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Mendele Moicher Sforim: Die Mähre - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorMendele Moicher Sfurim
booktitleDie Fahrten Binjamins des Dritten. Die Mähre. Schloimale
titleDie Mähre
publisherWalter-Verlag
year1962
firstpub1924
translatorSalomo Birnbaum
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130714
modified20170929
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Elftes Kapitel

Ssrulik überdenkt die Welt

Ein frisches, angenehmes Lüftlein blies sachte aus den Wolken. Vom Sturm war keine Spur mehr geblieben. Der reingebadete Wald stand wie ein Jüngling in einem neuen grünen Rock, soeben erst vom Frühling verfertigt, und strahlte wie der helle Morgenstern, der voranlaufend die frohe Botschaft brachte, daß bald die Sonne herangefahren werde – die teure, goldene Brautmutter, und die Hochzeit begänne. Alles in der Runde leuchtete und funkelte. Alles schien sich zu rüsten. Die noch vor kurzem öde, schmutzige Erde sah jetzt wie eine Braut aus, in vollem Glanz, in Anmut, mit schönen Sträußen und Kränzlein duftender Blumen. Überall sah es festlich aus, es duftete würzig, angenehme herrliche Balsamgerüche. – Schön ist der Tagesanbruch im Frühling im Wald, schön, sehr schön!

Die berühmte Künstlerin, die Nachtigall, stand in einem Winkel und spielte zu Ehren des Festtags einen Tusch. Und in ihrer süßen Weise klang ein Trauerton, eine Ergießung aus der Tiefe des Herzens in Gesang und Flehen, wie das Gebet für die Toten, das die Musikanten dem Brautpaare bei der Hochzeit zum Badeckens spielen, wenn sie Waisen sind, die Ärmsten!

Teure, liebe Nachtigall! Was ist dir, warum bist du so traurig? Warum träufelst du sogar dann, wenn du eine frohe Weise singst, einen bittern Schwermutstropfen ein? Warum sieden und rauschen in dem Meer deiner süßen Melodien bittere Tränen? Siehe, vor dir steht ja jetzt das Leben, du feierst ja ein Fest! Dein Mann hat dir das Haus zurechtgemacht, ein weiches Lager bereitet und Glück steht dir bevor. Von allen Seiten duftet der Sommer. Der Wald ist mit dem grünen Festrock angetan, die Erde im neuen Hochzeitskleid erwartet sehnend die heißen, stürmischen Küsse des Bräutigams – und jetzt, gerade in einer solchen Zeit, mußt du fröhliche und traurige Melodien ineinander verweben?!

»Oh, ich weiß, was in deinem Herzen vorgeht, meine teure, liebste Nachtigall! Die Seele des Dichters fühlt die Qual der Welt, fühlt, was ihr fehlt und mangelt – und was er fühlt, das singt er, das erwähnt er immer bei Freuden und Festen. Du singst deinem Liebsten ein munteres, prächtiges Liebeslied, und mitten darin stöhnt ein Seufzen auf, ein Nachklang eines schrecklichen Winters, als ihr in der Verbannung in einem fremden Lande irrtet! Du spielst dem Walde auf, der mit seinem neuen grünen Hut auf dem Kopfe strahlt, in deinem innigen Glückwunsch tönt eine weinende Stimme, ein Grabgesang für seine vorjährigen Blätter, die faulen und sich im Staub zu seinen Füßen wälzen, die armen. Und unsrer Erde, der Braut im Schmucke der frischen Blumen, hältst du voll Trauer die Totenfeier für ihre Kinder, die sie gebiert und begräbt in jedem Jahre. Du bist mir lieb, weltberühmte Sängerin, meine Nachtigall! Dieses traurige Stück in deiner süßen Weise – es rührt mich mehr als alle deine Lieder. Denn zu Leid und in Trauer gebar mich meine Mutter, in Trauer wiegte sie mich, und das Lied des Leides und der Not, mit dem sie mich einschläferte, ist mir das Lied meines ganzen Lebens geblieben, wehe! Was habe ich Unglücksmensch mit dem Frühling zu tun? Was habe ich Elender mit all den festlichen Wesen zu tun – mit dem schönen Walde, mit der frischblühenden Natur hier? Die Freude der Welt gilt nicht für mich. Wenn die andern in froher Ruhe leben, hängt Qual über mir. Wenn in ihren Straßen ein Fest ist, sind Zeter, Blut und Brand, Feuer und Rauch in meiner Gasse. Wenn Blüten im Lande erscheinen und Vögel zu singen beginnen, fängt die Reihe meiner Fasttage an, Jammer und Klage.

Singe, Nachtigall, singe! Singe eine rührende, traurige Weise, daß es an der Seele reiße und zerre!

Die Nachtigall singt und klagt. Ihre Melodie rührt mir tief im Herzen verborgene Saiten. Sie dröhnen und schreien, sprechen Worte, und in den Sinn kommen mir alte und neue, nicht erfreuliche Dinge. Ich höre das Seufzen einer elenden Seele – und ein trauriges Bild tritt mir vor Augen, als ob es lebte.

Es ist Winter. Wolken. Wind und Schnee. Ein melancholischer Tag. Unter dem Tisch, auf der Leiste zwischen den Beinen, sitzt Pickpick, unsere Henne. Sie sitzt einsam und elend, den Kopf unter die Flügel gesteckt. Mitunter scheint es, daß sie schläft und sich nicht rührt. Manchmal zittert sie auf. Der Sommer erscheint ihr, gute Tage, da ihr das Leben lachte. Geschätzt und geliebt wurde sie von Hähnlein, ihrem Mann, einem großen, schönen, sporenbewaffneten Helden mit dem Kammhelm auf dem Haupte. Hähnlein war in sie verliebt. Das war ein ununterbrochenes Gekose, er ging ihr Tag und Nacht nicht von der Schürze. An jedem Morgen führte er sie aus dem Hühnerstall und ging mit ihr in Hof und Garten spazieren. Er scharrte und spielte mit ihr im Sande, suchte, wühlte und brachte ihr, was er dort fand. Allen Frauen ist ein solches Leben zu wünschen, wie sie es bei ihm hatte. Sie setzte sich hin, brütete und brachte Küchlein hervor. Zehn Kinder auf einmal. Alle niedlich, hübsch, flaumig, gelblich. Gleich als sie aus dem Ei krochen – Schalenstücklein klebten ihnen noch hinten –, standen sie schon auf den Beinlein und piepsten – »Grüß Gott!« – einfach so in die Welt hinein. Die Welt gefiel ihnen, sie war gut und hell und wonnig. Da lachten sie lustig und fröhlich, liefen nach Herzenslust hin und her, wohin die Augen wollten. Die Mutter war selig, nahm sie unter ihre Flügel, schützte und wärmte sie, und sie dankten ihr mit herzlichem Piepsen. Den ganzen Tag lang führte sie die Kleinen überall hin, wo es nur ein Stücklein Platz, ein Häuflein Mist gab. Dort suchte und scharrte sie. Fand sie etwas, so gab es ein lautes Geschrei: »Schnell, Kinder, schnell, kommt schnell zu mir!« Vorübergehende blieben stehen, um sie und die Kinderschar anzusehen, und freuten sich sehr. – Pickpick erscheinen die alten guten Zeiten, ihr Kopf liegt unter dem Flügel, und sie sitzt ruhig da.

Plötzlich erzittert Pickpick, sträubt das Gefieder und schwillt an – das Ende ihres Glückes und der Beginn ihres Unglücks erscheinen ihr. Eines schönen Morgens packt der Sperber ein Kind und flog damit hoch in die Lüfte. Die arme Mutter schrie: »Mein Kind, mein Herzlieb!« Aber was half das Jammern, das Kind war verschwunden. Bloß ein Federlein von ihm, ein weiches, blutbeschmutztes Federlein fiel zur Erde und trieb und schaukelte im Wind umher. Seit jener Zeit war das Verderben über ihre süßen Kinder hereingebrochen. Das eine verzehrte der Iltis, dem andern drehte die Katze den Hals ab, dieses oder jenes fiel in Menschenhand. Einmal am Freitag kam die unselige Mutter in die Küche, um dort wie immer zu picken, da wurde ihr das Augenlicht dunkel – wehe, ihr Töchterlein, ein gutes, braves Mädel, lag geschlachtet auf dem Salzbrett! Die Köchin spaltete ihr den Bauch, nahm die Gedärme heraus und warf sie ihr, der elenden Mutter, und der Katze hin, die daneben lag! Von allen Kindern verblieb Pickpick nur ein einziges, ein junges Hähnlein, dem gerade das Kämmlein auf dem Kopfe hervorbrach. Als er in die Federn kam und volljährig, das heißt vollkrähend wurde, straffte er sich und rief mit dünner Stimme zum erstenmal Kikeriki, öffentlich, mit großem Pomp. Die Mutter zerfloß vor Freude und sagte: »Amen! Gebe Tarnegiel, daß du den Tagesanbruch zu bekrähen verstehst, so wie dein Vater, der weise Mann!« Ihr ganzer Trost war das Juwel da, er und ihr lieber Mann. Sie hatte noch nicht die Hoffnung verloren, in ihrem Leben viel Glück zu sehen. Aber breit und tief ist der Becher der Tränen, sie hatte ihn noch nicht geleert.

Draußen war es Herbst. Sie ging mit Mann und Kind zu dritt auf der Straße spazieren. Sie suchten, scharrten, pickten und plauderten. Beim Heimkommen wurden ihr Mann und ihr Sohn gepackt und vor ihren Augen gebunden, die Hausleute ergriffen sie an den Beinen und schwangen sie über dem Kopf. Die armen Gefesselten ächzten, und die Leute ließen sie kreisen und kreisen. Danach packte man sie am Kamm und schleuderte sie zur Erde. Der Schächter kam und schnitt ihnen die Kehle ab und Pickpick blieb elend allein, ohne Mann und ohne Kind!

Mein Herz ist um deinetwillen zerrissen, unglückliche Pickpick! Du gehörst ja zu uns, du bist ja in unserm Hause aufgewachsen, und von allen Arten Vögeln auf der Welt bist du doch, du allein, mir bekannt. Ich habe dein Leben beobachtet, habe mich für alles interessiert, was du tust und treibst. Und seit ich dich einsam sitzen sah, den Kopf unter dem Flügel, steht mir deine Gestalt immer vor Augen, in deinem Kummer, deiner Not und Trauer. Ach und wehe, meine arme Pickpick! Dein Leid und deine Qual sind von dem Leid, das über die Welt geschickt wird, seit sie geschaffen wurde. Die Leiden der Welt aber sind von jeder Art, sie sind um Stufen gegeneinander erhöht. Und ich, ach und wehe; ich bin mit allen geprüft – ach, ich bin durch alle hindurchgegangen!

Singe, kleine Nachtigall, singe, lasse deine Melodien strömen!

Die Nachtigall trillert – und vor meine Augen tritt ein anderes Bild, ein finsteres, trauriges.

Herbstzeit. Ein kleines, niedriges Haus. Drinnen düster, Unordnung, ein ungebettetes Bett. Nichts an seinem Platze. Der Ofen ungeheizt. Schon lange, daß man keinen Rauch aus dem Schornstein steigen sieht. Wüst und öde ist's in jedem Winkel. Die Wände weinen. Auf der Milchbank sitzt Hinde, die Witwe. Sie sitzt zusammengekauert, in Leid, die Füße unter sich zurückgezogen. Bald schweigt sie, stumm wie der Stein, und rührt sich nicht. Ihr Kopf ist gesenkt. Die Augen stieren erstarrt in eine Richtung. Bald beginnt sie zu zittern, packt sich am Kopf, jammert und klagt. Nicht darüber, daß sie arm ist, klagt Hinde. An das Elend ist sie gewöhnt. Luxus hat sie nie verlangt und sich mit dem wenigen, das sie mit ihrer Arbeit verdiente, begnügt. Um ihren Sohn, um ihr letztes verlorenes Kind klagt sie! Fünf Söhne hat Hinde geboren und alle nur zum Leide. Den ältesten hatte man zu den Rekruten genommen. Den Menschen ist ja üblicherweise die Welt zu klein, darum streiten und kämpfen sie, einer will den andern beherrschen, der will den verschlingen, darum muß man Leute haben, um sich gegen den Feind zu wehren, mit allen Arten von Gerät. So zog ihr Sohn also davon, um zu töten oder getötet zu werden, und ist bis zum heutigen Tage verschwunden. Den zweiten hatte der Engel des Todes genommen. Oh, wie das arme Kind gelitten hatte, bis es seine reine Seele aushauchte! Der dritte wurde ein Märtyrer. Kein wildes Tier, kein Wolf, kein Bär zerriß ihn, Menschen waren es, die ihn erschlugen, Fleisch und Blut so wie er. Ein böser Geist der Verwirrung und des Wahnes war über die Welt gekommen – die Menschen verwilderten, ihre Herzen wurden zu Stein, wie Raubtiere stürzten sie sich auf ihre Brüder, brachen ein und stachen wie im Irrsinn, ohne Erbarmen. Der vierte Sohn, beraubt, erniedrigt, vernichtet, nahm in Not und Unglück den Sack auf die Schulter, den Stock in die Hand und irrte über Meere und Wüsten, in die Fernen, und ist bis auf den heutigen Tag verschwunden. Der fünfte, ihr letzter, ihr Augapfel, war jetzt zur Kriegszeit zum Militär gekommen, gestern erst hatte er die arme unselige Mutter verlassen und war gegangen, um weit in der Welt sein Leben zu lassen. Jetzt saß Hinde einsam und elend da und sann über das große Unglück, das sie und ihre Kinder getroffen. Kinder hatte sie geboren und nur zum Leide geboren – ihr zum Leide und den Ärmsten zum Leide!

Pickpick! Deine Kinder genossen sofort die Welt! Gestern waren sie nicht mehr als Eier, und am nächsten Morgen machten sie schon ein Wesen aus sich, wie richtige Altansässige – sie aßen, spielten munter und lustig, liefen und hüpften überall umher, als seien sie mit der Welt schon seit vielen Jahren bekannt und wüßten, was sie brauchten und zu tun hätten. Diese Vöglein lebten, sie hatten eine Jugend und sie erfreuten sich ihrer. Aber die Kinder Hindes, ach und wehe, daß sie auf die Welt gekommen waren! Zugleich mit ihnen kamen ihre Leiden, Krankheiten und vielerlei Schmerzen: Bauchweh, Zahnschmerzen, Pocken, Masern, Scharlach. Die Armen mußten viel vom Himmel gesandte Not erdulden, bis endlich ihre Äuglein aufgingen und sie die Welt vor sich erblickten. Und als sie ein wenig spielen und sich gütlich tun wollten, da fielen Armut, Elend und schreckliche Heimsuchung durch Menschenhand über sie her. Kinder hatte Hinde mit viel Plage und Leid erzogen, um ihretwillen Tage und Nächte in Not verbracht – und kaum hatte sie sie großgezogen, da raubte man sie ihr: sie ist keine Mutter, hat kein Recht auf ihre Kinder, sondern eine Magd ist sie, eine Magd des Todesengels und der menschlichen Gesellschaft, eine Sklavin, die sich nicht selbst gehört und deren Kinder nicht ihr gehören. Sie geboren – das hatte sie getan. Die Mühen mit ihrer Erziehung – die hatte sie gehabt. Und dann kamen Tod und Mensch und nahmen sich das fertige Werk. Daß diese Sklavin fühlt, liebt, sich vor Sehnsucht nach ihren Kindern verzehrt – wen kümmert das? Nicht mehr als eine Sklavin ist sie! Hinde aber ist noch eine Mutter, ein Wesen für sich, und darum schlägt sie sich an die Brust, rauft sich das Haar auf ihrem Haupte, weint und klagt – und ihr bitterer Jammer steigt zum Himmel!

Singe, liebe Nachtigall, aber singe sanft! Furchtbar ist der Schrei meines Herzens, furchtbar summen und zittern seine verborgenen Saiten, bis zum Zerspringen.

Die Nachtigall beginnt ihr hallendes Lied, und auf seinen stürmenden Trillerwogen jagt in wirrem Entsetzen meine Seele. Mein Hirn geht in jagender Flucht, und die verschiedensten Bilder eilen an ihm vorbei. Da ist ein Wald, grüne Felder mit Korn und Blumen. Der Morgenstern spiegelt sich voll lächelnder Anmut in den Tautropfen. Dann erscheint die Stadt mit ihrem Getümmel und Toben. Düstere Schwermut lagert über ihr. Sonne und Mond – nur verstohlen leuchten sie dort –, die hohen Mauern und die engen, schmalen Straßen stellen sich ihnen in den Weg.

Ich sehe einen Tag in der Stadt, wie und womit ihn die Menschen verbringen, womit sie aufstehen und womit sie sich schlafen legen. Ich sehe einen Morgen: Die Juden stehen auf und stöhnen! Sie wissen nicht, was sie anfangen und tun, wovon sie leben sollen. Ihre Gesichter sind blaß, ihre Stirn voll Runzeln, die Augen fliegen nach allen Seiten, als ob sie etwas suchten, das sie ergreifen, darauf sie sich stützen könnten, um nicht in den Fluten des Tages elend zu ertrinken. Sie seufzen und ächzen und ziehen ihre Stirnen endlos in Falten.

Ich sehe ein Haus am Tage, wo die Tür keinen Augenblick verschlossen bleibt. Die Armen kommen. Jung und alt, Frauen, Mädchen und kleine Kinder, der eine geht hinaus, der andere kommt hinein. Darunter die holden Vorsteherinnen. Dann erscheinen feine Leute in seidenen Röcken und verlangen Geld unter Berufung auf ihre Herkunft. Nach ihnen kommt ein Magged, ein Abbrändler, ein Jerusalemer, ein Sendling, eine Verlassene mit alten, verschimmelten Papieren. Bald danach kommt der Schammes der Schiehl und will die Miete für den Platz, das Geld für eine Liee, für einen Mischebejrech, für ein Mule, für ein Gelübde. Hat man ihn abgefertigt, so strömen Haufen von Vorstehern herbei, mit und ohne Klingelbeutel. Der eine will Palästinageld, der andere für Lehrzwecke, der dritte bittet für den Fonds für arme Bräute, der vierte fürs Spital, der fünfte für den Mischna-Verein, der sechste für den Ewig-Licht-Verein und noch für viele solche Gesellschaften. Zwischendurch kommen zwei angesehene Bürger, flüstern einem etwas leise ins Ohr und sagen dann seufzend laut: »Also begreift Ihr schon, für wen?« und nehmen was. Mittendrin kommt der Gemeindebote und kassiert für das Register, der Fleischer läßt noch einmal durch das Dienstmädchen bestellen, daß man von jetzt an so freundlich sein und beim Pfund Fleisch so und so viel Pfennig mehr geben solle, die Fleischsteuer sei erhöht worden. Kurz, von allen Seiten wird gerissen, jeder zaust und zerrt und knufft, daß man Tränen in die Augen bekommt und es kaum aushält.

Sing, liebe Nachtigall, singe, ich will ein wenig weinen. Ich sehe, wie jüdisches Gut und jüdisches Blut zugrunde gehen, sie verströmen wie Wasser und bringen keinen Nutzen. Ach, was ist unsere Liebe, unser Wohltun?

Da ist der Markt mit all seinen Geschöpfen, groß und klein. Der Markt mit seinen Kaufleuten und seinem Handel, mit seinen Betrügern und Betrogenen, mit den wilden Begierden, der dummen Ehre, dem Neid und Haß, die auf ihm herrschen. Da erscheint der ganze Haufe von Armen, Schnorrern, Bettlern, von gefallenen, heruntergekommenen, bedürftigen, leidenden, kranken, gebrochenen, magern und hagern, blassen, schmalgesichtigen Leuten. Da wimmeln Trödler, Krämer, Makler, in Gedanken versunken, die Hüte auf dem Hinterkopf, Leute mit Säcken, Leute mit Stöcken, Nichtstuer, Luftmenschen. Alles läuft wie wahnsinnig, wühlt und sucht nach Erwerb, um nur irgendwie zu leben, das Leben der Frauen und Kinder zu fristen. Alles ist sehr beschäftigt und sorgenvoll, alles sinnt, irgendein Verdienstlein zu erhaschen, und zieht es listvoll aus den Taschen der anderen.

Ich sehe Menschengrüpplein, feine Leute, die wie Hunde, wie Raben neben Toten und Aas warten, die von fremdem Fleisch, von fremdem Blute leben; Menschlein, die keinen Dreier wert sind und trotzdem viel gelten; Menschlein, die jeder als ganz klein kennt und die doch sehr hoch stehen; Menschlein, die in der Gemeinde eine Eiterbeule sind, die ihr das Blut verderben und sie aussaugen; Menschlein, die, wenn man sie ansieht, immer sehr beschäftigt, immer von wichtigen Angelegenheiten erfüllt scheinen, deren Gesicht von Schweiß bedeckt ist, die immer voller Geheimnisse und Diskretion sind und in Andeutungen sprechen – während es in Wirklichkeit hohle Kerle, Müßiggänger, Nullen, Taugenichtse sind; Menschlein, die sich immer an die Stadtverwaltung heranmachen, die der Stadt immer bloß zu Ersparnissen verhelfen und ihr bloß Wohltaten erweisen wollen, die sich gänzlich für sie opfern und in Ehren leben, das Beste essen und ein gutes Gläslein Wein trinken; Menschlein, die in den Gemeindestuben, bei den Reichen, auf den Versammlungen, in den Fleischereien und den Weinstuben herumstreichen; die bei den Wahlen das Kommando führen, jedem ein Geheimnis ins Ohr raunen und für ganz Israel »Erwünscht!« oder »Unerwünscht!« schreien; Menschlein, die vor jedem kleinen Beamten, vor jedem kleinen Edelmann den Hut ziehen und ihn begrüßen, die sich immer herandrängen, um sich dem neuen Gouverneur, dem neuen Polizeimeister vorzustellen, die immer Berichte über die Stadt einschicken; Menschlein, die wie furchtbare Wölfe unter den armen, elenden Schafen des Marktes erscheinen!

Ach, wie schrecklich der Markt ist, wieviel Not, Sorge, Leid und Qual, wieviel Erniedrigung, Schmach, Schande, wieviel Falschheit, Schwindel, List, Verdrehung um das Stücklein Sündenbrot! Ach, wie schwer, wie bitter und schwer der Mensch seinen Unterhalt hat! Mein Herz will brechen. Eine traurige, tieftraurige Weise.

Langsam, Nachtigall, langsam, sing nicht so stark, Sängerin, ach, in meinem Herzen springt eine Saite, sie ist schon gesprungen!

Unselig bist du, Mensch, verflucht vor allem Getier und allen Geschöpfen der Welt. Der Herr hat dich meisterhaft erschaffen, mit vielen Vorzügen, höheren als denen anderer Geschöpfe, dir zum Frommen, und du hast die Vorzüge zum Bösen verwendet. Viel Vernunft, Mensch, gab dir Gott und du gebrauchtest sie nicht richtig. Du begannst zuviel herumzugrübeln und zu sinnen und auf Abwege zu kommen, gegen dich selbst und gegen die Natur zu handeln. Aus zu vielem Grübeln entstehen viele Fehler. Aus zu vielen Leistungen und Erfindungen zu viele neue Nöte, Mangel, Zwang und Unglück. Viele neue Dinge hat dein Verstand zu deiner eigenen Not hervorgebracht – daß sie die Arbeit aus deinen Händen, das Stücklein Brot von deinem Munde reißen, dich in der Klemme halten und deine Jahre rasch kürzen! Unglück bringt dir, Mensch, dein Verstand und Unglück deine Sprache. Dieses Gnadengeschenk, dessen du gewürdigt wurdest, es ist dir zum Fluche geworden. Ebenso wie der Hund hier, der dich anbellt, bellt auch sein Hundegenosse im fernen Spanien zum Beispiel. Gleich ist das Losstürzen, gleich das Gebell bei allen Hunden. Der Esel in unsern Ländern öffnet das Maul und schreit wie alle Esel in der Welt. Der eine Esel oder der andere Esel, was will das sagen, es ist das gleiche. Alle Frösche in Bächen und Morästen quaken mit der gleichen Stimme, von Ägypten an bis heute. Und die Menschen, sie sind einander fremd, und das ist ein sehr großes Unglück. Unglücklich, Mensch, bist du durch deine Phantasien. Gott schuf den Menschen in seinem Ebenbild, hauchte ihm die menschliche Seele ein, für alle Menschen gleich. Da kamst du, Klügling, und fügtest zu ihr noch eine gemeinsame, eine gemachte Volksseele hinzu, das heißt, daß die Menschen in vielen Dingen einander entgegen sein müssen. Was der eine nicht darf, darf der andere wohl; was sich der eine als Fehler anrechnet, rechnet sich der andere als größten Vorzug an; was dem einen eins von den Zehn Geboten ist, ist für jenen nicht verkündet worden. Und wieviel Leid und Blutvergießen stammt davon! Auch in deiner Frömmigkeit, in deiner Güte, in der Art deiner Anständigkeit steckt oft der Wurm, dein Unglück.

Ein göttlicher Geist, ein Geist der Erkenntnis und Gottesfurcht geht wie ein strömender Fluß vom Heiligen Throne aus, um allen Menschen Leben und Glück zu verleihen. Und da stehen nun an seinen Ufern Mühlen und allerlei Fabriken. Jede dieser Fabriken zieht das Wasser an sich heran, staut und hält es an, damit es die Räder ihrer Maschinen für sie drehe. Das Material für alle ist das gleiche, derselbe Rohstoff – sobald er auf die Welt kommt, wird er zum Teil in die eine und zum Teil in die andere Fabrik genommen. Dort wird der neugekommene Stoff in eine Form getan, damit eine fertige Sache aus ihm werde. Dann verläßt sie mit dem Stempel die Fabrik, und zwar oft so, daß sie dem Artikel einer andern Fabrik im Wege steht. Die Waren sind verschieden, die Konkurrenz ist groß, jeder will größere Geltung auf dem Markt haben, und dadurch entsteht Feindschaft, Haß, Kampf, Raub und Mord. Ach, wieviel Leid und Qual gibt es in der Welt, seit sie erschaffen ist – und da kommen die Menschen und fügen von ihrer Seite noch neue hinzu!

Langsamer, Nachtigall, singe langsamer! In meinem Herzen ist wieder eine Saite gesprungen!

»Weine, Ssrulik, weine!« sagt mir die kleine Waldmusikerin mit jedem Ton. Es scheint mir, daß ich ein Bräutigam während des Badeckens bin. »Ein Bräutigam gleicht dem König!« sagt der Badchen und erinnert mich daran, daß ich eine Waise bin. »Ssrulik!« schließt er seine Reime mit rührender Stimme. »Eine Waise muß viel leiden, das ist der Welt Lauf. – Weine, lieber Ssrulik, weine! Musik, spiel auf!«

»Eine Waise bist du und ein König zugleich!« – Ein Bräutigam, der dem König gleicht, und eine Waise, die dem Wurm gleicht, der sich unter den Füßen windet. Das ist wie Honig und Galle zusammengemischt. Die immer erniedrigte Waise mit der kurzen Ehrung des Bräutigams. Das ist ein bitterer Spaß, ein furchtbarer Spaß, der tief ins Herz schneidet. Es ist mir nicht wohl ums Herz, im Kopfe schwindelt es mir, alles um mich herum schaukelt und tanzt, die Pflanzen des Feldes hüpfen, die Bäume klatschen mit den Zweigen den Takt dazu. Da versammeln sich Gestalten und tanzen mit – Gestalten von Vorstehern, Schamußem, »Heiligen Beamten«, Gestalten von Böcken, Ochsen, Pferden, Windhunden, alle zusammen, und aus dem raschen Wirbelreigen fliegen Pejes, Schwänze, Hände, Mähnen, Pferdeschweife, Eselsohren hervor. Ich höre Musik spielen, es geht hoch her, es ist Lagboimer, wo es viel Hochzeiten gibt. Voraus laufen Hals über Kopf alle Bengel der Stadt. Dann folgt ein großer Zug, ein Haufen von »Empfängern«, Armen, Schnorrern, Habenichtsen, Tunichtguten, Krüppeln, Lehrern, Bürgern von vor zehn Jahren, vorjährigen, heurigen, Bürgerlein, die noch auf Kest sind. Hawdule-Kerzen brennen. Man führt einen Traubaldachin zur Schiehl, um dort einen Buben und ein Mädel, die noch keine Ahnung von der Welt haben, unglücklich zu machen. Bis spät bei Nacht werden die Baldachine geführt, unzählige Hochzeiten werden erledigt. Alte Frauen klatschen in die Hände, die Brauteltern tanzen, die Leute sind lustig, munter und fröhlich! – Herzlichen Glückwunsch zu den nagelneuen Armen! Herzlichen Glückwunsch, ihr Juden, zu dem Haufen Nichtstuer! Zu den Kandidaten für Lehrer, »Empfänger«, Bankdrücker und Hämorrhoidarier! Herzlichen Glückwunsch zu der frischen Liste schmutziger Wäsche: Zu allen euren schmierigen, faulen, hohlen Menschlein! Herzlichen Glückwunsch zu den zappelfrischen Blutegeln! Bereitet Blut vor, Leute, bereitet Geld vor, Geld, Geld!

O genug, Nachtigall, genug, singe nicht weiter! Mein Herz bricht, alle Saiten in mir springen und platzen!

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