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Mendele Moicher Sforim: Die Mähre - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorMendele Moicher Sfurim
booktitleDie Fahrten Binjamins des Dritten. Die Mähre. Schloimale
titleDie Mähre
publisherWalter-Verlag
year1962
firstpub1924
translatorSalomo Birnbaum
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130714
modified20170929
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Zehntes Kapitel

Was Ssrulik in dieser Nacht erlebte

Unter einem hohen und großen Baum warfen wir uns beide hin, sehr müde und schwach von so schwerer Reise. Es blitzte, als habe sich der Himmel gespalten, und die Welt war in Feuer getaucht. Bald darauf brüllte der Donner und tönte von allen Seiten in schrecklichem Widerhall wie von tausenden Kanonen. Ein Sturm brach los, pfiff und weinte und heulte fürchterlich, so wie hungrige Wölfe, als ob sich an diesem Tage hundert Hexenmeister aufgehängt hätten. Der schlafende Wald erwachte entsetzt. Jedes Hälmlein, jedes Zweiglein, jedes Blättlein erwachte, alle lärmten und rauschten und plapperten in allerlei Tönen und Sprachdurcheinander. Elstern, Raben und Eulen mit ihren Genossen krächzten auch ihre Trauermelodie darein. Alles ächzte und seufzte, schrie, einer übertönte den anderen, bis ein Platzregen mit einem Mal jedem den Mund stopfte.

Furchtbar ist eine solche Nacht im Walde, furchtbar, furchtbar!

Ich drückte mich zusammengekauert und eingerollt an den Baum. Der Regen überschwemmte mich schrecklich, ich zitterte am ganzen Leibe. Und zwischen den Donnerschlägen klangen mir die göttlichen, kraftvollen Psalmenworte ans Ohr:

Die Erde wankt in ihren Gründen,
Sie bebt bis zu der Berge Schlünden,
Sie wanken bis ins Fundament,
Wenn er in seinem Zorn entbrennt.

Flamme und Rauch entströmt seiner Wut,
Fressendes Feuer aus seinem Munde,
Von ihm fahren Kohlen in lohender Glut,
Verzehrender Brand durcheilt die Runde!

Er neigt den Himmel und fährt hernieder,
Die Wetterwolke der Stab seiner Glieder.
Er kommt auf dem Cherub im Sturme gezogen,
Auf den Flügeln des Windes schwebend geflogen.

Da war er, Gott! Dort sah ich ihn einherfahren, dort zwischen den zerrissenen Wolken! Ein schwarzes, dichtes Wolkenstück mit hellen Rändern schwebte oben in der Gestalt eines ungeheuren Pferdes mit klarweißer Mähne auf dunkelgeflecktem Halse. Aus den Nüstern fuhren feurige Blitze im Zickzack. Das war er – der Cherub. Ein ungeheurer Reiter saß auf ihm, ein Held im Purpurkleid, mit langen grauen Locken und langem, gekräuseltem, rein silberweißem Bart. Hinter ihm her kam ein ganzes Heer von Riesen, so wie Og der Basankönig und Gog und Magog, mit allen möglichen Tieren, kleinen und großen. Alle hatten ernste Gesichter, alle waren versonnen, alle eilten in Hast, Gott weiß wohin – und ließen auf dem Himmel einen blauen, klaren Pfad hinter sich. Der Mond steckte ein Stücklein von seinem Kopf hinter den Wolken hervor und blickte ihnen von Ferne voll Ehrfurcht nach, so wie ein Herr, durch dessen Gebiet ein höherer Herr fährt. Die Bäume neigten die Köpfe, bückten sich voll Respekt und sahen wie geprügelt aus. Und aus ihrem grünen Blättermantel troffen Wassertropfen, klapp-klapp – zur Erde, klapp-klapp auf meinen Kopf.

»Oh, heiliger Gott!« rief ich aus und stürzte auf mein Angesicht, ins feuchte, nasse Gras.

Ein furchtbarer Ton wie das Heulen eines Hundes, das Miauen einer Katze und das Brummen eines Bären warf mich plötzlich in Entsetzen, so daß ich erzitterte und auf die Füße sprang. Es war schwer zu sagen, ob die Töne von verschiedenen Tieren kamen oder ob es vielleicht nur ein Tier war, das in verschiedenen Lauten schrie. Nach einer Weile ließ sich das Geräusch von Schritten von ferne hören, als ob jemand im Walde über trockene Blätter und zerbrochene Zweige gehe. Bevor ich noch Zeit hatte, mich mit einem Knüttel vom Boden zu bewaffnen, blitzten ein Paar Augen wie Laternen aus der Dunkelheit mich an. Gleichzeitig erschienen ein Kopf, ein offenes Maul, eine rote Zunge, scharfe, spitze, schneeweiße Zähne, gleich darauf der ganze Körper – im Hui stand ein großer Wolf vor mir, furchtbar anzusehen. Ein Brummen – ein Sprung – und ich war in seinen Tatzen! Ich war wie eine Maus, die besinnungslos in den Krallen der Katze zappelt. Das tödliche Entsetzen, das mich zuerst in den Klauen des Wolfes befiel, verschwand bald, und ich fühlte Paradiesesgeschmack, wie es Heilige beim Hinscheiden fühlen. Ich sah mich in »ewigem Frieden auf meiner Ruhestatt« liegen, auf meinem Lager unter einem Baldachin aus Purpurwolle, Hände und Füße mit leinenen Stricken gebunden. Eine große eisgefüllte Fischblase saß mir wie eine kristallene Krone auf dem Haupt. Diener in weißen Gewändern bedienten mich aus allen Kräften, man setzte mich in eine Marmorwanne und ließ einen Strom balsamischen Wassers über mich fließen. Meine Mutter stand neben mir, der Wundermann und die alte Bäuerin waren auch da, die Gesichter strahlten, aus den Augen rannen Freudentränen, da sie sahen, welche Ehren man mir erwies; ich war entzückt, da ich sie ansah, und sie waren entzückt, da sie mich ansahen. Aber unaufhörliche Wonne, dauernde Freude unendlich strahlender Gesichter wurden mir zuwider. Pfui, zum Brechen, so wie eine Honigspeise, Zucker und Lakritze zusammen. Auch die Krone saß und paßte mir nicht. Da wurde ich zornig und schloß die Augen, um die strahlenden Gesichter mit der fortwährenden Wonne nicht zu sehen. Und erst in später Nacht entschlummerte ich. Eingeschlafen war ich oben, mein Aufwachen erfolgte unten, in einem Dickicht, neben einer Höhle, mit großen Ästen alter Bäume bedeckt. Ohne zu wissen, wie ich dort hinauf und wie ich hier hinuntergekommen war, blickte ich zwischen dem Laub hervor und sah einen freien Platz, in seiner Mitte einen Baumstumpf, in dem ein Messer steckte, das im Mondschein blinkte. Ein Wolf sprang hin und her, und ich erkannte ihn gleich – das war derselbe, der mich früher gepackt hatte. Er lief nahe an den Stumpf heran, betrachtete ihn unter stillem Gebrumm und lief wieder weg, als übe er sich im Springen. Endlich blieb er stehen, maß die Entfernung zwischen sich und dem Stumpf, nahm aus voller Kraft einen Anlauf, sprang hinüber, überschlug sich über dem Messer, fiel dröhnend auf der andern Seite zu Boden und streckte sich seiner ganzen Länge nach hin.

»Gepriesen sei der Richter der Wahrheit«, sagte ich voll Freude. »Der Wolf ist krepiert!«

Da stand ich auf und ging, um dem Leichnam seine Gebühr zu geben – ihm die Haut abzuschinden. Aber da lag gar auf der Erde eine menschliche Gestalt hingestreckt, ein handfester, roter Kerl mit starkem Nacken, mächtigem Bart, mit einem großen Schopf, einer Nase wie ein Kürbis, tief im Gesicht zwischen den Augen sitzend, einem Kopf wie ein nach oben anschwellender Topf, und sah aus wie ein Trunkener beim Nüchternwerden. Als ich das sah, erinnerte ich mich daran, was Weise und Gelehrte in ihren Büchern über Werwölfe sagen: Sie wären Zauberer und Hexen, die sich in Wölfe verwandeln und dann wieder Menschengestalt annehmen. Eben wie der da es gerade getan hatte. Und nicht bloß in Wölfe können sich Menschen verwandeln, sondern auch in Hunde und andere Tiere, Kobolde und ekelhaftes Geschmeiß, sogar in Holz und Stein. Da sah ich deutlich, wie tief die Worte der Weisen sind, alles wissen sie und nichts bleibt ihnen verborgen. Ich rieb meine Hände nach dem Gesetz im feuchten Grase, rückte meinen Hut zurecht und sprach mit großer Inbrunst die Benedeiung: »Gepriesen sei, der einem Menschen von seiner Weisheit gegeben hat!«

Als der Mensch da sah, wie ich mit verzogenem Gesicht und zum Himmel glotzenden Augen leise flüsterte, starrte er mich voll Wut an, er glaubte, daß ich ihn mit einem Spruch behexen wolle. Sobald ich ihm die Wahrheit erzählte und unsere Gelehrten über die Maßen pries, daß sie die Kunst, sich zu verwandeln, verstünden, daß sie alles wüßten, über alles schrieben und sprächen, ließ sein Zorn nach. Als ich bemerkte, daß er nicht mehr zornig war, sondern mich ansah und schwieg, da streckte ich ihm die Hand hin und fragte ihn nach seinem Namen.

»Ich heiße Koschzej«, brummte er in seinen Bart, stand vom Boden auf, dehnte die Glieder und schüttelte seinen Schopf.

»So – oh, Koschzej!« sagte ich in großem Erstaunen mit erschrockenem Herzen und bückte mich schmeichelnd, um ihm zu gefallen. »Wohl dem, der einen Menschen wie dich sieht, dessen Ruhm die Welt füllt, den jeder kennt, selbst das kleinste Kind.«

Koschzej nickte mir zu, ein Zeichen, daß er sehr zufrieden war. Ich war nicht faul und sagte ihm den ganzen Ruhm ins Gesicht, so wie es über ihn geschrieben steht, gleichzeitig zog ich die alte Jaha und alle Weisen und Sternseher in den Staub, sie reichten ihm nicht bis an die Knöchel und hätten im Kopfe nicht soviel, wie er im kleinen Finger, alles nach gutem Brauch jüdischer Gelehrter. Koschzej war entzückt und sagte mir sehr freundlich:

»Ich freue mich sehr, mein Herr, daß ich dich nicht aufgegessen habe. Während ich ein Raubtier bin, ist ein Jude für mich ein Leckerbissen. Es ist dein Sauglück, daß mein Bauch gerade übervoll war. Gut, jetzt freue ich mich eines solchen Gastes, komm, wir wollen dir zu Ehren eins trinken.«

Als Koschzej ein bißchen angeheitert wurde, bekam er Lust, seine Größe zu beweisen, zu zeigen, wer und was er wäre. Er tat einen Pfiff – sofort entstand ein Getümmel, von allen Seiten eilten Eulen, Elstern, Raben, Fledermäuse, Katzen, Affen, Frösche, Salamander, Eidechsen, Schlangen, Drachen, Basilisken in fürchterlichem Haufen herbei, der ganze Wald erzitterte von ihrem furchtbaren Toben. Ich stand voll Entsetzen da und bebte am ganzen Leibe. Koschzej hauchte gegen sie – und herrliche Jungfrauen, bildschöne Mädchen, anmutige Nymphen standen vor mir. Unter kurzen, eng an den Körper geschmiegten Battist-Tuniken sah klare, rosenfarbige Haut hervor, die Glieder waren wie Götterskulpturen, herrliche Anmut schwebte über jeder ihrer Bewegungen. Ihre Augen waren Feuerflammen, sie gingen einem durch Leib und Seele, sie versengten das Herz und entzündeten das Blut – und das Herz war voll Drang und Sehnsucht, es wollte vergehen, da ein Menschenherz so viel Schönheit und Herrlichkeit nicht ertragen kann.

Koschzej sagte etwas – da ertönte Gesang. Mädchenkehlen ließen Lieder ausströmen, Lieder, die die Seele erfaßten und sie in einem Ozean stürmender Gefühle von Woge zu Woge schleuderten. Scharen von Jungfrauen und Nymphen schwebten tanzend, in Tuniken und Schleiern aus Gaze, welche die Augen mit den Farben des Regenbogens blendeten, ein Gewirr wie von Myrrhen und Rosenketten, von allerlei schönen Blumen in Lustgärten. Koschzej geriet in Feuer, sprang unter die Tänzerinnen, zog mich auch mit sich, und wir tanzten beide im Reigen mit. Er tanzte Kosakentänze, auf die Füße niederschnellend, ich hüpfte und kreiste am gleichen Orte. Er sang »Krassnaja djewuschka«, und ich sang »Ma-juffes« und bückte und drehte mich. Das war ein Gesinge, ein Gespiele, Tuniken flogen in die Höhe wie silberne Kreisel, Arme und Beine glänzten und strahlten wie Marmorsäulen vor den Augen. Der Lärm wurde stärker, man tanzte, und ich bewegte mich in höheren Sphären, fiel wirr zu Boden und wußte nicht mehr, wo in aller Welt ich war.

Als ich am nächsten Tag im Morgengrauen erwachte, fand ich mich unter einem Baum liegen, an der gleichen Stelle, wo ich früher gefallen war. Mein Kopf war schwer, mein Herz bedrückt und meine Seele wirr.

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