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Mendele Moicher Sforim: Die Mähre - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorMendele Moicher Sfurim
booktitleDie Fahrten Binjamins des Dritten. Die Mähre. Schloimale
titleDie Mähre
publisherWalter-Verlag
year1962
firstpub1924
translatorSalomo Birnbaum
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130714
modified20170929
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Zwanzigstes Kapitel

Wessen sich Asmodai unterfängt

Irgendwo in den Fernen, in den höchsten Welten, gegen Osten zu, spaltete sich der Himmel und rotflammende Köpfe schöner, heller Cherubim blickten hervor. Seraphim und Radengel, die ganzen himmlischen Heere standen voll Ehrfurcht dort oben. Sie riefen einander zu und sprachen: »Heilig, heilig, heilig ist der Gott der Heerscharen!« Engelchöre ließen ein Halleluja erschallen, das auf göttlicher Saite die ganze Welt durchströmte, in süßer, zarter, leiser Melodie, jegliche Seele rührend, alle Wesen weckend. Alle priesen und dankten dem Herrn. Voll war die Erde seiner Herrlichkeit!

In den Reihen der Teufel entstand Getümmel und Verwirrung. Die Dämonen zitterten und bebten, die Unholde waren voll Betäubung und Entsetzen, sie flogen und tobten wie toll und vergiftet durcheinander.

Asmodai begann es wie einen Fiebernden zu schütteln. Es zog ihn wie einen Ball zusammen, dann wieder richtete er sich plötzlich mit mißtönigem Pfeifen gerade, machte einen meilenlangen Sprung in der Luft, blieb plötzlich mit aufgerecktem Kopfe stehen, öffnete den Mund, in ihm kochte und siedete es, er hob die Faust empor und sprach frech:

»Wehe euch, euerm Sang und euerm Preis! Ich kenne euch wohl. Knechte seid ihr, Sklaven, ohne ein Stücklein eigenen Willens, Dummköpfe, Narren! Ich kenne auch ihn, euern Herrn, den hohen Herrn. Er liebt Schmeichelei, will immer Komplimente, Lob und Dank für seine Güte hören – alles, was er bei andern nicht leiden mag und dort für eine arge Sünde hält. Behüte, daß man Entgelt für eine Mizwe, Dank für eine Wohltat erbitte! Ihn aber soll man segnen, zu ihm beten und beten, unaufhörlich für jedes Bröselchen danken und preisen – und ihr seid nicht sparsam, ihr gebt ihm Lob in vollen Scheffeln! Schmeichler, Kriecher, niedriges Gesindel seid ihr!«

Die Morgenbenedeiung, die ich wie immer in der Frühe zu sprechen begonnen hatte, blieb mir bei diesen Schimpf- und Schandworten wie ein Knochen im Halse stecken. Wie kann man beten und das Judentum erfüllen, wenn man beim Teufel ist und so entsetzliche Worte hört!

Mit tobendem Lärmen flogen die Teufel über Planeten und Sterne, weit, weit zu den Enden der Welt. Vor den Augen wurde es plötzlich schwarzes Dunkel. Es rauschte und stürmte ringsum, es blies und dröhnte Entsetzen. Das war das von Gott vertriebene, öde Urchaos, das sich wie ein wildes Tier aus dem geschlossenen Gefängnis losreißen wollte, um in die Grenzen des Raumes und der Zeit einzubrechen. Das war Asmodai, der mit seinen Flügeln schlug, der an die Tore der ewigen Urfinsternis pochte, der nach einer Spalte forschte und ritzte, um sie hinterrücks freizulassen und die Welt in Dunkel zu hüllen.

O wie schrecklich, wie furchtbar es hier war! Hier war die Grenze zwischen dem Lichte, der Wirklichkeit und der Finsternis, dem Nichts, dem Chaos. Wie das hier an ihren Gemarkungen tobte und wütete und mit einander rang! Schwarze Wolken stiegen gebirgshoch empor, im Nu schienen sie Himmel und Erde verschlingen zu wollen. Aber feurige Engel, die mit gezückten Flammenschwertern Wacht hielten, donnerten und blitzten und riefen: »Bis hierher und nicht weiter!« Es gab ein Gejage und ein Gehaste und einen Sprung in ihre Grenzen zurück.

Die Welten – in ihrem Wechsel von Tag und Nacht waren sie voneinander geschieden.

In der einen Welt wurde es immer hellerer Tag. Die Himmel erzählten die Ehre Gottes, Engelscharen sangen ihre Hymnen, jede Seele pries seinen Namen: Halleluja! Und in einer andern Welt wieder war es stockfinster: Nacht! Dort wimmelten Ungeheuer, da schwärmten alle absonderlichen Wesen, böse Geister brüllten wie die Tiger, sie wollten zerreißen, vernichten – alles zu allen Höllen!

Dem Propheten Jona war es nicht so schlimm zumute, als er im Bauche des Fisches lag, wie mir am Busen Asmodais. Wir waren beide freilich sehr übel dran. Ach und wehe, welch ein Schicksal wir hatten, wie wir in der Klemme saßen, bei solchem Aufenthalt, o Jammer. Aber doch war der Unterschied groß. Er, Jona, konnte wenigstens schreien, zum Herrn beten, um Heimkehr flehen – ich aber mußte den Mund halten, ich durfte mich nicht einmal mucksen, damit es die Dämonen nicht hörten, damit sich der Teufel nicht meiner entsinne und mich in den Abgrund schleudere!

Es tobte gewaltig. Hoch in den Himmeln wirbelten und flogen Welten. Sonnen und Monde gingen auf und gingen unter. Die Zeiten wechselten, die Gestirne lösten einander auf der Wache ab, die einen stiegen auf, die andern versanken. Jedes an seinem Orte, kein Haarbreit zur Seite. Asmodai sah das alles und verging vor Wut, er knirschte mit den Zähnen und schmähte und schändete die ganze Welt. Es war ihm wohl diesmal nicht gelungen, die himmlischen Heerscharen zum Abfall von Gott aufzuhetzen. Er blies seine Teufelsbande zusammen und machte sich auf den Rückweg zu unserer Erde, die sich da unten drehte und wie ein Nadelköpflein in den Fernen aussah. Er wollte sie also nicht lassen. Keine andere kam so wie sie seiner Arbeit zupaß, hier hatte er viele Helfer und viele Mittel, um seine Macht zu zeigen. Hier war Hoffnung auf Sieg vorhanden, Aussicht darauf, im Kampfe mit dem Herrn die Oberhand zu erlangen.

»Wozu seid ihr nütze? Was habt ihr von all den Himmeln, von allen euren Paradiesen, wenn ihr Knechte und Lakaien seid? Wenn ihr keine Freiheit und keinen eigenen Willen habt, wenn ihr nur Puppen seid, die die Lippen bewegen und plappern, so wie man sie aufzieht?! Zu allen Höllen!« rief Asmodai, ballte beide Fäuste gegen den Himmel, spie Pech und Schwefel, blitzte im Blinzeln seiner Augen. Dann stieß er ein Lachen aus, das wie ein Messer schnitt, besprach sich in absonderlichen, ungeheuren Lauten mit den Teufeln und ermunterte sie, ihm nachzufliegen.

Er flog geschwind. Jeder Flügelschwung brachte ihn um eine Welt weiter, die Erde wurde immer größer und größer und Asmodai immer ruhiger. Plötzlich hielt er inne und schwebte still, beugte und streckte sich gerade, als ob er ganze Bergeslasten von sich würfe. Dann fuhr er sich mit der Hand in den Busen – er wollte sich wohl kratzen – und berührte mich ganz unerwartet.

»Hö-hö, wohin du geraten bist, Ssrulik! Wenn man dich nur eine Weile aus den Augen läßt, dann drängelst du weiter und schleichst und kriechst, bis du einem wie ein Knochen in der Kehle stecken bleibst! Na, bitte, seid so gut, Reb Ssrulik, bemüht Euch, bitte, ein wenig weiter, Reb Ssruul!« lud mich Asmodai höflich ein und zog mich heraus, indem er mich mit leichtem Drucke zwischen den Fingern hielt.

Das war jetzt eine häßliche Geschichte, so häßlich, wie man sich's nur vorstellen kann! Aber ich verlor meinen Mut nicht, da ich mich an die wunderbaren Ereignisse erinnerte, die ich bisher erlebt hatte, und dachte: »Ach was, es wird schon gehen. Wenn ich bis jetzt eine solche Reise machen konnte – das ist keine Kleinigkeit, was für eine Reise das ist, bis ans Ende der Welt unter so vielen Unholden und Ungeheuern! – und doch ganz und wohlbehalten blieb, so werde ich auch weiterhin, will's Gott, davonkommen.« In diesem Gottvertrauen zappelte ich in den Fingern Asmodais und sah ihn dabei merkwürdig an, als ob ich sagte: Na schön, das Quetschen ist eben mal so, daran bin ich schon gewöhnt, das sind Kleinigkeiten! Aber wie soll das denn weiter werden?«

»Du hast ein verdammtes Glück, Ssrulik, daß ich jetzt gerade bei guter Laune bin, darum verzeihe ich dir. Ich werde dich noch nicht um die Ecke bringen, im Gegenteil, ich werde dir auf meiner Hand noch mehr Raum zum Sitzen schaffen.«

Als ich eines freundlichen Wortes gewürdigt wurde, fühlte ich mich gleich mächtig gehoben und wagte es, Asmodai als guten Bekannten neugierig zu fragen:

»Warum bist du so freudig gestimmt, Herr Asmodai?«

»Du wirst gleich sehen, warum, du Rindvieh«, antwortete mir Asmodai mit sonderbarem Lächeln, schnellte mir den Finger an die Nase und bog mir den Kopf hinunter.

»Nun, was siehst du jetzt auf der Erde drunten?«

»Kaum etwas!« sagte ich und rieb mir die Nase und die Augen. »Rauchsäulen wie von tausenden feuerspeienden Bergen steigen auf. Da ist eine Umwälzung wie in Sodom und Gomorrha.«

»Nein, Närrlein!« sagte Asmodai und blies dabei so, daß der Rauch zur Seite ging. »Schau jetzt hin, dann wirst du tausende Schornsteine sehen; das sind große, hohe Schornsteine von meinen tausenderlei Fabriken, die da rauchen, Fabriken für Kanonen, Gewehre und alle andern todbringenden Waffen; mehr Fabriken als nötig, um lebenswichtige Dinge zu fälschen, und auch Fabriken, um Schnickschnack herzustellen, der nicht sehr lebenswichtig ist; Fabriken für Geräte und Maschinen, um menschliche Hände zu ersparen, ihre Arbeit billiger zu machen und vielen Menschen den Erwerb zu rauben; Fabriken für Erfindungen, die Raum und Zeit verkürzen und dadurch sehr oft auch das Leben der Menschen kürzen; Fabriken, um schnell und geschwind recht viel Unsinn zu drucken und in der Welt zu verbreiten – Lüge, üble Nachrede, Verleumdung ohne Sinn und Grund, Neid und Haß und noch viel ähnliches häßliches Zeug und Böses, von den einen gegen die andern. Kurz und gut – das ist der Rauch der Zivilisation, wie ihr es da unten nennt. Warte nur, warte ein wenig, da hast du ein Panorama, schau nun und freu dich!«

Vor meinen Augen tat sich ein Stück Landes auf, das wie ein wunderherrliches Gemälde war. Felder in den grünsamtenen Mantel jungen, frischen Getreides gehüllt, mit Blumensprenkeln an den Säumen. In Tälern weideten Schafe und auf Hügeln hüpften klarweiße Ziegen. In der Luft schwang ein Konzert von allerlei Tönen: Singen und Trillern der Vöglein in Wäldern und Wäldlein; Zirpen, Summen, Zimbeln fliegender Mücken und Käfer in der Höhe, springender Grillen und Heuschrecken im Grase unten; zuweilen Pferdegewieher und der breite Baß der Rinder. Weit in der Runde lagen Dörfer und Weiler umhergestreut, mit guten Häusern, vollständiger Wirtschaft, dabei große schöne Gärten und Weingärten. Dort blühte der Weinstock, der Feigenbaum entfaltete seine Blätter, Rosen und alle andern duftenden Kräuter strömten würzige Gerüche aus. Kinder hüpften wie die Böcklein auf den Höfen, tollten und lachten aus vollem Herzen, Erwachsene saßen behaglich unter den Bäumen, rauchten und plauderten fröhlich, aßen und tranken und waren guter Dinge.

»Ach«, rief ich, »wie gut, wie schön! Das ist ja ein Leben wie bloß im Paradiese!«

Asmodai sah mich von der Seite mit einem Lächeln an und sagte kein Wort. Dann faßte er mich an der Bartspitze und zog mich so am Kopf, daß ich hinuntersähe.

»Ach, ach!« stieß ich ein Wehegeschrei aus. »Nicht zu erkennen ist es, das Land, so wüst ist es, eine solche Vernichtung! Nackt sind die Felder, da ist kein Weizen, kein Korn, Feuer hat das letzte Gräslein verbrannt und verkohlt. Die Bäume stehen verdorrt, die Äste sind zerbrochen, die Fröhlichkeit der Menschen ist geschwunden. Man hört keinen Ton vom Vieh, still ist es und lautlos, Vögel und Vieh sind wie ausgestorben.«

»Das hat die Zivilisation geleistet«, erklärte mir Asmodai mit seinem gewöhnlichen bösen Lachen. »In ihrer Güte ist sie ungebeten mit Blut und Feuer und Rauch hierhergekommen. Sie kam aus weiter Ferne, um die gewöhnlichen Leute hier ihre Wohltaten zu lehren. Und da sich die Leute bedankten und wie vorher ohne die Wohltaten leben wollten, brachte sie ihnen Respekt bei und zeigte ihnen, wer stärker sei. – Warum ich so freudig gestimmt bin, fragst du? Schafskopf! Es ist eine Freude, zu sehen, wie sie die Welt versengt und verbrennt. Reichen ihr die Wälder zu ihren Launen nicht aus, dann gräbt sie sich wie ein Maulwurf tief in die Erde hinein und reißt dort die Gräber der Vorzeitpflanzen auf, die lange vor der Sintflut wuchsen und zu harten Kohlen geworden sind, und nimmt sie für ihren Bedarf. Auch das wird ihr bald nicht mehr ausreichen, sie wird das Innerste in den Eingeweiden der Erde ausbrennen und auffressen – dann wird sie sich an die Sonne oben machen. Aus dem Kampfwagen des Alten im Himmel wird sie die heißen, lodernden Seraphim stehlen und sie in ihre Maschinen spannen, um zu schleppen, Räder zu drehen, und wird sie dabei mit elektrischen Blitzen prügeln, daß es donnere, schieße, fliege, schmettere. Du Narr! Alle Schornsteine der unzähligen, unendlichen Fabriken da unten sind Altäre, auf denen zu meinen Ehren und zu Ehren des goldenen Kalbes geräuchert wird, des Gottes der Spekulation, des Schwindels, der Projekte und des Geldes. Dieser Rauch dörrt die Herzen, räuchert die Gefühle aus und verwandelt alles in Ware. Liebe, Freundschaft, Frömmigkeit, Glauben, Wohltun und ähnliches – sind Waren! Und außerdem räuchert dieser Rauch allmählich dort auch den aus, dessen Namen ich nicht erwähnen darf, er tritt immer weiter und weiter in den Hintergrund zurück, und im Laufe der Zeit wird die Erde mir ganz gehören, das hoffe ich.«

»Oh, oh, das mögest du nie erleben, du Schurke«, dachte ich im Herzen, und zog ein gottesfürchtiges Gesicht. »Du wirst untergehen und er wird in Ewigkeit bestehen.«

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