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Mendele Moicher Sforim: Die Mähre - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorMendele Moicher Sfurim
booktitleDie Fahrten Binjamins des Dritten. Die Mähre. Schloimale
titleDie Mähre
publisherWalter-Verlag
year1962
firstpub1924
translatorSalomo Birnbaum
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130714
modified20170929
projectida439f5b3
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Zwölftes Kapitel

Die Mähre als Kommentar zu Hiob

»Ist es deine Stimme, guter, alter Bekannter?«

»Ja, mein unseliger Prinz, meine elende, unglückliche Mähre«, antwortete ich und weinte auf.

»Warum weinst du?« fragte sie und schüttelte so heftig den Kopf, als werfe sie einen ganzen Berg voller Last ab und blickte mich mit einem Ausdruck, wirklich wie ein Mensch, freundlich an. »Du mußtest wohl um meinetwillen viel Leid und Not ertragen?«

»Ach!« antwortete ich. »Meine Leiden bedeuten nichts, du hast sie mir nicht absichtlich angetan. Du hast keine Schuld, du Arme. Deine Not ist grenzenlos, groß wie der Ozean. Ich weine, wenn ich dich ansehe, mein gestürzter, irrender Prinz. Ach, wie lange wirst du diese Qualen tragen, umherirren und von jedermann Leiden erdulden? Wie lange, ach, wirst du eine Mähre sein, die ewige Mähre der Welt?«

»Bis die Menschen besser und vernünftiger sein werden«, erwiderte sie, »bis Grausamkeit und Erbarmen, Böses und Wohltat, Hintanstellung und Bevorzugung aufhören und allein Wahrheit und Gerechtigkeit in der Welt herrschen werden. Bis die Unterschiede zwischen den Menschen aufhören werden, der Wolf mit dem Schafe wohnen, der Bär mit der Kuh zusammen weiden und der Löwe wie das Rind Stroh essen wird. Bis das Übel verschwinden, die bösen Mächte ihre Macht verlieren und die Tränen von jeglichem Angesichte gewischt sein werden!«

»Ach!« stöhnte ich. »Zu lange ist es noch, darauf zu warten. Bis dahin, fürchte ich, wird man dir den Garaus machen, dir die Seele aus dem Leibe reißen.«

»Es geht mir genau so«, meinte sie, »wie einem alten Leidensgefährten, wie Hiob. Als er dem Satan übergeben wurde, sprach Gott also: ›Satan, tu meinem Hiob, was du willst, schlage, quäle, peinige, martere seinen Leib, aber rühre nicht an seinen Geist, an seine Seele!‹«

»Hiob!« rief ich aus. »Ja, das ist dein Leidensgefährte. Nein, das bist du selbst! Hiob ist Gleichnis für dich. Dort spiegelt sich dein einstiges, glückliches, reiches und angesehenes Leben wider. Dort spiegeln sich deine Leiden wider, die Verfolgungen, die spitzen Reden der Menschen, als dich das große Unglück traf. Dort spiegelt sich alles getreulich wider. Hiob bist du! Du bist Hiob mit seinem Satan, mit seinen Heimsuchungen, mit den falschen Freunden, die in der schlimmen Zeit über ihn herfallen und ihn beschuldigen, daß er nicht gut, daß er nicht fromm sei. Hiob ist deine Geschichte. Der Anfang und die Mitte Hiobs haben sich bei dir schon klar gezeigt, auch sein Ende wird bei dir ganz sicher in Erfüllung gehen. Der Sturm, in dem Gott und die Gerechtigkeit erscheinen werden, wird, glaube ich, ein größerer und stärkerer als der sein, der vor kurzem war!«

»Man sagt«, meinte sie, »daß das eben von jenem berühmten Mann geschrieben sei, der mich einst aus einer Mähre wieder zu einem Menschen gemacht hat. Er hat darin in weite Fernen gesehen.«

Ich sah meine Mähre an – da nahm ich wahr, daß sie wie tot auf den Rücken gestreckt lag und heftig stöhnte.

»Ach!« sagte sie ächzend zu mir. »Sie haben mich entsetzlich gemartert. Ich fühle, daß mir die Kräfte immer mehr schwinden. Wenn sich mein Mund zum Sprechen auftut, sobald ich mich umzuschauen und alles zu bedenken beginne, dann fange ich erst an, meine Schmerzen zu spüren. Ach, sie haben mich schrecklich schwach gemacht – ich glaube, ich habe kein heiles Glied, keinen heilen Knochen mehr! Da haben mich eben erst ein paar Leute fürchterlich gemartert, ich bin ihren Händen kaum lebend entronnen. Hilf mir, bitte, daß ich mich ein wenig aufrichte und auf die Seite stütze, es schickt sich ja nicht, wie ich so ausgestreckt daliege, ich kann mich allein nicht rühren. Ach, mein Kopf, mein Kopf!«

»Was hast du?« fragte ich sie mitleidig. »Tut dir der Kopf weh?«

»Oh«, antwortete sie, »jedes Gliedlein tut mir weh, mein ganzer Körper tut mir weh. Der Kopf schmerzt mich, der Kopf und der Vorderleib, der Vorderleib und auch das Hinter-, Hinterteil!«

»Laß dich aber nicht unterkriegen«, bat ich sie, »morgen, wenn wir in der Stadt sein werden, werde ich einen Arzt bitten, dich zu untersuchen und dir etwas zu verschreiben.«

»Ach, ach!« fuhr sie entsetzt auf. »Sag den Namen Arzt nicht vor mir, erwähne ihn nicht. Wer kennt die Ärzte so wie ich, die Pfuscher mit ihren Medizinen, mit ihren Rezepten?! Sie sind gleich mit Aderlassen, Blutzapfen bei der Hand. Ich trage gottlob schon eine Menge blauer Spuren von ihren Rezepten an mir. Siehst du hier die frischen Zeichen? Die hat mir unlängst ein Dnjeperstädter Pfuscher mit seinem Handwerkszeug und seinen Rezepten gemacht. Er ist außer sich vor Vergnügen, wenn er Gelegenheit zum Verschreiben hat. Es gibt sehr viel solcher Ärzte, die es lieben, bei der kleinsten Kleinigkeit zu schreiben, sie schreiben ganze Litaneien nieder, ganze große Bogen voll.«

»Erzähle mir doch«, bat ich sie, »wo warst du die ganze Zeit, seit du mir entschwandest? Was ist das für ein Wesen, das damals auf dich hinaufsprang und dich aus der Grube hinausritt? Wo kam das her?«

Meine Mähre hob mit gewaltiger Anstrengung den halben Körper auf die beiden Vorderbeine, sah mich freundlich an und begann zu erzählen:

»Das war ein Dämon, der auf mir aufsaß. Wenn mich die unguten Kerle ein wenig in Frieden lassen, wächst plötzlich ein Dämon wie aus dem Boden hervor, sitzt auf mir auf und jagt mich über Berg und Tal, über Felder und Wälder. Sobald nur einer den Anfang gemacht hat, tauchen plötzlich noch viele Dämonen in verschiedenen Gestalten und Graden auf. Dann gibt es ein Spotten und Lachen bis in den Himmel hoch, jeder zeigt lange Nasen und steckt die Zunge heraus. Alle, klein und groß, machen sich über mich her und beschäftigen sich mit mir. Oft geraten sie um meinetwillen in Streit. Der eine meint, man solle so und so mit mir vorgehen und der andere sagt etwas anderes. Der meint, ich solle in der Luft fliegen und jener wünscht, ich solle durch die Erde gehen. Das gibt einen Lärm, ein Geschrei, ein Getobe, ein Getümmel, daß einem der Kopf vom Hören wirr wird. So treiben sie ihr Spiel mit mir und schreien, und die ewige Frage über mich bleibt ungelöst. Im trüben Wasser, sagt die Welt, ist gut fischen. Mitten in dem scheußlichen Wirbel packt mich dann einer und reitet auf mir in die Welt hinein, macht mit mir Geschäfte und beginnt mich an verschiedene Leute zu verkaufen. Ich sage an ›verschiedene‹, denn in kurzer Zeit diene ich vielen Herren. Bevor ich mich noch recht bei dem einen umgesehen habe, kommt der Teufel und bringt mich zu einem andern. Bei wem war ich denn nicht schon überall? Wer hatte denn nicht schon von mir Nutzen und schöpfte sich bei mir was ab? Fang beim kleinsten Edelmännlein an, beim Hundert-Obmann, beim Viertelführer bis hoch hinauf; beim Magged, beim Prediger, beim Moralpauker, beim frommen Mann bis zum Gottespolizisten und ähnlichen Beamten im Himmelskorps; beim Lakaien, beim Aufseher, beim Briefträger bis zum Direktor einer jüdischen Schule; beim Schammes, Gemeindeschreiber, Presser, beim Abgeordneten, beim Rat, beim Ratgeber, Philanthropen, Fürsprecher bis zum Steuerpächter für Fleisch und Kerzen und die ganze Gesellschaft in der Verwaltung; fang beim Belfer an, beim Lehrer, beim Heiratsvermittler, beim Hochzeitsspaßmacher, beim Luftmenschen, bei all den tausenden Vorstehern, Sendboten, Fürsprechern, Jeschiwe-Jüngern, ›Abgesonderten‹, Gelehrten, beim feinen Mann, beim noblen Herrn, beim Sohn guter Eltern, beim Psalmensager, beim Mischna-Lerner, beim Vorbeter, Schoifer-Bläser, Drejdel-Macher, Pirem-Schauspieler, Mazze-Radler bis zum Dajen, Schächter, Porscher, Aufseher, bis zur Taucherin, Dochtlegerin, Friedhofmesserin und dem ganzen Bündel ›Heiliger Beamter‹ – alle, alle haben sich über mich hergemacht, für jeden mußte ich arbeiten, jeden auf mir tragen, sie kosten mich Gesundheit und Leben, ich könnte von ihnen sagen und singen. Wenn meine Arbeit sie wenigstens befriedigte! Aber wo! So viel ich auch arbeite, alles ist zu wenig und ungenügend. Das ist kein Spaß, ein solcher Haufen, eine so große hungrige Gesellschaft. Brächte meine Arbeit wenigstens einen Nutzen! Aber wo! Ich arbeite und plage mich – für wen? Daß ich nicht lache – für wen?!

Und als ob es der Teufel täte, falle ich immer in die Hände solcher Leute, sie nehmen mir das Mark aus den Knochen, machen mir Kopf und Hirn stumpfsinnig. Von diesen Leuten weiß ich sehr viel Dinge, über sie gibt es viel zu sprechen und zu fragen. Aber nicht alles, was man weiß, kann man reden, nicht alle Fragen kann man stellen und nicht jede Frage erhält ihre Lösung. Was ist zu tun? Man muß sich manchmal mit einer Lösung für alle Fragen begnügen: ›Knechte waren wir dem Pharao in Ägypten‹, das heißt: ›Zur Mähre machte mich der König von Ägypten.‹«

»Eine Frage möchte ich dir wirklich stellen«, sagte ich zu ihr. »Wie kommt es, daß auch jene Edelleute, die du aufgezählt hast, sich einer so elenden, armseligen Mähre bedienen wollen?«

»Das ist eben das Unglück«, antwortete sie, »daß ihre Augen verblendet sind. Der Satan betrügt sie, und sie glauben, daß ich gar nicht armselig und ausgemergelt, sondern im Gegenteil eine arbeitsame, geldbringende Mähre sei.«

»Unglücklicher Prinz, unselige Mähre«, stöhnte ich und versank in tiefe Gedanken.

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