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Mendele Moicher Sforim: Die Mähre - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorMendele Moicher Sfurim
booktitleDie Fahrten Binjamins des Dritten. Die Mähre. Schloimale
titleDie Mähre
publisherWalter-Verlag
year1962
firstpub1924
translatorSalomo Birnbaum
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130714
modified20170929
projectida439f5b3
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Fünfzehntes Kapitel

Lerne tanzen!

Eine ziemliche Weile saß ich still, und meine Zunge wollte nicht sprechen. Dann hustete ich mich ein wenig aus und fragte die Mähre:

»Na, was sagst du zum Verein? Wie gut und edel er ist, wie er an dich denkt und sich um deine Zukunft kümmert! Er will dein Schicksal besser gestalten, daß man dich nicht mehr so schlecht behandle. Aber das hängt auch sehr von dir ab. Dein Glück und Heil liegt auch sehr in deiner eigenen Hand. Wenn du gehorchen und die Sitte und Weise gelehrter Pferde annehmen wirst, wirst du es später mit Gottes Hilfe gut haben. Statt der groben Arbeiten wird man dich zu schönen und leichten Diensten verwenden. Wer weiß, was sich im Laufe der Zeit noch alles ergeben kann? Du kannst es noch zu etwas bringen und ein ganz anderes Aus- und Ansehen haben. Nun, was sagst du?«

Ich war überzeugt, die Mähre werde beim Hören solcher Worte ganz einfach außer Rand und Band geraten, werde, wie man sagt, mit Händen und Füßen danach greifen und dem Herrn Preis und Lob singen in großer Wonne, wie auch mir, seinem Boten, der ihr die frohe Kunde gebracht hatte. Ich gestehe, daß ich ein ganz ungewöhnliches Vergnügen habe, wenn mir jemand für eine Wohltat dankt, die er von mir oder durch mich hatte. Ich fühle dann, daß ich sein Herr bin und er mein Knecht ist, ich bin der edle Mann, der Glückspender, der Barmherzige, der Wohltäter, und er ist – na ja, der arme Teufel. Mir gebührt natürlich alles, mir gebührt Geld und jedes Vergnügen, und ihm? Er mag sich freuen, daß ein Mensch wie ich sich seiner erbarmte und ihm etwas gab. Ich hätte ihn ja gar anfahren und hinauswerfen können. Wenn er zum Beispiel zu mir gekommen wäre und um etwas gebeten hätte, was er fürs Leben haben mußte und was für mich eine lächerliche Kleinigkeit war – hätte es sich gerade treffen können, daß ich ihn scheel ansah, nicht zu mir reden ließ und die Nase so verzog, daß er kaum die Tür gefunden hätte. Mit einem Blicke hätte ich ihn wie eine Fliege zerquetscht, und alle seine Hoffnungen wären wie Spinngewebe zerrissen. Es hing alles nur an einem Haare.

Wenn mir so ein Mensch dankt, fühle ich, wie hoch ich doch stehe. Dann scheint es, als ob er mir die Segnungen zugestehe, mir das Diesseits und auch das Jenseits gebe und sich mit Recht für eine Null halte. Mir gebührt natürlich ein leichtes Leben, ohne Mühe, ohne Arbeit, ohne Sorge. Dafür bin ich ja ein feiner, edler Mensch. Und ihm – das ist ganz was anderes. Wir sind zwar beide Fleisch und Blut, aber edles Blut ist doch etwas anderes. Nun, und unser beider Natur ist auch verschieden, ich bin an ein gutes Leben und alle Genüsse gewöhnt. Wenn ich mein Gläslein Kaffee oder das Gläslein Tee nicht zur Zeit habe oder wenn mir zu Mittag ein Gericht nicht behagt, oder ich mich ein wenig zu sehr bücke, dann ist's um mich geschehen. Er aber ist das Rackern gewohnt, er ist derb und ganz gefühllos. Die Därme eines Armen sind nicht wählerisch, mag es trocknes Brot sein, mag es Kieselstein sein, wenn es nur zum Essen ist. Wie darf er sich mit mir vergleichen? Wenn mir so ein gewöhnliches, armseliges Menschlein mit zittriger Stimme dankt, dann stehe ich und lächle ein wenig, ganz sonderbar, wie es sich nicht beschreiben läßt. In diesem Lächeln liegen Bescheidenheit und Stolz, eine Art Ernst und Spott, Zutraulichkeit und Abstoßen, na, meinetwegen Mitleid und na, meinetwegen hol dich der Teufel, Redeerlaubnis und eine Andeutung: »Trotzdem Respekt!« Wenn ich ihm dann einen Blick schenke, dann, glaube ich, ist er gar erquickt. Schenke ich ihm noch ein paar Worte, so lasse ich mich zu ihm hinab und predige ihm in meiner Güte Moral, zum Beispiel: »Man muß arbeiten, sich placken, den Pfennig redlich im Schweiße seines Angesichts verdienen, man darf nicht faul sein, man muß mit Berechnung leben!« Oder wenn ich mich einfach auf gut Glück mit Ratschlägen in seine Angelegenheiten einmische und aus dem Finger gesogene Weisheiten von mir gebe: »So ist das und das zu machen, das und das zu schreiben, so ist es gut, so ist es schlecht«, und ähnliche Ansichten ohne Grundlage – dann, scheint es mir, weiß er sich vor Freude nicht zu lassen, er sagt zu jedem meiner Worte Amen und dankt mir für meine erquickende Moralpredigt, für meine klugen Ratschläge. Ich glaube, daß mir hierin viele reiche Leute gleich sind, viele barmherzige, große Herren. Ich erkenne es immer an ihrem Gesicht, an ihrem Lächeln, an ihren leuchtenden Augen, an ihrer Rede, an ihren Ratschlägen und ihren Moralpredigten. Noch besser zeigt es sich manchmal in ihrem Handreichen. Was kann da wohl auf den ersten Blick beim Handreichen sein? Bei gewöhnlichen Menschen ist das ganz einfach, man gibt dem andern die Hand mit allen Fingern, so wie sie ist, ganz ungekünstelt. Aber bei den feinen Leuten stecken im Handgeben große Künste, man gibt sie auf vielerlei Art. In jeder Art stecken ganze Gesetze, eine ganze Sprache kommt darin zum Ausdruck. Als ich ein feiner Mensch wurde, habe ich die Künste des Handgebens eine sehr sehr lange Zeit lernen müssen. Wenn Gott mir Gesundheit und Leben schenkt, gedenke ich ein dickes Buch in mehreren Teilen unter dem Titel »Die Handkunst« drucken zu lassen. Der erste Teil behandelt das Nehmen. Nun, das ist eine leichte Sache, eine Regel für immer, für jedermann gleich, daß man mit der ganzen Hand nehmen soll, und wenn es geht, pflegt man überall mit beiden zuzugreifen. Die ganze Schwierigkeit liegt im Geben. Darüber handeln alle Kommentare, dafür gibt es tausende Erläuterungen, hier ist der Kern des Buches. Ich bin überzeugt, daß die Welt von dem Buch großen Nutzen haben wird, insbesondere jene Menschen, die plötzlich in die Höhe kommen, die sehr gerne eine Rolle spielen, in allen Dingen den Großen und Vornehmen nachtun möchten; ferner auch den Frauenzimmern, die plötzlich in den älteren Jahren die jüdische Kopfhaube abwerfen, sich nach der letzten Mode putzen, schön tun, sich ein Air geben und gar mit einem Male ganze Damen werden!

Diesmal aber war mir keine Freude beschert. Die Mähre dankte mir nicht nur nicht, sie wollte sogar dem Anscheine nach von meinen Worten nicht einmal was hören. Sie wandte sich zur Seite und fraß mit einer Miene Gras, als merke sie gar nicht, daß ich überhaupt neben ihr saß. Das verletzte mich ein wenig, ich wiederholte ihr abermals meine früheren Worte, sie tat weiter, als gehe sie's nicht an und blieb bei ihrer Sache, als ob sie sagte: »Was kümmert es mich, was der da schwätzt, was der mich lehren will?« Eine solche Kränkung konnte ich nicht mehr ertragen. Was sollte das heißen?! Erzählte ich hier denn Unsinn? Ich sprach doch über Aufklärung, über Bildung! Ich war wütend, daß ihr das keine Freude machte. Ich sprang rasch auf, wandte mich zu der Mähre und hielt ihr eine ganze Predigt:

»Jedermann weiß«, sprach ich feurig, »klein und groß, daß alle Weisen die Bildung oder Gelehrsamkeit mit dem Lichte vergleichen. Die ›Lehre ist Licht‹, sagt auch die Heilige Schrift. Aber Roheit und Unbildung vergleichen sie mit der Finsternis. Ein Gebildeter hat es klar vor den Augen, klar in all seinen Gliedern. Die Bildung gibt jedem, genau so wie das Licht, Glück und Leben. Wer gebildet ist, der lebt sehr glücklich, in Reichtum und Ehren. Er erfreut sich der Welt und die Welt erfreut sich seiner, jedermann liebt ihn ganz außergewöhnlich, man hält es ohne ihn gar nicht aus. Man gibt ihm das Schönste und das Beste, selbst das Tellerlein vom Himmel nimmt man herab und erfüllt ihm jeden Schlaraffenwunsch. Kurz, es geht ihm gut, gut, unendlich gut. Die Reichen und Großen sind vor Freude über ihn außer sich, wissen sich gar nicht zu lassen, lecken sich alle zehn Finger, wenn er nur ein Wort sagt. Jeder will ihn wie einen kostbaren Edelstein zu sich ziehen, und wenn sie einen Ball, ein Mahl oder ein Fest veranstalten, dann steht er als erster auf ihrer Liste, als Glanzpunkt. Jawohl, sie begreifen, daß das Geld ein Schmarren ist, heute ist es da und morgen nicht mehr, er aber ist selber Geld, er ist Gold und Silber. Was braucht er Geld? Was Schmuck? Wo er doch selbst als Goldstück gilt, wo er doch selbst ein Edelstein ist! Wenn er es versucht und um ein Darlehen oder dergleichen bittet, erfüllen sie augenblicklich und freudig seinen Wunsch. Welcher reiche Mann zum Beispiel hat in seinem Leben je einem Gebildeten etwas verweigert? Wer, bitte, und wann? Ich glaube, kein einziger! Beklagt sich jemand in dieser Sache, so ist er gewiß ein Lügner, und wenn er als wahrheitsliebender Mensch bekannt ist, so muß etwas dahinterstecken, sie haben sich wohl beide geirrt. Die Aristokraten, das heißt die feinen Leute, die immer die Nase in der Höhe haben und groß tun, ganz ohne Grund, die von jedem Respekt für sich verlangen, wegen ihrer modernen Hosen, Stiefeletten und so weiter, wegen ihres Verständnisses für schöne Waren und alle geschmackvollen Dinge und auch wegen ihres guten Mittagessen, bei dem ein wenig mehr Fleisch und Schmalz und ein Gericht mehr zu finden ist als bei den gewöhnlichen Leuten – diese verfeinerten Menschen laufen dem Gebildeten entgegen und erweisen ihm viel Ehre. Selbst jene Damen, die so schön tun, daß man, wenn man auf sie zugeht, manchmal ganz klein wird, sonderbare Gesichter schneidet und nicht weiß, wie man stehen, wie man sitzen, wo man die Hände hintun soll; daß man ganz wirr wird, durcheinander spricht und an jedem Worte ersticken will; die Stimme sich verändert, es in den Ohren rauscht, daß man beinahe selber nicht hört, was man spricht; jene Damen, in deren Gesellschaft sich selbst die ganz Forschen mit gezwungener Ungezwungenheit benehmen, das heißt in klarem Deutsch, sich Gewalt antun und sich zwingen, ihr Benehmen ungezwungen und frei erscheinen zu lassen; die glauben, daß sie die Menschen mit jedem Wort, mit jedem Blick beglücken; denen ganze Berge von wichtigen Dingen obliegen – gewichtige Berge von fremdem Haar und Wälder von Lumpenblumen auf dem Kopfe – selbst sie laufen dem Gebildeten nach und erquicken sich an jedem seiner Worte. Hat es denn nicht auch so zu sein? Sagt es denn nicht die Schrift? Sie sagt: ›Heil dem Menschen, der Weisheit gefunden!‹ Warum? ›Denn besser ist ihr Erwerb, als der Erwerb des Silbers, in ihrer Linken ist Reichtum und Ehre.‹ Nun braucht man denn besseren Beweis als die Schrift?

Ich will mich hier nicht lange darüber verbreiten, um aus dem Weltlauf her zu beweisen, wie schlecht und schlimm und böse es den Ungebildeten geht, wie schwach und verächtlich die armen Kerle sind, wie sie sich überall bücken und ducken müssen, wie sie leiden und sich quälen. Nein! Ich will jetzt nicht davon sprechen, ich will hier nicht mehr beweisen, wie gut die Bildung ist, und von hier aus will ich auf dich kommen, damit du begreifst, wie willkommen dir die Absicht des Vereins sein muß, dich zu –«

Aber meine Mähre stand plötzlich mitten in meiner Rede auf, ging ein paar Schritte fort und begann Gras zu fressen, ganz gleichmütig, ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen. Ich aber wollte nicht schweigen, jetzt ging's mir schon um das Rechtbehalten, ich war sehr ärgerlich. War ich denn ein kleines Kind, wie?! Schwatzte ich denn bloß? So predigte ich ihr wenigstens von ferne, wenn sie gleich nichts hören wollte, immer weiter und schloß laut mit der Schrift: »Wenn ihr folgen und hören werdet, werdet ihr das Beste des Landes essen!«

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