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Mendele Moicher Sforim: Die Mähre - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorMendele Moicher Sfurim
booktitleDie Fahrten Binjamins des Dritten. Die Mähre. Schloimale
titleDie Mähre
publisherWalter-Verlag
year1962
firstpub1924
translatorSalomo Birnbaum
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130714
modified20170929
projectida439f5b3
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Vorrede des Mendele Moicher Sfurim

Also spricht Mendele der Buchhändler: Gelobt sei der Schöpfer, daß er sich, nachdem er die ganze große Welt geschaffen hatte, mit den himmlischen Heerscharen beriet und zuletzt eine kleine Welt schuf, den Menschen nämlich, der Mikrokosmos heißt, weil das Menschlein alle Arten von Wesen und Geschöpfen in sich vereinigt. Man findet in ihm allerlei wildes Getier, auch verschiedene Arten von Vieh; man findet Eidechse, Blutegel, spanische Fliege, Schabe und ähnliches ekelhaftes Zeug und Ziefer; man findet in ihm sogar den Teufel, den Bösen, den Satan, den Verderber, Kobold, Judenfresser und ähnliche Zerstörer, Vernichter und Plagegeister; man sieht auch wunderbare Szenen: wie zum Beispiel eine Katze mit der Maus spielt; wie ein Iltis in einen Käfig eindringt und den Vögeln die Hälse abdreht; wie Affen einem alles nachmachen, was man tut; wie ein Hund Dressurstücke macht und vor jedem, der ihm ein Stücklein Brot zuwirft, schwanzwedelt; wie eine Spinne eine Fliege an sich lockt, sie umstrickt und aussaugt; wie Mücken einem nachfliegen und die Ohren vollsummen und ähnliche wunderbare Dinge. Aber nicht davon wollte ich sprechen. Gepriesen sei der liebe Gott, der allem schweigend zusieht, was in dieser »kleinen Welt« vorgeht, und sie trotzdem nicht zur Hölle schickt; der langmütig ist und die Sünden vergibt und an dem sündhaften Menschen seine Gnade übt. Ich habe die Absicht, hier von der großen Gnade zu erzählen, die der Herrgott mir armem Sünder erwies, nachdem er mich vorher ein wenig gezüchtigt hatte.

Liebe Leser, mein Rößlein war tot! Mein Rößlein war krepiert, mein treues Pferdchen, das sein Leben lang im Dienste war, mir diente und nichts anderes als unsere Bücher kannte; das auf allen Straßen berühmt und beschlagen war und ein gutes Gedächtnis für jedes Einkehrhaus hatte; das mit mir fast in allen jüdischen Gegenden herumgekommen, in allen Gemeinden und überall bekannt war – dieses Rößlein ist gestorben, hat am Lagboimer in Dümmingen einen schrecklichen Tod erlitten! Es ist schmerzvoll zu sagen, aber Armut ist keine Schande – das Tier ist vor Hunger krepiert! Seine Nahrung waren gewöhnlich ein wenig Häcksel, manchmal ein paar Stücklein trockenen Brotes, das ich Armen mit Bettelsäcken abzukaufen pflegte. Ach und weh, das arme Pferd, das zu einem jüdischen Buchhändler gerät! Immer muß es auf dem Trabe sein und plagt sich vielleicht noch mehr als die anderen, die reiche Ware führen, aber zu essen kriegt es einen Schmarren; ein jüdischer Buchhändler hat selbst einen Schmarren zu essen und krepiert mit Frau und Kindern zehnmal am Tage vor Hunger! Aber nicht davon wollte ich sprechen. Gott hat mich gestraft und ich stand ohne Pferd da. Für den Kauf eines andern hatte ich kein Geld, und da sollte ich auf die Messen fahren! Es war mir gar übel zumute.

Und als ich so in Sorgen saß, kam ein Bekannter zu mir, ging auf mich zu und sagte:

»Reb Mendele, würdet Ihr eine Mähre kaufen?«

»Ich täte es gerne«, antwortete ich ächzend, »aber wo nehme ich die Katze her?«

»Ah bah«, erwiderte er, »das hat nichts zu sagen! Ihr werdet jetzt keinen Pfennig zu geben brauchen. Es ist sogar vielleicht möglich, daß man Euch noch was borgt. Es ist bekannt, daß Ihr ein ehrlicher Mann seid, aber freilich.«

»Wenn dem so ist«, sagte ich zu ihm, »so kaufe ich die Mähre sehr gerne, gleich und ohne Zögern, kommt, laßt uns gehen und die Ware ansehen.«

»Ihr könnt Euch das Gehen ersparen«, antwortete er, »ich habe die Mähre hier bei mir.«

»Was heißt das, Ihr habt sie hier?« fragte ich ihn erstaunt.

»Ja, hier, bei mir unter dem Mantel«, antwortete er lächelnd.

»Ihr macht Euch über mich lustig, Gevatter«, sagte ich ärgerlich. »Sucht Euch einen andern zum Verspotten. Späße sind mir jetzt nicht nach dem Sinn.«

»Behüte. Ich scherze gar nicht«, sagte er und zog unter dem Rockschoß ein großes Bündel Papiere hervor. »Seht Ihr, Reb Mendele, das Ganze da gehört einem Freunde von mir. Seinen Namen werdet Ihr in den Sachen finden, die er geschrieben hat. Eine heißt ›Die Mähre‹, versteht Ihr. Der Verfasser ist jetzt – 's treffe Euch nicht! –, wie soll ich's sagen . . . durcheinander . . . wirr. Wir alle, seine Freunde, sahen es gerne, daß seine Geschichten fortlaufend gedruckt und verkauft werden. Und wen andern hätten wir wählen können, um sich damit zu beschäftigen, als Euch, Reb Mendele, der in unsern Gegenden einen solchen Ruf hat. Wir verlangen von Euch, daß Ihr die Papiere gut durchseht, jede Geschichte ordnet, genau wie es nötig ist – darin verlassen wir uns schon auf Euch. Und zu allererst sollt Ihr ›Die Mähre‹ drucken lassen. Über Vergütung werden wir später sprechen. Ihr werdet sicher zufrieden sein, gewiß. Wenn Ihr jetzt Geld nötig habt, werden wir Euch vorläufig eine Anzahlung geben. Nun wollt Ihr, Reb Mendele?«

»Eine schöne Frage, ob ich will?! Ich will von ganzem Herzen«, antwortete ich und tanzte förmlich vor Freude.

Nachdem ich meine Geschäfte erledigt hatte, ging ich eifrig an »Die Mähre« – stellte sie zusammen, wie es nötig war, teilte sie in Kapitel ein, gab jedem Kapitel einen passenden Namen – eine Arbeit, für die allein sich manche auf den Schriften eines andern unterschreiben und sich Autoren heißen. Kurz, ich war nicht faul und tat getreulich meine Sache.

Nun, liebe Leser, ein paar Worte über »Die Mähre«! »Die Mähre« ist auf hohe Art geschrieben, in der Weise, wie die Alten schrieben. Jeder wird sie gemäß seinem Verstande und seiner Stufe verstehen. Für Menschen tieferer Stufe wird sie einfach eine wunderschöne Geschichte sein, ihnen wird schon die bloße Fabel gefallen. Wer aber von höherer Stufe ist, der wird in ihr Hinweise und Andeutungen über uns sündhafte Menschen finden. Ich zum Beispiel, auf meiner Stufe, fand in ihr fast alle jüdischen Seelen, alle unsere Wesen und das Geheimnis dessen, was sie hier auf der Welt tun. Ich bin überzeugt, beim Lesen werden viele von euch Lesern, jeder nach seiner Stufe, sich nicht zurückhalten können und feurig ausrufen – der eine: »Ah, das ist eine Andeutung auf unsern Reb Jossel«, der andere: »Ah, hier ist Nußen Reb Chakes gemeint! Salmen-Jaankale Reb Mottales! Herschke Reb Abbales!«, der dritte: »Oh, oh, ich habe das Geheimnis unserer Fleischsteuer, unserer Wohltäter und aller unserer Sitten entdeckt!« und so fort.

Ich richtete an die Dümminger Rabbinatsassessoren und alle führenden Männer der besten Gesellschaft folgende Anfrage: »Da ich dem Publikum die Herausgabe eines zweiten Teils der ›Fleischsteuer‹ versprochen und dabei nicht ›Unverschworen!‹ gesagt habe, so war ja mein Wort schon so gut wie ein Gelübde; wie steht es nun nach Gesetz und Recht, meine Herren«, fragte ich sie, »wenn ich jetzt meine ›Mähre‹ herausgebe, kann ich damit mein Gelübde einlösen?« Sie überlegten hin und überlegten her, kratzten sich den Kopf und kratzten sich den Schädel und sprachen endlich also: »Ja, Reb Mendele, da wir hier eine Spur, einen Duft vom Wesen der ›Fleischsteuer‹ verspürt haben, so wollen wir Euch von Eurem Gelübde lösen. ›Ha-Mähre ha-si‹ – diese Mähre, ›chschiwe luchem‹ – sie sei Euch angerechnet ›ke-ille ki-jamtem‹ – als hättet Ihr Wort gehalten und hättet ›ha-chejlek ha-schejne‹ – den zweiten Teil der ›Fleischsteuer‹ ›bechol prutew‹ – mit allem Drum und Dran herausgegeben. Gewiß, Ihr könnt mit ihr nach aller Meinung gut Euerm Versprechen nachkommen.«

»Kamme males toiwes lamukkem« – wieviel Dank bin ich Gott schuldig! Hätte ich »Die Mähre« einfach ganz ohne Vorschuß für den Kauf eines Pferdes erwischt, so wäre es ja genug gewesen. Hätte ich sie mit einem Vorschuß erwischt und sie nicht etwas vom Wesen der »Fleischsteuer« an sich getragen, wäre es genug gewesen. Hätte sie etwas vom Wesen der »Fleischsteuer« an sich gehabt und die Rabbinatsassessoren hätten mich nicht vom Gelübde gelöst, so wäre es genug gewesen. Hätten mich die Rabbinatsassessoren nicht vom Gelübde gelöst und sich dabei nicht sonderlich am Kopf gekratzt und ich hätte nicht gewußt, warum, so wäre es genug gewesen. Hätte ich gewußt, warum, und verstünde nicht, daß »Die Mähre« wohl danach angetan ist, daß man sich ihretwegen am Kopfe kratze, so wäre es auch genug.

Um soviel mehr habe ich dem Herrn zu danken, daß ich »Die Mähre« erwischt habe, und noch dazu Vorschuß für den Kauf eines Pferdes, und daß sie etwas vom Wesen der »Fleischsteuer« an sich hat und die Rabbinatsassessoren mich vom Gelübde lösten und sich dabei sonderlich am Kopfe kratzten und daß ich weiß, warum, und daß ich verstehe, daß »Die Mähre« wohl dazu angetan ist, daß man sich ihretwegen am Kopfe kratze, »lechapper al kol awoinessejne« als Sühne für unsere Sünden.

Das, meine Leser, wollte ich mit meiner kurzen Vorrede sagen. Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über!

Am Neumondstag des Ellel, auf dem Bücherwagen
zwischen Dümmingen und Dösenheim

In Bescheidenheit
Mendele Moicher Sfurim

 


 

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