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Mendele Moicher Sforim: Die Mähre - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorMendele Moicher Sfurim
booktitleDie Fahrten Binjamins des Dritten. Die Mähre. Schloimale
titleDie Mähre
publisherWalter-Verlag
year1962
firstpub1924
translatorSalomo Birnbaum
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130714
modified20170929
projectida439f5b3
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Achtzehntes Kapitel

Ssrulik zwischen Schweben und Stehen

Dämonen lachten, Unholde spotteten, das war ein Gehöhne und Geschwatze, zum Verrücktwerden. Mein Kopf war wirr, meine Füße, oh, fühlten keinen Halt unter sich – ich hing wohl in der Luft!

»Barche«, schien eine Stimme vom Himmel her zu kommen. »Geh und warte dem da auf, richte ihn nach Erfordernis zu und bring ihn dann zu mir an den Platz.«

Und alsogleich erblickte ich vor mir eine sehr merkwürdig aussehende Menschengestalt.

»Da hast du, Ssruul!« sagte er, nachdem er mich angesehen hatte, und versetzte mir zwei feuerheiße Ohrfeigen.

»Was bedeuten diese Ohrfeigen?!« fragte ich äußerst erstaunt.

»Es ist schon in Ordnung, Ssruul, es ist eine Ohrfeige wert. Da hast du einen Grund. Und zweitens ist es einfach bei uns üblich, so zu grüßen.«

»Oh«, sagte ich mürrisch, »eine solche Grußart gibt's auch nur bei Dämonen.«

»So ist es, wie du sagst«, antwortete er mit einer Grimasse. »Ich bin einer von ihnen. So ist es bei uns Dämonen Brauch. Aber warum wunderst du dich so? Haben denn die Menschen nicht dieselbe Sitte wie wir?«

Ich schwieg und wußte nicht, was ich ihm erwidern sollte.

»Wahrhaftig, Ssruul, du gefällst mir sehr. Beug nur mal deinen Kopf, damit ich dir die Mütze aufsetzen kann.«

»Aber die Mütze ist ja für Verrückte!« rief ich in bitterem Entsetzen. »Ich will sie nicht! Tu, was du willst mit mir, schlag mich, zerhack mich – aber die Mütze tu mir nicht auf den Kopf – ich bin nicht verrückt.«

»Du Narr du, Ssruul! Du begreifst nicht, daß meine Absicht dir wohl will. Die Mütze da ist eine Tarnkappe, und für dich paßt es gerade, von niemandem gesehen zu werden. Etwas Besseres gibt es gar nicht. Es wird dir ein nützliches Mittel beim Gelderwerb und wird dir ein Schutz vor einem Überfall in schlimmer Zeit sein. Wenn die bösen Buben mit den Fäusten über dich kommen werden, wirst du die Mütze aufsetzen, sie über die Nase ziehen und Reißaus nehmen, so daß nicht die mindeste Spur von dir zurückbleibt, Ssrulik!«

»Aber wodurch habe ich diese Gnade verdient?«

»Du bist ein großer Glückspilz, Ssruul, unbeschrien. Man hat es mir befohlen und ich tue es.«

So wie ein Belfer das Kind weckt, wäscht, ankleidet, aufnimmt und auf den Schultern trägt, beschäftigte sich Barche mit mir. Er stellte mich unter einen Strom kalten Wassers, schlug und streckte mir die Knochen gerade, bekleidete mich mit einem merkwürdigen Hemd, einer Mütze, einem langen Leinwandrock und ähnlichen für meine Gesundheit notwendigen Dingen.

Barche war ein guter Teufel, ein redseliger Kerl und bediente mich treulich – rückte mir die Mütze auf dem Kopf gerade, wischte mir die Nase ab und schwoll vor Freude, da er mein schönes Aussehen sah, und erzählte mir furchtbare Geschichten von den Teufeln und ihrem Leben.

Die Teufel sind, wie er mir erzählte, in verschiedene Klassen eingeteilt. Er, Barche, gehöre zur Koboldsgruppe. Die Kobolde sind ein großes Schwindelpack, sie treiben mit den Menschen Possen und dumme Faxen und spielen manchmal auch einen schlimmen Schabernack. Die Mittwoch- und die Sabbat-Nacht sind die besten Zeiten für ihr Spiel. In diesen Nächten nehmen sie menschliche und tierische Gestalten an, um Vorüberreisende zu höhnen und zu verführen. Barche erzählte mir: Einmal erschien er einem Weisen in der Gestalt eines schönen Weibes, und sie spielten miteinander bis zum Hahnenschrei, da zog er dem Weisen eine lange Nase und verschwand unter Höllengelächter. Eine andere Geschichte, wie er Mittwoch nachts einem Fuhrmann in der Gestalt eines gebundenen Kalbes erschien; da kletterte der Mann vom Kutschbock, nahm es und warf es in den Wagen. Während er dabei herumschaffte, ah, da nahm es die Füße auf die Achseln, stellte den Schwanz auf – und auf und davon war's! Barche verlachte unsere Wundermänner und die Zauberer und Tataren der Christen, mit ihren Sprüchen und Amuletten, und erklärte sie für große Betrüger. Es wäre lächerlich, die Teufel kümmerten sich den Deubel um sie. Ich tastete Barche an den Kopf und fragte ihn darauf erstaunt: »Aber, Barche, wo sind denn deine Hörner?« Da lachte er hellauf und antwortete: »Hörner, die haben wir nicht und die hatten wir nie, das ist bloß ein Sinnbild, so wie die Hörner, die die Frauen bei euch ihren Männern aufsetzen.« Und als ich sagte, daß nach der Äußerung der Weisen die Teufel wie Menschen essen und trinken, wie Menschen fruchtbar sind und sich mehren, da nickte er bejahend und fügte noch hinzu: »Nicht nur wie Menschen, sondern auch mit Menschen«, und brachte Beweise aus der Thora und aus dem Midrasch. Die Urschlange, die bekanntlich Sammael selbst ist, verführte ja die Eva, und sie wurde davon mit Kain schwanger. Adam selbst lebte ja, wie bekannt, hundertunddreißig Jahre mit den Teufelinnen, die von ihm Teufel und Dämonen gebaren. Die Engel Schemchasai und Asaël lebten wieder mit Menschenfrauen und erzeugten die Nefilim, die bekannten Riesen. »Trotzdem, hörst du, was ich dir sagen will, es wäre besser, wenn du über solche Dinge nicht grübeltest. Du bist ja unbeweibt. Ein Junggeselle über zwanzig Jahre alt, ach und weh!« fuhr er mich zornig an, erhob seine Hand, und die Ohrfeigen flogen mir wie die Holzscheite an den Kopf, er schlug und sprach: »Was dir ein Geheimnis ist, darüber hast du nicht zu grübeln, junger Mann! Da hast du, Nummer drei, Nummer vier, damit du dich erinnerst und den andern jungen Männern verkündest, daß sie ihren Mund und ihre Feder nicht mit Liebesdingen beflecken!«

Ach, die Ohrfeigen! Diese Ohrfeigen hatten eine gute Wirkung auf mich. Ich schlief nach ihnen wie nach einem Bade herzhaft ein. Wie lange ich schlief, weiß ich nicht, aber als ich erwachte, fand ich mich in der Hand Asmodais liegen, und er flog durch die Lüfte!

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