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Mendele Moicher Sforim: Die Mähre - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorMendele Moicher Sfurim
booktitleDie Fahrten Binjamins des Dritten. Die Mähre. Schloimale
titleDie Mähre
publisherWalter-Verlag
year1962
firstpub1924
translatorSalomo Birnbaum
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130714
modified20170929
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Neunzehntes Kapitel

Ssruul fliegt

»Willkommen!« sagte Asmodai mit lächelnder Miene. »Ich freue mich sehr, dich in der Luft fliegen zu sehen, Ssruul. Sieh, wie die Luft der ganzen Welt frei vor dir liegt!«

Ein Dröhnen wie von großen Massen drang donnernd weit durch die Lüfte. Bald erblickte ich ganze Scharen von Geistern, Kobolden, alle Arten von Teufeln und Dämonen vor mir, unter ihnen auch Zauberer, Taschenspieler, Gaukelkünstler, Hexenmeister aller Völker, zusammen mit Hexen, alten Zauberinnen, Zigeunerinnen, Kartenlegerinnen jeglicher Zunge und Religion; manche ritten auf Vampiren, manche auf Drachen; andre auf Eulen, auf Eidechsen und junge Hexen auf abgenützten Besen, Kochlöffeln, Besenstielen, Feuerschaufeln und Spaten. Es war ein Entsetzen, die furchtbare Schar anzusehen, die wirbelte, wie eine Staubsäule. Es pfiff, brummte, zischte, heulte, tanzte, tollte und hielt keinen Augenblick still.

Wo die wohl hinwirbeln? wunderte ich mich und streckte meine Nase hervor, die mir zum Schnüffeln dient so wie die Fühlhörner den Käfern. Und die Erschütterung, die ich dabei hervorrief, brachte Asmodai, der mich schon vergessen hatte, wieder auf mich, und er sagte zu mir:

»Wie geht es dir, mein Herz? Wie lebst du in der Welt da drunten, Ssruul? Nichts für ungut, daß ich so unhöflich gegen dich war und dich nicht gleich beim ersten Willkommen gefragt habe.«

»Wie es mir geht, wie ich dort lebe? fragst du. Was soll ich dir antworten?« erwiderte ich und fand keine Worte. »Ach . . . nichts . . . ich lebe . . . aber . . . die Geschäfte sind nicht auf der Höhe . . . man verdient nichts . . .«

»Das scheint also wohl zu heißen, daß es so ziemlich geht, daß dir sonst nichts fehlt«, sagte Asmodai und sah mich mit listigem Lächeln an. »Im allgemeinen geht's dir also nicht übel. Meinen Glückwunsch, Ssruul! Aber, was bedeutet dein Umherirren, mein Herz, als ob es dir dort zu eng sei? Übrigens, beug mal den Kopf her, bitte, und schau auf die Erde da drunten hinunter.«

Das behagte mir nicht. Die Erde, die mir eine Stiefmutter war, zog mein Herz nicht an. Darum wollte ich Asmodai ganz schlau überlisten, ihn in ein Gespräch über Politik verwickeln, in der ich Gottseidank recht gut Bescheid weiß, um auf diese Weise vielleicht dem Verhängnis zu entgehen – und begann ein langes Garn über die Länder zu spinnen und dekretierte, wo Krieg und Frieden sein sollte und vermengte und vermischte eins mit dem andern, alles in einem Atem, so wie bei »asseeres bnej Hummen«.

»Sei nicht überklug, Ssruul, und tu, was dir befohlen wird«, zürnte mir Asmodai und bog mir den Kopf zur Erde. »Schau und sieh!«

»Ich schaue, ich schaue!« sagte ich in großem Schreck. »Aber es ist unklar, so wie wenn man durch unreine Brillen sieht.«

»Warte ein wenig, dann wirst du schon durch reine, klare Brillen schauen«, sagte er und fuhr mir mit der Hand über die Augen. Und da sah ich gleich gut, und ein furchtbares Zittern ergriff mich.

»Zittere doch nicht, Ssrulik«, bat mich Asmodai lächelnd. »Unbesorgt, ich halte dich gut in der Hand. Schaue lieber und berichte mir genau, was du dort siehst.«

»Ich sehe – auf den Feldern liegen weit und breit ausgestreckt menschliche Leichen und Tierkadaver zusammen, krepierte Pferde. Manchen sind die Arme, manchen die Beine ausgerissen. Andern wieder quellen die Gedärme hervor. Unter ihnen zappeln halbtote menschliche Gestalten, wenn man sie so nennen kann. Aus Wunden rinnt Blut, der Mund steht offen, glühende Augen und verbrannte Lippen, vor Durst verschmachtend. Dort hinten tragen Hunde ganze Köpfe davon, Raben und andere Raubvögel fallen über die Toten her, picken und reißen ihnen die Augen aus und fetzen ihnen ganze Stücke Fleisch aus dem Leibe. Ach, Blut! Blut rinnt und fließt in ganzen Strömen, aus denen heißer Dampf aufsteigt und bis zu den Wolken hinaufdringt.

Und Menschen, oh, Menschen, Menschen fallen wie die Hunde über ihre toten Brüder her, durchsuchen, bestehlen und berauben sie, ohne eine Spur von Menschlichkeit und Erbarmen. Dort seh ich einen Verwundeten, der erlöschend kaum noch atmet. Er öffnet den Mund, streckt die Hände aus, der Ärmste lechzt nach Wasser und die Leute schlendern um ihn herum, betasten ihn und rauben ihm alles, was er hat, und sehen ihn kalten Herzens an. Nein, ich kann nicht zuschauen – schrecklich, schrecklich!«

»Ah, bah«, sagte Asmodai mit spöttisch verzogenem Munde. »Ganz gewöhnliche Geschichten. Krieg! Kann das anders sein? Das wäre ein übles Geschäft für mich gewesen, wahrhaftig, wenn die Menschen, seit die Welt steht, bis jetzt, einander nicht den Tod gebracht hätten, behüte. Das einzige bißchen Freude, das einzige Stücklein Nutzen, das ich, der Teufel, von euch netten, guten Menschlein habe! Schön ist bloß das: Sie vernichten, vertilgen, verderben – und ich soll das ganze Bad ausgießen. Sie sind's, die schächten, und mich erklären sie für den Schlechten. Heuchler! In der Schrift, ach ja, da sind die Kriege und Schlachtereien in Ordnung. Der, dessen Namen ich nicht erwähnen darf, der heißt bei ihnen Kriegsherr, ein Feldmarschall in roter Uniform mit Sporen. Dort ist es in Ordnung, ach freilich, und hier ist es ihm schrecklich, schrecklich‹! Zier dich nicht, Ssrulik, schau!«

»Ich kann nicht, bei meiner Seele!« schwor ich bei meinem Judentum. »Meine Natur ist dagegen. Pfui! So wahr ich ein Jude bin! Trag mich weiter, Teufel, trag mich weiter.«

Der Teufel flog schweigend weiter. Ich glaubte, daß er meine Bitte erfülle und ich so Entsetzliches nicht mehr sehen müsse. Aber ich irrte. Eine Weile später hielt er an und befahl mir wieder, hinunterzuschauen.

Vor meinen Augen wuchs eine Stadt empor. Ich sah Menschenmassen wie im Wahnsinn laufen und rennen. Sie überfielen wie Heuschrecken die Häuser, zertrümmerten mit Steinen die Fenster, zerbrachen Türen, sie hackten, fetzten, rissen, schlugen, voll Grausamkeit, schlimmer als wilde Bestien, jung und alt, ohne jegliches Erbarmen. Und all das, o wehe, vor Gott und den Menschen, mitten in der Stadt!

»O weh, o weh!« rief ich erschütterten Herzens. »Wo sind wir? Wo sind wir jetzt?«

»Da seh mal einer den weisen Mann!« lachte Asmodai und blinzelte seiner Dämonenschar zu. »Die schönsten Jugendjahre hockt man dort bei ihnen über der Geographie, wie sie es nennen – daß ich nicht lache! – man fährt über Landkarten – mit den fünf Fingern, deutet auf jedes Winkelchen, auf jedes Bächlein. Die ganze Erde ist in ihrer Hand. Das ist keine Kleinigkeit: Solche Gehirne, solch vollgepfropfte Gelehrte! Und wenn im Leben einmal was vorkommt, dann sind sie wie das liebe Vieh, unwissende Tölpel, die nicht einmal bis drei zählen können und nicht weiter als über die eigene Nase schauen. Du Rindvieh! Wir fliegen jetzt über Rumänien. Schau hinunter, du Schwachkopf, schau hinunter!«

»Oh, oh!« schrie ich laut, so wie ein Kind auf den Schultern des Belfers auf der Straße brüllt, da es vom dunkeln Schulzimmer nichts wissen will, und schloß meine Augen.

»Seht, seht, mein Schatz«, besänftigte mich Asmodai, schmatzte mir wie einem Kinde mit den Lippen zu und streichelte meine Wange. Und sein Streicheln öffnete meine Ohren, daß ich deutlich hörte. »Wenn es dir schwer fällt, mein Herz, auf einmal zu schauen, so horche inzwischen ein wenig. Nun, was gibt es jetzt?«

»Ich höre Schreien und Flehen von Unglücklichen und Elenden, ich höre Röcheln, Stöhnen, Sterben. Ach«, bat ich um Erbarmen, »wieder das Gleiche. O weh, o weh, laß es schon genug des Krieges sein, der Grausamkeit, des Blutvergießens!«

»Stille, Närrlein, seht! Rege dich nicht so sehr auf, Ssruul. Das ist kein Krieg! Das ist bloß so ein Spiel, ein neuartiges Spiel. Die armen Menschen lassen's hoch hergehen. Das ist eine Art Jagd, Närrlein. Da wird geschlagen und gelacht.«

»Wer schlägt denn und wer wird geschlagen?« fragte ich.

»Hast du es denn nicht an den Händen erkannt, wer da schlägt?! Hast du denn nicht an der Stimme erkannt, wer da geschlagen wird? ›Die Stimme ist die Stimme‹ –«

»›Jakobs‹! Oh, oh!« schrie ich und faßte mich an den Kopf. »O weh, o weh, warum, warum?«

»Hi-hi-ha!« lachte Asmodai los und sein Ziegenbart schütterte. »Er fragt: ›Warum‹? Was hat das zu sagen? Warum hin, warum her – wenn nur geschlagen wird? Dazu ist das Spiel ja da! Was für ein Spiel das ist, hi-ha-ha! Sonne und Regen zu gleicher Zeit, Weinen und Lachen durcheinander! Neige dein Ohr, Ssrulik und höre!«

»Ich bitte dich, o Herr, lasse mich! Ich schwöre dir, ich kann es nicht mehr hören, ich kann die Stimme des Blutes meiner Brüder, das von der Erde schreit, nicht hören und ertragen!«

»Feigling!« fuhr mich Asmodai höhnend an. »Er kann nicht! Er kann nicht sehen, er kann nicht hören! Und eure Geschichten lesen, das kannst du wohl, wie, eure Historien, eure Hihistorien, das kannst du?! Eine Liste von Marter und Verfolgung und Leid und Qual und Schmerz und Angst und Pein, eine Aufzählung Vertriebener, Verschlagener, Geschlagener, Geprügelter, Gemarterter, Umgekommener niederzuschreiben – darin sind sie tüchtig, ja freilich! ›Behüte, daß man es vergäße. Im Gegenteil, mögen es die Urenkel noch fühlen und wissen! Das stärkt die Seele des Volkes, wunderbar und herrlich.‹ Graben sie tief unten bei den vergangenen Geschlechtern noch einen Verprügelten hervor, so greifen sie nach ihm wie nach einem kostbaren Edelstein, erwischen sie noch einen Zerschlagenen – hoppla, haben sie ihn in die Liste gesetzt. ›Da habt ihr – auf daß die Welt unsere Stärke sehe!‹ Es ist eine Ehre und ein Stolz, sie schöpfen Freude daraus, sie fühlen sich frischer, lebendiger – zum Lachen – daß man was gleich sehe –, wenn es aber zum Leiden kommt, daß man selbst die mindeste Kleinigkeit erleiden soll oder mit den Augen zusehen oder mit den Ohren zuhören soll, ha-ha, dann zappelt er mit Händen und Füßen: er kann nicht! Es ist ja keine Kleinigkeit: Ssrulik, ein solcher Held, ein leidengeprüfter Adelsmensch! Entsetzlich!« schloß er mit bösem Lachen und quetschte mich dabei so heftig, daß ich unwillkürlich aufschrie.

Selbstverständlich war mir das alles recht unangenehm: das Quetschen und die Sticheleien und Andeutungen über jene Geschichten, wie er es nannte. Pfui, das war eine eklige Sache! Aber was soll man anfangen, wenn man in jemandes Händen ist, wenn man in der Luft hängt und gänzlich vom Willen eines andern abhängt? Wollte er – so bewegte er die Hände und warf mich hinaus – und ich war hin! So zornig ich war, so mußte ich doch schweigen und alles hinunterschlucken. So sehr ich mich ärgerte, so mußte ich mich stellen, als verstünde ich's nicht, ja ich mußte sogar noch gute Miene zum bösen Spiel machen, als habe das nichts zu sagen. Aber das alles hat bloß bei andern Geltung, da können Kniffe und Verstellung helfen, da mag man alles denken, wenn man nur ein gutes und frommes Gesicht schneidet und die Zunge zuckersüß gehen läßt. Doch der Teufel läßt sich nicht betrügen, er liest sehr gut in den Gedanken. Wenn man sagt »klug wie der Teufel«, so scheint das wahr zu sein.

»Mir scheint, du bist ganz durcheinander, Ssruul, und recht unzufrieden? Hast du es vielleicht bei mir in der Hand zu enge, o dann kannst du ja hinaus!« sagte Asmodai und sah mich scharf und böse an, und ohne lange Zeremonien nahm er mich und setzte mich sofort auf die Spitze seines kleinen Fingers.

Ich war in der Schwebe, zwischen Hin und Her. Der leichteste Hauch hätte mich, behüte, wer weiß wohin schleudern und mir den Martertod bringen können, und niemand hätte auch nur gewußt, wo meine Knochen wären. Vor Entsetzen lief mir das Grausen über den Leib. Ach, wie schlimm es um mich stand!

»Du hast die Wahl, Ssrulik«, sagte der Asmodai wie beleidigt und böse. »Geh nur, geh nur, bitte, wenn es dir bei mir hier nicht gefällt!«

»Was heißt das, ›nicht gefällt‹?!« stellte ich mich dumm, stotterte verwirrt mit schmeichelndem Lächeln und hielt mich mit beiden Händen am Teufel fest. »Im Gegenteil, Herr Asmodai, ich finde es sehr schön bei dir, unbeschrien, ganz wunderbar! Ich reise umsonst, ohne Fahrkarte, wie ein großer Herr. Deine Kobolde treiben zwar manchmal ihre Possen mit mir, aber es geht schon, ich bin daran schon gewöhnt. Bah, es hat nichts zu sagen!«

Und während ich Asmodai so zuredete, schlüpfte ich ihm verstohlen wie ein Floh in den Busen hinein und ließ mich nieder, wo man es nicht tun darf . . .

»Ach, wie schlau du bist, Ssruul!« sagte Asmodai mit bösem Gelächter und streckte die Hand aus, um mich zu fassen.

Ich war wie ein erschrockener Hase, dem der Jäger nachsetzt. Mein Kopf war wirr, vor den Augen war es mir dunkel, und in meinen Ohren rauschte ein furchtbarer Wasserfall.

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