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Mendele Moicher Sforim: Die Mähre - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorMendele Moicher Sfurim
booktitleDie Fahrten Binjamins des Dritten. Die Mähre. Schloimale
titleDie Mähre
publisherWalter-Verlag
year1962
firstpub1924
translatorSalomo Birnbaum
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130714
modified20170929
projectida439f5b3
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Dreizehntes Kapitel

Ein Brief an den Vorstand des Tierschutz-Vereines

Nachdem die Mähre ihre Geschichte zu Ende erzählt hatte, seufzte ich von ganzem Herzen auf und dachte wieder nach.

»Du denkst heute zu viel nach«, redete mich die Mähre an. »Du bist verwirrt, lege dich schlafen und ruhe dich ein wenig aus.«

»Ich soll schlafen!« rief ich feurig, »während du leidest, während du stöhnst, während dir jedes Glied weh tut?! Ich soll schlafen, während du Hilfe brauchst, während du dich nicht allein von der Stelle rühren kannst, du Arme, und jemanden haben mußt, der dir hilft, ein wenig aufzustehen und auf den Beinen zu stehen?! Es ist ja wahr, ich bin eigentlich nicht der Mensch, den du in deiner Not brauchst. Was kann ein so krankes Menschlein wie ich dir helfen? Wie groß ist denn meine ganze Kraft? Daß ich nicht lache! Ich halte mich selber kaum auf den Beinen, mit einem Hauch kann man mich umwerfen. Du brauchst einen Starken, einen Machtvollen, einen Gesunden und Tüchtigen. Aber solange dieser eine nicht da ist, solange du niemanden hast, darf ich mich nicht stellen, als wüßte ich nichts, und mich schlafen legen. Ich muß alle meine Kräfte anwenden, um dir irgendwie zu helfen, du Arme. Nein, behüte, wie darf ich, wie kann ich schlafen? – Ich soll mich ausruhen, sagst du! Sage doch selbst, ist es möglich zu ruhen, nach allem, was ich sah und hörte? Kann ich ruhen, wenn so große Leiden vor meinen Augen stehen, wenn die ganze Bande Nichtstuer und Blutsauger mir den Kopf wirr macht und wie schreckliche Heuschreckenschwärme vor mir herum wirbelt? Im nächsten Nu, glaube ich, fallen sie über mich her und zerfetzen mich in kleine Stücklein. Jeder versetzt mir bloß einen kleinen Biß – sie verzehren mich und keine Spur bleibt von mir zurück. Nein, sage ich dir, ich werde nicht schlafen, ich werde nicht ruhen!«

»Du sprichst feurig, wie ein Jüngling, verzeih«, sagte die Mähre und schüttelte den Kopf, »wie jemand, der eben das Gymnasium verlassen hat. Gewöhnlich schließen die rasch Bekanntschaft und hängen gleich innig aneinander. Das kleinste bißchen Unrecht setzt sie in Flammen, sie brennen und lodern, sie reden unendlich, sie nehmen sich den Kopf voll, sie glauben, damit die ganze Welt umzukrempeln. Ich sah schon viele solcher Menschen in meinem Leben. Wenn sie ein wenig älter wurden und in der Welt herumkamen, Nahrungssorgen spürten, ließen sie die Nase hängen, dann verloren sie die Sprache, und außer ihrem eigenen Interesse kümmerte sie gar nichts weiter. Es war wenigstens noch gut, wenn sie selbst ehrlich blieben und die Wahrheit nicht um einen Pfennig verkauften und sich nicht den Leuten anschlossen, gegen die sie früher waren, weil sie krumme Wege gingen; es war noch gut, wenn sie diese Leute nicht vor der ganzen Welt lobten und ihre frühern Freunde mit glühender Kohle überschütteten. Bei dir wird es auch so gehen. Jetzt bist du jung und feuerheiß, bald wirst du dich abkühlen, wirst mich vergessen und ganz ruhig schlafen – was wird dich die elende Mähre kümmern? Später, ach gewiß, wirst du kälter und stiller werden. Das ist schon so der Lauf der Natur, bei Mensch und Tier. Sieh zum Beispiel das kleinste Kälblein an, wie es mit den Beinlein stampft, wie heftig es den Schwanz aufwirft und wie ein Teufel herumspringt. Schau aber mal das gleiche Kälblein ein wenig später an, wenn es ein Ochse wird, wie still es ist, wie es mit dem Kopf unters Joch gebeugt dahergeht. Was hat's zu sagen? Wahrhaftig, jeder wird später ein Ochse.«

»Bei meiner Seele!« rief ich noch feuriger aus. »Du irrst in mir, bei meiner Seele! Ach, wenn du wüßtest, was es in meinem Herzen gibt, was ich schon für dich getan habe und was ich noch für dich zu tun gedenke.«

»Was du getan hast und noch zu tun gedenkst?« unterbrach mich die Mähre, und ihre Worte enthielten Verwunderung und Spott. »Na, so erzähle doch, so laß doch mal hören!«

Ein paar Augenblicke stöberte ich in meiner Busentasche herum und nahm ein paar beschriebene Bogen hervor.

»Das wird dir bezeugen«, sagte ich mit ernstem Gesicht, indem ich einen Bogen hervorzog, »daß ich es liebe, zu handeln, und mich nicht mit bloßem Reden begnüge, so wie andere. Das ist ein Brief, den ich deinetwegen an den Vorstand des Tierschutz-Vereines schrieb, verstehst du, als ich deine schlimme Lage kennen lernte.«

Meine Mähre spitzte die Ohren, und ich las ihr meinen Brief mit folgenden Worten laut vor:

»Die Eigenschaft des Mitleides ist heutzutage so stark und so sehr in der Mode, daß die Menschen begannen, sich nicht nur der Menschen allein zu erbarmen, nämlich sie nicht zu hassen, zu quälen, ihr Leben zu verbittern, so wie in den alten Zeiten, sondern jedermann als Bruder, als Gefährten, als Freund zu betrachten, ohne Unterschied, aus welchem Lande oder von welchem Glauben er sei; nicht nur Menschen allein, sage ich, begann man heute, barmherzig und menschlich zu behandeln, sondern noch mehr die Tiere, selbst sie behandelt man heute erbarmungsvoll und betrachtet sie als Geschöpfe Gottes, und darum verdient auch die heutige Zeit mit Recht ihren Namen als Zeit der Menschlichkeit.«

»Phrasen, Phrasen, Phrasen!« fiel mir die Mähre höhnend ins Wort. »Nette Menschlichkeit! Du hättest noch hinzufügen dürfen, daß man einander heute das Leben auf sehr leichte und geschwinde Weise nimmt, mit guten Gewehren und klugen Erfindungen, die das barmherzige Geschlecht zum Besten der Menschen ersann.«

»Warte nur, warte!« rief ich hitzig. »Nur ein wenig Geduld! Was habe ich von deinem Gerede! Hör doch nur weiter und bring mich nicht durcheinander. Wo bin ich stehen geblieben? Ja, hier: ›Die heutige Zeit verdient mit Recht ihren Namen als Zeit der Menschlichkeit. Die Ehre für diese erhabene Tugend gebührt Euch, meine Herren, Euch, Ihr herrlichen, kostbaren, guten Menschen, Euch Führern des berühmten Tierschutz-Vereines! Durch Euch ist ja so vielen lebendigen Geschöpfen geholfen worden, so viel Tieren, so viel Vögeln, Euch ist es zu verdanken, daß man sie heute besser, menschlicher behandelt, daß die Mode des Quälens, Schlagens, Leidzufügens vorüber ist! Überall, auf allen Wegen, auf allen Fahrstraßen, in allen Städten, in allen Dörfern, in allen Nestern gibt es ja heute Eure barmherzigen Boten, gute und kluge Mitglieder, die eifrig auf der Wacht sind und jedermann auch nur den mindesten Schmerz, den er Tieren bereitet, büßen lassen. Behüte – heute weh zu tun!‹«

»Phrasen, Phrasen, Phrasen!« unterbrach mich die Mähre wieder mit heftigem Hohn. »Heil euch, ihr lebenden Wesen, Heil euern Kindern, daß ihr in einem Geschlechte lebt, da gute Vereinsmitglieder um euch bekümmert sind! Tanzt, ihr Tierlein, tanzet! Auf den Schlachthof bemühe dich einmal, dann wirst du ein Konzert hören, da wirst du hören und sehen, wie Hühner, Gänse, Truthühner und andere vor Freude singen, springen und zappeln! Dort steht Gottes Lieblingskind, der König aller Geschöpfe, irgend ein Schächter, ein frommes Männlein, sagt die Benedeiung, schneidet einem Hahn die Kehle durch und rupft ihm gleich im selben Augenblick die ganzen Federn aus. Der Hahn schreit laut Amen und brüllt vor lauter Wonne. Er zuckt und zappelt in seiner Nacktheit, und es dauert manchmal eine hübsche Weile, bis er seine Seele aushaucht, und während des Aushauchens freut er sich mächtig, daß er gewürdigt wird, zusammen mit allen Hühnern der Stadt dem guten, dem frommen, dem barmherzigen Schächter seine Federn als Erbe zu hinterlassen . . . Wieviel vollgepackte Säcke mit Federn trug ich in Dümmingen bei den Schächtern! Dieses Erbe, dieses kostbare, herrliche Erbe – oder Federnrecht, wie sie es nennen – kostete mich viel Schweiß, ich rackerte mich mächtig ab, die Knochen tun mir davon wehe!«

»Ach was!« erwiderte ich und glühte und brannte von dem Vergnügen des Lesens. »Ach, was hat das damit zu tun? Wahrhaftig, du verstehst nicht, wie man zu schreiben hat, du hast kein Gefühl dafür. Hör lieber weiter, was weiter steht! Schweige lieber und höre mit Verstand zu, was ich vorlese. Also, ich schreibe so weiter:

›Und da ich die Ehre und das große Glück habe, ein Mitglied dieser Gesellschaft zu sein, bin ich verpflichtet, Euch von einem Geschöpfe Gottes zu berichten, das keinen Namen hat, das Euch zu nennen ich wahrhaftig in Verlegenheit bin. Sollte ich es eine Mähre nennen, so scheint es doch wieder – bitte, lachet nur nicht – ein Mensch zu sein. Sollte ich es einen Menschen nennen, so scheint es doch eine Mähre zu sein! Noch einmal, meine Herren, lacht mich nicht aus! Ich habe es mir nicht aus den Fingern gesogen. Die Sache ist höchst einfach, dieses Geschöpf lebt auf der Welt. Es ist eine Mähre, aber es hat Herz und Hirn und alles wie ein Mensch. Wenn man darüber philosophiert, kann man sogar beweisen, daß es nichts Neues unter der Sonne gibt, daß solche Dinge vorkommen. Was waren denn die Parias in Indien zum Beispiel? Ja das waren Menschen, die so viel wie Hunde galten. Was waren denn einst die Leibeigenen – drüben in Amerika? Weder Menschen noch Vieh. Was will man mehr, stellte denn nicht erst vor kurzem ein großer Jesuitenpater, Burgstaller aus Feldkirch, den berühmten Gelehrten Alexander von Humboldt in seinem Zorn auf die Stufe der Tiere? Er machte diesen Gelehrten ganz einfach zum Vieh! Ein Wunder, daß man noch rechtzeitig darauf achtete, ein großes Gelächter erhob und nichts daraus wurde. Aber ich will mich nicht in höhere Sphären begeben. Wisset, daß es in unserer Gegend ein armes Wesen gibt, das furchtbar leidet. Jeder, der etwas braucht, nützt es zu seinem Vorteil aus. Es trägt das Joch und Lasten über seine Kräfte. Trotzdem behandelt man es schlecht. Man hält das Wesen nämlich von der Stadtherde abgesondert, als ob es die Pest hätte. Wenn es irgendwo nur das kleinste Bröselchen erwischt, hetzt man die Hunde darauf und schreit Zeter, daß es Schaden anrichte, von allen Seiten hageln die Hiebe auf das Unglückswesen nieder. Viele Vereinsmitglieder sehen zu und – o Wunder! – stellen sich, als wüßten sie nichts, als ob es vogelfrei sei und den Verein überhaupt nichts angehe. Ich versuchte mich einige Male für das Geschöpf einzusetzen, da bekam ich es ordentlich ab. Um Himmels willen, schreie ich, was ist das? Angenommen sogar, das Wesen, von dem ich hier schreibe, wäre nichts weiter als eine Mähre, alles andere sei ganz beiseite gelassen – aber schließlich ist es ja ein Geschöpf Gottes wie alle anderen Mähren. Auch für die Armen gilt die Mitleidspflicht!

Und Ihr, barmherzige Vorsteher des herrlichen Vereines, dessen großes Erbarmen allem Getier und Vieh gilt, erbarmt Euch der elenden, unglücklichen Mähre! Stehet ihr in ihren Nöten bei und schützet sie vor der Unbill. Breitet Eure Fittiche über sie, daß sie durch Euch Rettung finde, auf daß auch das arme Unglückswesen wisse, daß es heute nicht mehr vogelfrei in der Welt zugeht, daß es den ›Tierschutz-Verein‹ gibt!‹«

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