Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Mendele Moicher Sforim: Die Mähre - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorMendele Moicher Sfurim
booktitleDie Fahrten Binjamins des Dritten. Die Mähre. Schloimale
titleDie Mähre
publisherWalter-Verlag
year1962
firstpub1924
translatorSalomo Birnbaum
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130714
modified20170929
projectida439f5b3
Schließen

Navigation:

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Der Tanz vor Asmodai

Plötzlich erhob sich vor mir wie aus dem Boden geschossen ein Schloß. Mein Herz pochte auf, mein jüdisches Herz: Der Palast Salomos!

Das Innere des Schlosses war kostbar ausgestattet. Ebenholzmöbel, silberne Tische mit güldenem Gerät und kristallenem Geschirr. Das schimmerte und flimmerte und blendete die Augen. Prinzessinnen in Ballkleidern gingen da umher, in Gaze, halb entblößt, mit nackten Armen, den Hals bis zur Brust offen – o pfui! –, gerade wie in den geschriebenen Geschichten. Auf einer hohen Estrade in der Mitte stand, wie ein bemalter Golem, Asmodai selber, den Kopf in merkwürdigem Ernste gesenkt. Junge, wunderschöne Hexlein umgaben ihn, berührten ihn, streichelten ihm den Ziegenbart, und er grinste vor lauter Vergnügen ganz einfältig. Alte Hexen sahen von weitem gelb und grün vor Neid zu. Aus Furcht, er könne sie treten, wenn sie ihm nahekämen, nahmen sie mit gewöhnlichen, alten, schäbigen Teufeln fürlieb. Sie tanzten und sprangen wie toll in einem Reigen und erwiesen ihm beim Vorbeikommen voll Ehrfurcht ihre Reverenz. Die Kavaliere, die Teufel, verneigten sich und die Damen, die Hexen, zogen die Lippen zusammen und knixten. Man kniete und bückte sich und räucherte ihm Räucherwerk. Asmodai zog den Wohlgeruch ein, als könne er ohne ihn nicht leben.

Überhaupt sah Asmodai jetzt in seinem ganzen Gehaben, mit seinem Riechen, mit dem Streichelnlassen und seiner ganzen Ziererei recht tölpelhaft aus. Das war ja ein Jammerlappen, der die Weiber anflehte, der einem an den Lippen hing und andere nötig hatte.

»Liebster, bester Ssrulik!« wandte sich Asmodai mit weicher, schwacher, bittender Stimme an mich. »Oh, gib mir Geruch!«

»Ja, einen Schmarren! Das wirst du nicht erleben«, dachte ich bei mir und stellte mich einfältig, als ob ich nicht erriete, was er wollte, was das hieße.

»Räucherwerk!« erklärte er mir mit kläglicher Miene. »Du gibst mir damit Kraft.«

»Was? Wie kann das sein?!«

»Stell dich nicht blöd, Ssrulik! Du weißt ja sehr gut, daß ›er‹, der große Herr, auch von seinen Dienern Kraft haben will. Ihr Dienst soll ihn in den Stand setzen – nun, was sagen denn eure Bücher?«

»Und zweitens«, fuhr ich in meiner Sache fort, »frag ich dich, wozu brauchst du von mir ein Rüchlein zu erschnorren, wo dir doch die ganze Welt mit Räucherwerk freisteht? Wo du doch hingehen und riechen kannst, soviel du willst!«

»Da hat man's: Er philosophiert! Jeder Jude muß grübeln und tüfteln! Das ist nichts für dein Gehirn, Ssrulik, diese hohe Materie. Übrigens, wart mal, ein Beispiel: Zum Lachen kann man nur gebracht werden, wenn einen ein anderer kitzelt, nicht wenn man's selber tut. Begreifst du es jetzt schon ein wenig?«

»Ach was», sagte ich und rümpfte die Nase. »Du hast auch ohne mich genug Leute, die dich kitzeln.«

»Man kann einen Juden nicht überzeugen!« murmelte Asmodai und wandte den Kopf zornig zur Seite.

Eine Teufelin, ein schönes, schwarzhaariges Hexlein hob ihre Augen zu mir und sagte leise und erregt: »Komm – tanzen!«

»Pfui!« spie ich aus, vor Scham errötend und traf gerade einen Teufel, den Bösen Trieb, mitten auf den Bart.

»Ah, du Tölpel, du Mistfink, Dreckkerl, du Schwein, ohne Gefühl und Anstand und ohne Erziehung!« sprang der Böse Trieb mit häßlichen Worten auf mich los und kitzelte mich.

Die Teufelin winkte mir ohne Unterlaß, sie verwandte kein Auge von mir, jeder ihrer Blicke war ein Pfeil, der mich tief ins Herz traf, jeder Blick zog mich näher . . . und bald stand ich, ohne selbst recht zu wissen, wie und was mir geschah, Arm in Arm mit der Schönen, und wir tanzten beide lächelnd und entbrannt eine Quadrille! In unserm Reigen waren noch viel andere Paare, Teufel und Teufelinnen aller Art – unter ihnen auch alle die feinen Gesellen, die den Juden die Ehre erwiesen, in ihrer Geschichte zu stehen. Während wir bei der letzten Figur vor Asmodai vorbeitanzten, zog mich die Teufelin – und, o wehe! – ich bückte mich ihr zuliebe und räucherte ihm! Da wurde er frischer und stärker, so wie ein alter Knasterbart nach einer guten Prise, stampfte mit den Hühnerbeinen, hob den Schweif – und pardauz sprang er nießend und freudekeuchend von der Estrade herunter.

Ich verlor vor Schreck fast die Besinnung und glaubte, es werde mir im nächsten Nu so ergehen, wie Josef de la Reina. Der Fromme hatte Sammael gefangen und gefesselt. Da weinte und flehte Sammael: »Laß mich ein wenig Räucherwerk riechen!« Er erbarmte sich und gab es ihm. Da bekam Sammael seine Kraft, streifte die Fesseln ab und entschwand und de la Reina kam von Sinnen.

»Munter, ihr Leute!« hetzte Asmodai an. »Kommt, Opferwein soll fließen, Wein und was ihr wollt!«

Da erhoben sich wie ein Sturm die Teufel und Teufelinnen aller Art und Gestalt, klein und groß, jung und alt, alles zusammen. Das war ein Durcheinander und Wirrwarr und Gehetze zu einem ihnen bekannten Ort. Die mit der roten Nase und dem Baß, aus der richtigen Gesellschaft, eilten pfeifend, tobend, lärmend, munter, lustig und ausgelassen voran.

»Komm geschwind her, Ssrulik, und sieh und höre die große Ehre, die mir hier auf der Erde erwiesen wird«, sagte Asmodai, faßte mich am Halse, bog mir den Kopf hinunter und ließ mich schauen.

Ein wilder Hymnus aus tausenden offenen Mündern stieg auf, Lachen, Platzen von Gläsern und Flaschen, Zertrümmern von Scheiben, Zerschmettern, Zerschlagen von Fässern – Opfer an Branntwein, Wein und andern Getränken. Da stieg auch bitterliches Weinen von Leidenden auf, Händeringen, Schluchzen, Ächzen, Stöhnen, Jammern aus tausenden gebrochenen Herzen – Opfer an blutheißen Tränen. Das war ein Durcheinander vom Jubel der Freuden und vom »Wehe!« der Leiden, von Starken, Stolzen, Großen und von Schwachen, Niedrigen, Bloßen, Getöse bis in den Himmel weit, von Hader, Zank und Streit, von bissigen Reden, Spott und Schand und Andeutungen mit Finger und Wink der Hand.

Ach, wie weh der Hymnus tut, den die Erde singt – ein wilder, wilder Hymnus!

»Genug, genug«, rief ich. »Ich will nicht mehr hinschauen!«

Keine Antwort.

Da bemerkte ich, daß Asmodai ganz wirr und verändert war. Das Gesicht rot, die Augäpfel vergrößert, die Augen stierten gläsern. Sein Kopf wackelte hin und her, und er konnte kaum noch die Flügel bewegen. Er taumelte willenlos durch die Lüfte, im nächsten Augenblicke mußte er wie ein Stein hinunterstürzen und ich mit ihm – und mir die Glieder zerschmettern. Ach, welch furchtbare Lage! Ich packte ihn an – ja freilich! Aus seiner Nase drang der Geruch von Wein, von Schnaps, von Spiritus.

»So, du bist betrunken!« sagte ich und kniff ihn tüchtig aus voller Kraft. »Im Fieber sollst du den fremden Branntwein, das fremde Blut ausschwitzen, aber nicht jetzt. Später, später, wenn ich dich los sein und glücklich aus deinen Händen kommen werde.«

Ich kniff und ermunterte ihn – aber meine Mühe war umsonst. Man muß ihm seine Hexen rufen, die Besprecherinnen, dachte ich. Ich sah mich nach ihnen um und rief sie – aber alle waren sie angeheitert, jung und alt –, alle hatten einen Schwips, da war niemand, mit dem man sprechen konnte! Es war mir zumute wie jemandem auf einem untergehenden Schiff.

Und als ich so verzweifelt war, stieß etwas von unten plötzlich herauf, so daß ich beinahe emporsprang und Asmodai auffuhr.

»Pfui! Pfui!« spuckte er, glotzte und bewegte verwirrt und wortlos die Lippen.

Ich sah mich um: Hö-hö, wir befanden uns auf einem Dach bei einer Luke, durch die das Licht wie durch ein Fenster in einen großen Saal hinunterdrang.

»Da . . . wohin wir . . . geraten . . . ein Rathaus . . . hi-hi-hi!« stotterte Asmodai und grinste, sah von oben durch das Fenster in den Saal und nickte mit dem Kopf, als ob er dort einen Bekannten begrüßte. »Ah, ah, ich grüße Euch, Herr Haman, guten Tag.«

»Ach was Haman! Wo ist heute Haman! Haman ist schon vor mehr als ein paar tausend Jahren mit seinen Sprößlingen aufgeknüpft worden. Du sprichst ja, wie –« »wie ein Besoffener«, wollte ich sagen, hielt aber aus Furcht rasch inne.

»Rindvieh! ›Wenn man den Dieb braucht, dann schneidet man ihn vom Galgen ab.‹ Einst hin, einst her, heute hin, heute her – Haman! Du . . . hörst . . . Ssruul? Alle da . . . seine Söhne . . . auch Wajsatha«, stotterte er, packte mich und quetschte mein Gesicht heftig gegen das Fenster. »Siehst, ja?«

»Ja«, sagte ich und biß die Lippen aufeinander. »Ich sehe Krakau und Lemberg, so quetschst du mich.«

»Richtig«, lobte mich Asmodai und streichelte mir freundlich die Wangen. »Wie gut er Geographie kann! Unbeschrien! – Nun, was siehst du noch?«

»Der Saal ist voll von Menschen. Einer steht auf dem Podium. Sowie er nur den Mund aufmacht, klatscht man ihm von allen Seiten Bravo!«

»Ja, das wollte ich«, lachte Asmodai und bog mir von hinten den Kopf hinunter und quetschte mich arg. »Hörst du die Predigt?«

»Lächerlich, es lohnt sich nicht«, brummte ich in meinen Bart, weil ich ihm das Quetschen übelnahm.

»›Es lohnt sich nicht‹, sagt er«, äffte Asmodai nach und steckte mir die Zunge heraus. »Mir scheint, er macht seinen Mund recht gut auf und spricht ganz klar: ›Es gibt ein Volk‹, sagt er, ›das ist verbreitet und verstreut in allen Landen.‹ Höre nur weiter, was er sagt.«

»Alte Geschichten«, sagte ich und machte eine wegwerfende Handbewegung. »Es wird einem schon übel, wenn man das hört, pfui Teufel noch einmal! Ich bitte dich, mach Schluß.«

»Schade, es tut mir wahrhaftig leid. Das, was du gesehen und gehört hast, ist erst ein Tropfen aus dem Meer. Aber mir ist es jetzt auch zum Brechen, brrr! Ich muß noch ein wenig Wein nehmen, um nüchtern zu werden. Komm, wir wollen zu deinen Leuten gehen.«

»Warum denn gerade zu meinen Leuten?«

»Wein, um die ganze Welt trunken zu machen – den haben sie, das ist ihre Sache. Wer mir zum ersten Male Wein statt Wasser zu trinken gab und mich trunken machte, das weißt du ja ganz gut, wer das war: Das war einer von euch, Benaja ben Jojada! Wie, ist es vielleicht eine Lüge? Geh, frage eure Klous-Leute, höre, was eure Weisen sagen.«

»Nie kann man es Euch recht machen. Gibt man Euch Wasser, so schimpft Ihr. Gibt man Wein statt Wassers, schimpft Ihr auch. Nun, was sollen wir denn mit Euch anfangen – Genug! Ich bin schon ganz von Sinnen. Ich bitte dich, laß mich los!«

Ein schönes Hexlein erschien plötzlich, knixte, sprang mit verführerischem Lächeln auf den zusammengezogenen Lippen zu Asmodai hin und flüsterte mit ihm eine ganze Weile. Ich erkannte sie. Das war die schöne Teufelin, mit der ich getanzt hatte. Sie sah auch zu mir hin, warf mir kokette Blicke zu. Ich gestehe, daß es mich gar sehr zu ihr hinzog, ich wäre gern mein ganzes Leben bei ihr geblieben.

»Du bittest mich, daß ich dich freilasse, mein Teuerster«, sagte Asmodai, indem er jedes Wort betonte, und sah mich mit einem Schelmenlächeln an.

Ich stand verwirrt und bereute meine Bitte und wußte nicht, was ich ihm erwidern sollte.

»Nun, wohin willst du, daß ich dich lasse? Nenne mir den Ort, wo du wohnst, man hat dich ja in der Luft schwebend gefunden.«

Ich stand wie ein Klotz da und wußte ihm nichts zu antworten, wie ein Findling, der seine Herkunft nicht kennt. Ich stand und wandte mich in der Qual meines Herzens nach Osten. Ich öffnete den Mund, und heiße Tränen rannen aus meinen Augen.

»Deine Gedanken, Ssruul, kenne ich. Auch deine weinende Hinwendung nach Osten verstehe ich, ich begreife, was sie bedeutet – die verlangt gar Großes. Aber dein Unglück ist das, daß du nicht praktisch bist, sondern ein Phantast. Und nicht nur ein Phantast bist du, sondern auch ein großer Haarspalter und Tüftler. Die Eigenschaft der Haarspalterei und Tüftelei ist der große Fehler, den alle deine Brüder haben, die Leute vom Markt so gut wie die Leute vom Lehrhaus. Die Haarspalterei verkrüppelt ihre Seele, macht sie zu verbissenen Eiferern, zu großen Prahlern und Übertreibern. Sie schafft Haß und Kampf und Streit. Die Brüderlichkeit wird zerstört, sie tüfteln und halten viele lange Predigten – handeln, nein, das tun sie nicht! Diese häßliche Eigenschaft läßt sie sich nicht zu gemeinsamer Arbeit zum Wohle des ganzen Volkes vereinigen. – Dir fehlt Welt, Ssruul, und vorläufig kann man dir keinen andern Rat als den geben, den du der Mähre gabst: Dich belehren und unterrichten zu lassen. Solange du nicht zu Verstand kommst und deinen Platz auf der Erde einnimmst, wirst du in der Luft schweben. Die Hexe, die du hier siehst, wird sich von heute an mit dir beschäftigen. Sie will deine Bekanntschaft machen. Geh mit ihr.«

Ich und meine Schöne sahen einander an und verneigten uns. Auf Asmodais Befehl kam Rohirot mit einer großen Ofengabel, mein Hexlein zog einen großen, merkwürdigen, von beiden Seiten mit ganzen Fledermäusen geputzten Hut an, setzte sich rittlings auf die Ofengabel, ich, Ssruul, setzte mich hinter sie, hielt mich mit beiden Händen an ihr fest – und wir flogen munter und lustig durch die Lüfte.

 << Kapitel 23  Kapitel 25 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.