöpft war, einen Baumwolloberrock, der weder jüdisch noch christlich war, hinten einen Schlitz hatte und viel länger als der vorige war, so daß die Hosen unten bloß drei Finger breit hervorsahen, und auf den Kopf tat er mir einen ernsten, würdigen Hut.

»Nun, was für ein Ding ist denn das?« sagte Asmodai und betrachtete mich. »Ah, die Uniform eines Gemeindeabgeordneten! Der Teufel hole sie, mit ihrem Schlitze hinten und ihren unendlich tiefen Taschen! Nein, Ssrulik muß eine andere Uniform haben. Schau sein Jammergesicht an, dann wirst du erfassen, welche ihm passen wird.«

Noch viele Uniformen maß mir der Kammerdiener an. Während er mich umkleidete und jeden Augenblick anders frisierte, zupfte, zog und riß er an meinen Haaren, daß mir die Tränen in die Augen traten. Ganz zum Schluß schor er mich völlig ab, ließ ein paar schöne Pejes zurück, setzte mir ein Käpplein auf, darüber eine hohe Pelzmütze, ein Hemd mit einem großen Umlegekragen, mit Bändern zusammengebunden und ohne Halstuch, ein langes Arbekanfes, kurze Leinwandhosen, Halbschuhe und lange Strümpfe, einen langen Atlasrock mit einem Gürtel und einen Fehpelz. Der Kammerdiener sah mich an, verzog sein Gesicht recht sonderbar, ließ eine Speichelperle auf seiner Lippe erscheinen und streckte mir auch die Zunge heraus.

»Wunderschön bist du, Ssrulik!« lachte Asmodai vor Freude, als er mich sah. »Es ist ganz einfach eine Wonne für mich, wenn ich dich in diesen Gewändern sehe! Dein Gesicht glüht wie Zimmes, du schwitzest in dem Pelz, du strahlst aus der Mütze hervor wie der helle Morgenstern. Schwitze, schwitze, Ssrulik, das tut dir gut! Etwas fehlt noch, die Uniform ist noch nicht vollkommen«, sagte er und wandte sich zu dem Kammerdiener. »Erinnerst du dich, wie Jossel-Dintsches einen neuen Gouverneur zu empfangen pflegte?«

»Richtig, sehr richtig«, antwortete der Kammerdiener. »Ich habe es ganz vergessen, oh, oh! Gleich wird es getan werden.«

Er rasierte mir sofort ein paar runde Flecken am Hinterkopf aus und setzte für ein paar Minuten, der Schönheit halber, Schröpfköpfe an.

»Jetzt ist Ssrulik in der vollständigen Uniform«, sagte Asmodai, »jetzt kann er schon auf der Mähre reiten.«

In jubelnder Parade schleppten mich die Teufel zu der Mähre, sie tanzten vor mir, so wie man vor der Braut tanzt, und riefen und sangen:

»Reite, Ssrulik, reite! – Heil dir, daß du gewürdigt bist, eine solche Mähre zu reiten, die Mähre der Welt! Klettere hinauf, mit Händen und Füßen, und reite sie wie ein Fürst bis an dein seliges Ende, bis dich der Teufel holen und ein anderer an deine Stelle treten wird!«

»Verzeihe mir, unselige Mähre«, sagte ich. »Was soll ich tun, was kann ich machen? Wenn mich die Teufel dich zu reiten zwingen. Ach und wehe, wir Unglücklichen, wir beide! Ach und wehe, du Arme, daß du eine Mähre bist, daß du mich tragen mußt, und ach und wehe, daß ich, dein Freund, gezwungen bin, dir auf dem Nacken zu sitzen! Was sollen wir Elenden tun, wenn wir beide schlimm daran sind, wenn wir beide so unglücklich und in einer Zwangslage sind.«

Die Teufel versetzten der armen Mähre aus allen Kräften einen solchen Hieb, daß sie im Galopp davonstürmte. Es gab ein Getobe und Geschrei: »Hurra, hurra!« Während sie so jagte, entrang sich der Tiefe ihres Herzens ein Seufzer, der mir durch die Seele schnitt. Ich wußte nicht mehr, was los war, und fiel wie ein Sack zu Boden.

»Lasse nur den Mut nicht sinken, oh, du wirst es schon gut machen, Ssrulik!« spottete Asmodai und setzte mich wieder auf die Mähre. »Keine langen Geschichten gemacht, es ist Zeit zum Aufbruch, wiederhole dir gut meine Gebote. Lege deine Hand unter meine Lenden und schwöre mir, daß du sie erfüllen wirst!«

Ich saß wie ein Lehmkloß und wußte nicht, was mit mir vorging.

»Säume nicht, säume nicht, Ssrulik!« sagte Asmodai. »Schnell, tu, was ich dir befehle. Schnell, die Zeit ist kostbar!«

Unwillkürlich streckte ich die Hand aus und legte sie unter die Lenden Asmodais. Er winkte dem Sekretär, und Luzifer begann mir sofort einen furchtbaren Schwur vorzulesen.

»Warum schweigst du, Ssrulik?« sprach Asmodai ärgerlich zu mir. »Warum sprichst du den Schwur nicht Wort für Wort nach? Glaubst du, bei mir mit Kniffen, Vorbehalten, Reservationen anzukommen, so wie bei euch feinen Menschlein? Nein! sage ich dir, Vorbehalte gibt es bei mir nicht, bei mir hilft es nichts, sich dumm zu stellen. Schwöre!«

»Ich kann nicht schwören«, antwortete ich mit zitternder Stimme.

»Was? Wie!« schrie Asmodai zornig, daß der Erdboden zitterte.

Die Mähre nickte mit dem Kopfe, als ob sie sagte: »Nein, Mensch! Bleibt fest bei Eurer Sache, nein und nein und nein!«

»Ich kann nicht schwören«, wiederholte ich meine früheren Worte mit größerem Mut.

»Schwöre!« rief Asmodai in noch wilderem Zorn aus, daß ihm die Funken aus den Augen sprühten und Rauch aus dem Munde fuhr.

Meine arme Mähre seufzte. Ihr Seufzer erinnerte mich an all das große Leid, das sie in ihrem Leben erduldet hatte. »Ach, ach«, dachte ich, »leidet denn das Unglücksgeschöpf nicht genügend von andern, daß auch ich ihr noch meinen Packen auflegen sollte! Mag nur geschehen, was da wolle, ich kann das nicht tun. Bestehen muß ich die Probe als ein wackerer Mann.«

»Unter keiner Bedingung! Unter keiner Bedingung werde ich dir schwören!« erwiderte ich Asmodai kalten Blutes und zog meine Hand von seinen Lenden zurück. Dabei mußte ich ihn noch zum Unglück ein wenig kribbeln.

Asmodai geriet in rasende Wut, es war furchtbar anzusehen. Mit einem ungeheuerlichen Geschrei sprang er in die Lüfte, reckte sich schrecklich hoch, packte mein Haar und schleuderte mich voll Wucht, wie ein Holzstück fort.

Ich stürzte vom Himmel hernieder! Als ich zu fallen begann, hörte ich das wilde Gelächter aller Teufel zusammen. Ich sah, wie die Mähre in der Luft schwebte, sich überschlug und mir nachsauste.

»Ach, wir fallen, wir fallen!« stieß ich mühsam hervor.

»Das macht nichts«, schrie mir die Mähre nach. »Wenn ich falle, so stehe ich wieder auf. Es ist nicht das erste Mal, daß ich so stürze und doch nicht zugrunde gehe.«

Ich fiel immer tiefer und tiefer, bis ich endlich mit dem Kopfe an die Erde stieß, mich stark anschlug und in heftigem Schmerz ein schreckliches Geschrei ausstieß.

Ich fühlte, wie jemandes Hände mich umfingen. Man schien über mir zu weinen und heiße Tränen tropften auf mein Gesicht nieder.

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