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Mendele Moicher Sforim: Die Mähre - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorMendele Moicher Sfurim
booktitleDie Fahrten Binjamins des Dritten. Die Mähre. Schloimale
titleDie Mähre
publisherWalter-Verlag
year1962
firstpub1924
translatorSalomo Birnbaum
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130714
modified20170929
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Siebzehntes Kapitel

Man soll den Teufel nicht an die Wand malen

»Da bin ich!« sagte ein Fremder von sonderbarem Aussehen mit wirrem Haar und einer rundum mit allen möglichen Federn besteckten Mütze. »Da bin ich«, sagte er, indem er plötzlich hinter den Zweigen hervorsprang, sich vor mich hinstellte und mich aus seinen grauen Katzenaugen anstarrte.

Ich war erschrocken und entsetzt, hier im Walde einen solchen Gesellen zu sehen. Das ist gewiß ein Räuber, dachte ich, sein fester Nacken, seine Fratze und sein schrecklicher Blick sahen nach einem furchtbaren Räuber aus, der in seinem Leben schon viele Menschen abgeschlachtet hatte. Es schien mir schon, als ob er mich zu Boden schleuderte, ein großes Schlachtmesser zückte. Vor Angst pochte mir das Herz heftig, die Zähne schlugen mir aneinander, und ich fühlte den Geschmack des Todes, als sitze mir das Messer schon an der Kehle. Ich schloß die Augen und sagte im stillen das Sterbebekenntnis.

»Was flüsterst du da, junger Mann?« fragte er und stieß ein sonderbares Gelächter aus, daß es mir in den Ohren gellte und weit im Walde umher ein schreckliches Echo ertönte, als ob tausend alte Hexen zu gleicher Zeit lachten.

»Das ist schon das richtige Gelächter«, dachte ich. »Gleich ist es aus mit mir, gleich geh ich hinüber.« Wie zum Trotz erschien mir die Welt damals so schön und so gut, daß ich gerne alles hingegeben hätte, um leben zu bleiben. Kein Reich besitzt das, was ich damals für eine kurze Zeit Leben gezahlt hätte. Ach wie schön unsere Welt ist! Welche Menschen! Wenn viele andere dasselbe fühlten, wie ich damals, dann sagten sie: »Zur Hölle der Hochmut, der Adel, die Ehre! Zu allen Teufeln aller Zank und Zwist, leerer Streit und Krieg, Verleumdung, Intrigen, Neid und Haß! Es ist alles Eitelkeit der Eitelkeiten, sinnloser Tand. Alle Menschen sind Brüder und Gefährten, sie stammen eigentlich alle vom gleichen Vater, alle hat eigentlich derselbe Gott geschaffen!« Wenn einer vom Leben Abschied nähme und bei vollen Sinnen wäre, so wie ich damals, sagte er: »Ach, warum habe ich es nicht früher begriffen! Umsonst und grundlos war ich überheblich und händelsüchtig: ›Der ist ein Unglücksrabe, ein Nichtsnutz, ein Vagabund, ein Bettler, und jener ist nicht meines Glaubens, er ist ein Schacherer, ein Schwindler, ein schofler Kerl, der nicht auf Ehre sieht. Pfui, ich war böse und schlecht, ein Schwätzer und Lästermaul, ein Lügner, ein Schmeichler, ein Zwischenträger und Verleumder, mein Mund und meine Feder haben unwahres Zeug gesprochen! Was hatten mir denn die andern getan – arme, unbeschirmte, erniedrigte, unterdrückte, elende Menschen? Hatten die armen Seelen nicht genug eigener Not, Leid und Qual von allen Seiten, Elend, Kummer und Sorge in jeglichem Augenblicke, daß auch ich noch kommen und über sie herfallen und sie plagen mußte? Und warum, mein Gott, warum?‹«

Ich bat alle Menschen um Verzeihung und fühlte in Wahrheit, wie dumm es war, daß man stritt und zankte und einander verfolgte. Wenn es möglich gewesen wäre, hätte ich alle gehalst und geküßt und weinend um Verzeihung gebeten. Die Welt gefiel mir so sehr, daß ich beim Scheiden begehrte, noch einmal einen Blick auf sie zu werfen.

Ich öffnete die Augen zur Hälfte und schaute in furchtbarer Verwirrung. Alles ging durcheinander, das Oberste war zu unterst, und das Unterste oben. Es blitzte mir in den Augen und donnerte in den Ohren. Große Schweißtropfen drangen mir aus den Poren. Es war mir kalt und war mir heiß. Feurige Räder, Punkte, Punkte von allen Farben, von allen möglichen Gestalten tanzten und schwebten vor mir, der Teufel weiß, wohin. In ihrer Mitte stand ein großer schwarzer Hund, der in jedem Augenblicke anders aussah, er glotzte, knirschte mit den Zähnen, schnitt Grimassen, bis er endlich die Gestalt eines wilden Menschen annahm und ich in ihm den Unbekannten erkannte.

»Ha-ha, du zitterst!« verspottete er mich. »So mag ich euch, ihr lieben Menschlein, wenn ihr zittert und schweigt.«

Ich blickte ihn schweigend an, genau so wie eine Maus die Katze.

»Nun, da du zitterst«, sprach er weiter, »so sollst du wenigstens wissen, vor wem du zitterst. Ich bin's, der den Weg in eine neue Welt geöffnet hat, damit die alte immer neu werde. Durch mich trollt man sich immer wieder, um hier Platz zu machen. Ich bin's, dessen Kraft immer breit der andern Kraft meines Widerparts entgegensteht. Wir ringen und wollen einander verschlingen. So entspringt in der Welt Neues, dadurch wird alles geboren. Ich bin's, der da war, ehe mir das Nichts urplötzlich strahlend entsprang. Da wurde Wesen aus ihm gemacht, und es vergaß, woher es kam und will seinen alten Vater aus der Welt schaffen. Wir folgen einander auf dem Fuße. Aus jedem Schritte wird und wächst die Zeit. Ich bin der Fürst der Finsternis, der König der Teufel, ich bin der Satan, ich bin Asmodai.«

Ich sank beinahe in Ohnmacht, als ich das hörte. Asmodai berührte mich mit dem Finger, und ich fühlte mich gleich stärker, so daß ich auf den Füßen stehen und sogar sprechen konnte.

»Verzeihe mir«, sprach ich in tiefer Scheu, »daß ich dich fragen werde. Soweit ich gewöhnliches Menschlein deine verhüllten Worte verstand, meinst du es so, daß du und dein Widerpart in dem, was existiert, gegeneinander arbeiten. Der andre zieht an und du stößt ab. Der andre hält zusammen und du trennst alles. Was der andere baut, zerstörst du. Was du zerstörst, baut der andere wieder auf. Das heißt, der andere ist Erschaffer, Schöpfer, und du, Asmodai, Vertilger, Vernichter. Darauf ist die Welt mit ihrem ganzen Inhalt gegründet. Auf diese Weise sieht und fühlt man in ihr immer neues Leben, Tun und Bewegung. ›Es ward Abend und es ward Morgen‹: Es gibt Tag und Nacht, Raum und Zeit. Wenn dem wirklich so ist, wie ich verstand, so entspringt doch das Übel gar nicht aus dir?«

»Das ist es, was ich dir sagen wollte: Ich, Asmodai, verderbe die Welt nicht so sehr wie ihr, Menschlein. Aus meiner Schlechtheit, wie ihr meint, entsteht ihr nicht so viel Not und Übel wie aus eurer Gutheit. Gewiß, ich heiße bei euch der Böse, der Satan. Was immer mal geschehen mag, so geht das allgemeine Geschrei und die Anklage gegen mich los, obwohl das Leid in der Welt gar nicht so ansehnlich ist. Ihr aber, Menschlein, wenn ihr auf einmal unendlich viel Menschen schlachtet, peinigt, Leid und Qual zufügt, so heißt ihr doch gut und fromm! Ihr verdientet noch einen Kuß, denn ihr tut das alles aus Güte! Ihr haltet euch für sehr weise, setzt an der Natur, am Lauf der Welt Fehler aus, ihr redet euch ein, mit eurer Vernunft, mit eurer Güte eine ganz herrliche Welt erschaffen zu haben. Als ihr die gänzlich fertige Welt in die Hände nahmt, habt ihr sie schrecklich verdorben, überall Unordnung und Schaden verursacht, sie sieht aus wie eine kostbare Uhr, die in die Hände eines Kindes fiel. Ich bin wie ich bin. In der ganzen Natur herrschen nur Gesetze, die immer gleichmäßig für alle gelten, da gibt es keine Vornehmheit, keine Barmherzigkeit, alles geht und bewegt sich nach ewigen, gerechten Gesetzen. Ihr, ihr guten Menschlein, wollt das aber nicht zulassen, bei euch wollt ihr von solcher Ordnung nichts wissen. Ihr habt euch in tausenderlei Völker, Religionen, Klassen, Stände, Innungen geteilt und die teilen sich wieder in andere. Für jeden gibt's andere Einführungen – alles verschieden, alles andersartig.«

»Aber worauf bezieht sich das alles, was du mir sagst?« fragte ich ihn.

»Hö-hö, worauf sich das bezieht?! Ich sage es sicherlich nicht einfach in die Luft, so wie ihr es zu tun pflegt, ihr Menschlein, bei denen zwei Leute zusammenkommen und wie die Stare zu schwatzen beginnen, um ihre Weisheit, ihre Philosophie zu zeigen, und dabei Kraut und Rüben durcheinander bringen. Meine Worte beziehen sich auf die Rede, die du soeben über Barmherzigkeit, über eure Vereine gehalten hast. Woher das alles bei euch kommt, will ich dir zeigen. Der Grund ist ein ganz einfacher. Darum spricht man bei euch fortwährend von Barmherzigkeit, darum vermehren sich die barmherzigen Vereine fortwährend, weil bei euch sehr viel Grausamkeit, Verfolgung und Unrecht herrscht. Wenn nur Wahrheit und Gerechtigkeit herrschten, könntet ihr es euch ersparen, den Geschmack der Barmherzigkeit zu verkosten und besäßet nicht so viel erbarmungsreiche Leute, so viel Wohltäter und Vereine. Meine Worte bezogen sich auf eure Güte, verstehst du, auf eure Gutherzigkeit bezogen sich meine Worte, verstehst du?«

»Ach – – tja – –«, stotterte ich ohne richtige Worte.

»Siehst du«, sagte er, »wenn ihr Menschlein so ach und tja stottert, dann ist das manchmal besser als eine Rede. Für euch könnt ihr ja wohl manchmal wie Klarsinnige sprechen, ihr könnt zum Beispiel sagen: ›Da hast du einen Pfennig und gib mir eine Semmel, da hast du so und so viel und schaff mir meine Sache‹, und anderes, was euch selbst angeht. Eure Absicht ist sehr leicht zu begreifen. Kommt es aber einmal dazu, über Angelegenheiten der Gesamtheit zu sprechen oder zu schreiben, dann werdet ihr, zu allen Teufeln, rein verrückt, zu wahrem Vieh! Ihr plappert ganz jämmerlich und redet nicht zur Sache: tausend Lügen, tausend Sprüchlein und sinnloses, ungereimtes Zeug. Ihr betrügt einander, ihr klettert an geraden Wänden hinauf. Ihr verdreht und verwirrt alles so, daß es unmöglich ist, sich herauszuwinden, man kann nicht verstehen, was ihr wollt. Dastehen und wundern muß man sich dann, wie Menschen schreiben, reden, schreiben – und doch nichts zu hören ist: Wie sie mit ihrer Gabe, der Sprache, einander nicht verstehen können, schlimmer, wahrhaftig, als die Tiere!«

»Aber warum hast du eine so heftige Rede losgelassen?« fragte ich.

»Nochmals, ›warum und worauf‹? Selbstverständlich rede ich hier nicht in die Luft hinein, um Spott zu treiben. Meine Worte beziehen sich auf deinen Schriftwechsel mit dem Verein, auf dein früheres Gespräch mit der Mähre beziehen sie sich. Ich sage, daß dein Ach und Tja, das du vorhin wie ein Esel von dir gabst – entschuldige! –, wahrhaftig besser und klüger als deine Predigten sind. Überlege es dir doch selber, ob du nicht rein verrückt bist! Vor dir steht eine sieche, hungrige Mähre, die ein klein wenig Ruhe, ein Mäßlein Ruhe, ein Bündel Heu lebensnotwendig hat – und du willst ihr Heu und Hafer im Abc-Buch zeigen und ihr beweisen, wie gut und schön es sei, irgendwelche Kunststücke zu erlernen! Glaubst du vielleicht, daß bloß du es bist, der sowas plappert? Nein! Komm bitte und ich werde dir viele zeigen, die hungrigen und bedrückten Menschen die gleichen Dinge predigen wie du. Meine Geschäfte bringen mich sehr oft unter die Leute – du mußt wissen, daß Satan, Asmodai, immer sehr stark beschäftigt ist – ich statte jedem Besuch ab, bin mit allen großen Herren bekannt, ich sehe alles, was sie tun, was sie arbeiten, und höre alles, was sie reden und predigen. Laß uns, zum Beispiel, folgende Art nehmen: Stelle dir vor, einer zetert bei euch über die Lehrer: ›Wie lange wird man die Kinder noch solchen Pfuschern anvertrauen, die aus ihren Schülern absonderliche und unnütze Menschen machen?‹ Ein anderer lärmt: ›Wie lange noch wird man junge Kinder verheiraten? Wie lange noch werden die Vermittler zwei Wesen zusammenführen, die bis nach der Hochzeit einander nicht kennen und nichts voneinander wissen?‹ Der dritte erhebt sein Geschrei über die Luftmenschen, die bei euch wie Unkraut sprießen und die Leute mit ihrem dummen Zeug und ihren krummen Dingen verführen. Der vierte schreit: ›Wie lange werden bei uns die Wohltäter blühen und gedeihen, die Steuerpächter, die Stadtbeglücker und ähnliches Gelichter?‹ Alles schreit und tobt: ›Es ist schon an der Zeit, all das zu lassen und klüger, gebildeter, erfahrener zu werden!‹ Kommt aber bei ihrem Geschrei etwas heraus? Alles bleibt, wie es vorher war. Es kann bei ihrem Geschrei auch gar nichts herauskommen: Warum? Darum! Weil in der Welt das gleiche Gesetz für alle Wesen, für alle Menschen herrscht, das keiner, er sei wer immer, ändern kann, gegen das kein Schreien und kein Reden, keine Predigten und keinerlei Mittel hilft; ein Gesetz, das stärker als alle Starken, hartnäckiger als alle Hartnäckigen ist, das sich tausend andere Wege sucht, wenn man sich ihm entgegenstemmt, tausend Erfindungen und Listen, um sich zu erhalten – ich meine das bekannte Gesetz, daß alle essen wollen, jeder sein Leben erhalten will, auf jede mögliche Art, mit allen angängigen Mitteln. Was sind denn die Lehrer? Das ist bei euch eine große, sehr große Menge von Menschen, die essen wollen, die leben wollen, die das aber in der Welt nur gerade durch das Mittel bekommen, daß sie eure Kinder in das Chejder nehmen. Solche notleidende Menschen finden alle Wege, wenden jedes Mittel an, daß eure Kinder in ihre Hände fallen müssen. Gegen euch arbeitet eine gewaltige Kraft, gegen euch kämpft ein Naturgesetz. Die paar Leute mit ihren Verordnungen und ihren Predigten werden es auf keine Weise besiegen! Ebenso ist es mit den frühen Ehen. Jammert darüber, so viel ihr wollt – umsonst! Es gibt eine Menge von Menschen bei euch, die bloß durch Vermittlung von Ehen leben können, und sie verlegen sich aus allen Kräften darauf, den schlechten Brauch zu erhalten und eure Kinder zu verheiraten. Ihr müßt eure Kinder früh zur Hochzeit bringen, denn dafür gibt es bei euch ja ganze Scharen von Vermittlern, sie müssen Vermittler sein, denn davon können sie leben! So geht es auch mit dem Unsinn. Ihr mögt darüber lachen, ihr Prediger, ihr fixen Kerle, so viel ihr wollt – umsonst! Was sind denn die Luftmenschen, die Unsinntreiber? Es sind Menschen, eine ziemliche Menge von Menschen, denen es sonst unmöglich wäre, zu existieren, wenn es diesen Unsinn nicht gäbe. Sie arbeiten eifrig, stellen alle Künste und Faxen an, um den Nonsens bei euch zu erhalten. Ihr müßt an ihm festhalten, denn dafür gibt es bei euch die Scharen von Dummköpfen; und die armen Teufel müssen sich zu Dummköpfen machen, denn davon können sie ihr Stücklein Brot haben und anständig leben. Das gleiche ist's mit euern Wohltätern, mit euern Vormündern und Beglückern. Schimpft darüber, so viel ihr wollt, es wird euch wahrhaftig nichts helfen. Was sind denn eure Stadtwohltäter, eure Weltbeglücker? Eine Menge von armseligen Menschlein, die einfach nichts für einen Tag zu leben hätten und direkt vor Hunger umkämen, wenn sie sich nicht mit allen möglichen Mitteln anstrengten, euch Wohltaten zu erweisen: Eure Fleischsteuer zu erhalten und immer nagelneue Abgaben zu erfinden, wie zum Beispiel auf Mehl, auf Salz, auf Schmalz, auf Licht und so fort; eure ›Empfänger‹ im Lande Israels zu unterhalten und eure Armen hier zu begraben; eure Waisen in jüdischen Schulen zu erziehen und böse Gesetze zu verhindern, damit die armen Juden so wie früher nach etwas aussähen und das blieben, was sie sind. Die armen Kerle müssen sich sorgen, sie müssen sich eurer erbarmen. Die armen Menschen müssen euch Wohltaten erweisen und ihr Armen müsset von ihnen Wohltaten empfangen.

Gegen euch, sage ich noch einmal, arbeiten gewaltige Kräfte, gegen euch tritt ein Naturgesetz auf, in allen den Menschen, die eigentlich bloß Nahrung suchen und alle Mittel gebrauchen, um ihren Unterhalt, ihr Leben zu fristen. Ihr findet euern Unterhalt und euer Leben voneinander, ihr verzehrt und vernichtet einander. Hätte man euch aber wie alle Menschen frei leben lassen, so wie es sich gebührt, dann kämen solche Dinge bei euch überhaupt nicht vor. Würde man euch nur die Welt erschließen, dann könnten all diese Dinge von selbst aufhören und ihr wäret auf einmal von aller Not erlöst. Aber solange ich, Asmodai, da bin, werde ich das nicht zulassen. Ich werde Hokuspokus machen, daß man bloß schimpfe, schreie, predige und Reden halte und nichts tue, daß man euch beständig im Munde führe und es mit euch nie zu einer Regelung komme. Kein anderer Weg für euch, kein anderes Mittel zum Leben! Eßt, freßt einander auf! Beißt und zerreißt einander. Verschlingt einander wie die Fische! Zu allen Höllen mit euch!«

»Ach!« stöhnte ich und faßte mich an den Kopf. »Was hast du gegen uns? Was haben wir dir getan?«

»Was ich gegen euch habe?« sagte er und knirschte mit den Zähnen. »Ich bin euer Todfeind, weil ihr mich gequält habt.«

»Was sagst du?« erwiderte ich. »Wir haben dich gequält?«

»Euer König Salomo hat mich, Asmodai, einmal gefangen«, sagte er zornig, »und mich an eine Kette geschmiedet. Er hat mich furchtbar gequält.«

»Um Himmels willen«, rief ich, »aber welche Schuld haben wir denn? Warum sollen wir Armen für eine Tat büßen, die vor ein paar tausend Jahren geschehen ist? Man muß beide Teile hören. Um Himmels willen, was hast du gegen uns arme Teufel? Was haben wir zu büßen, welche Schuld haben wir?«

»König Salomo gehört zu euch!« schrie er in furchtbarer Wut und versetzte dem Unglücksvieh, der armen Mähre, die während der ganzen Zeit in qualvollem Zittern dagestanden war, einen Hieb. »Ihr, ihr habt Schuld! Jetzt liegt mein Fluch auf euch: Seht alles, nur das nicht, was nottut! Hört jeden, bloß eure wahren Freunde nicht! Redet viel über fremde Angelegenheiten, aber sobald die Rede auf eure eigenen kommt, verlieret die Sprache! Gehet an alles heran, bloß nicht an den rechten Weg zum Glücke! Eure Wohltäter mögen wie die Flöhe im Sommer fruchtbar sein und sich mehren! Sie mögen euch soviel Wohltaten erweisen, daß ihr von ihren Wohltaten krank werdet und keine Kraft mehr habt, sie zu empfangen. Eure Vereine mögen wie Unkraut wachsen und die Kassenbücher ohne Spur verschwinden! Eure Fleischsteuern mögen in Ewigkeit nicht aufhören, ihr sollt hager und mager werden, Geld zahlen und Knochen nagen! Wenn sich einmal jemand eurer annehmen wird, so sollt ihr wie die Tollen über ihn herfallen und ihn mit Steinen bewerfen! Eure Reichen sollen überall Gold in vollen Haufen ausschütten: bloß nicht dafür und dort, wo es nottut. Dort, wo es notwendig ist, sollen sie keinen Pfennig geben wollen! Ihr sollt erbarmungsvoll sein, wenn eure Barmherzigkeit keinen Pfifferling mehr nützt: wenn der schon mit dem Bettelsack herumzieht oder jener am Tode ist und die Seele aufgeben will. Aber während er sich noch hält und nach Mitteln sucht, um sich anständig durchzubringen, sollt ihr ihn verfolgen, ihn niederschleudern und mit den Füßen zertreten. Ihr sollt lange Atlasmäntel anziehen und mit ihnen in den Straßenschmutz steigen! Selbst ein Schnorrer soll lieber seidene Lumpen als ein ganzes Kleid aus Tuch anziehen. In den Angelegenheiten des Diesseits soll sich jeder um sich besonders kümmern, aber in Jenseitsdingen soll man sich sehr um andere kümmern, als bürgte man für sie. Darum sollen Fremde für euch das Gesetz der Gemeinbürgschaft einführen: wird einer ein Verbrechen begehen, so sollt ihr alle schuldig sein. Vor dem Geringsten unter den andern Völkern soll sich der Höchste unter euch klein machen und sich seine Gesellschaft zur Ehre anrechnen. Dagegen bei euch soll der Geringste gar keinen Respekt vor dem Größten haben, jedes Nichts soll Wesens aus sich machen, jeder Narr soll sich für einen sonderlichen Weisen, jeder rohe Flegel für einen edlen Menschen halten! Ein ungebildeter Kerl soll die Frechheit haben, den Gelehrten zu verhöhnen, wer kein Wort von der Thora weiß, soll sich für frömmer als Thoraweise halten. Ihr sollt einander beißen und zerreißen, einander fressen, zu allen Höllen! Geschieht euch recht, so recht! Ich freue mich, ich lache vor Freude!«

Er stieß ein Lachen aus, daß der ganze Wald von Gelächter erfüllt wurde, und verschwand.

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