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Mendele Moicher Sforim: Die Mähre - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorMendele Moicher Sfurim
booktitleDie Fahrten Binjamins des Dritten. Die Mähre. Schloimale
titleDie Mähre
publisherWalter-Verlag
year1962
firstpub1924
translatorSalomo Birnbaum
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130714
modified20170929
projectida439f5b3
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Neuntes Kapitel

Er findet sie wieder

Die alte Jaha flößte mir solches Entsetzen ein, daß ich mich beim Gehen nach allen Seiten umsah und mich hütete, ihr zu begegnen. Ich hatte ja schon seit langem gehört, daß Jaha in Dnjeperstadt wohnte und die Leute mit langen Nasen in Angst hielt. Wenn sich ihr ein solcher zeigte, packte sie ihn an der Nase, tat einen Pfiff – dann kamen die Richtigen – die Geister, die Kobolde. Sie riß ihn an der Nase und die andern stießen von hinten – und die Langbenasten mußten in ihre Grenzen. Seit dieser Zeit begann ich immer nach meiner Nase zu fühlen und versteckte sie der Gefahr halber, so gut es ging.

Als ich einmal auf der Straße ging, sah ich von ferne, wie Polizisten ein Tier schleppten und mörderlich schlugen. Nach meiner Pflicht als Mitglied des Tierschutz-Vereines ging ich sofort auf die Polizisten zu und wollte sie um Mitleid für das Tier bitten. Als ich näher kam und sah – brach mir kalter Schweiß am ganzen Leibe hervor: Das war sie, ja sie! Mit der weichselzöpfigen Frisur, mit ihrem dürren Hals und ihrem krummen, zerpeitschten Rücken! Das war sie, ja sie – meine alte, meine dürre, meine elende Mähre!

»Warum«, fragte ich die Polizisten, »warum schlagt ihr ein lebendes Wesen so – das arme Tier?«

»Das ist nicht deine Sache. Mach, daß du fortkommst, zudringlicher Kerl!«

»Ich bin Mitglied im Tierschutz-Verein – versteht ihr?«

»Wir führen sie zur Polizei«, antworteten die Polizisten widerwillig.

»Wozu schlagt ihr da noch?«

»Ohne einen Hieb sieht das Führen nach nichts aus, so wie eine Hochzeit ohne Musik«, antworteten sie höhnisch.

»Aber es ist ja zum Erbarmen, tut es ihr denn nicht weh, wenn man sie schlägt? Oh, ihr schlagt ja ein lebendes Wesen, ein menschliches Wesen.«

»Wa-a-as?!« sagten die Polizisten, wandten mir böse Gesichter zu und durchbohrten mich mit den Augen.

Das dreigipflige »Was« und das Durchbohren mit den Augen machte alle meine Glieder erstarren, besonders meine Nase. Fast unbewußt fuhr meine Hand in die Tasche und aus der Tasche in ihre Hände und gleich wurden sie milder. Ich benutzte ihre gute Stimmung und fragte sie nunmehr als guter Bekannter:

»Das Geschöpf da – was hat es denn eigentlich verbrochen?«

»Das Vieh hat nicht in der Stadt herumzulaufen, nach dem Gesetz muß es in seinem Stall liegen.«

»Warum laufen denn andere in den Straßen herum?«

»Was haben wir da viel zu reden! So ist der Befehl, und so tun wir. Übrigens, wenn du dich der Sache so sehr annimmst, sag, ist es vielleicht deine Mähre?«

Ich wollte gleich antworten: »Ja, sie gehört mir, die Mähre gehört mir.« Ich warf aber gerade einen Blick auf sie, und es ärgerte mich sehr, wie ruhig sie dastand, ohne ein Fünklein Gefühl, als ob das ganze Gespräch sie nichts anginge: Als ob nicht sie gemeint wäre, sondern die Luft; als ob sie dächte: »Na, schön, wenn man mich schon beleidigt und verhöhnt, was kümmert mich das?« Oder als ob sie gar nichts dächte, ganz einfach gar nichts, und nichts anderes im Sinne hätte, als irgendwas zum Ausstopfen ihres Wanstes zu erwischen. Vor Zorn wollte ich schon sagen: »Nein, sie gehört nicht mir, wir haben überhaupt nichts miteinander zu tun!« wollte ausspucken und davongehen. Gleich aber packte es mich am Herzen, so daß ich feurig sagte:

»Nun, natürlich gehört sie mir.«

Wozu soll ich lange Geschichten erzählen, was ich alles mit den Polizisten redete? Kurz, ich feilschte, zahlte, gab ihnen das ihrige und erlöste die Mähre aus ihren Händen, unter der Bedingung, sie aus der Stadt zu führen. Wenn sie ihnen aber noch einmal vor Augen käme, dann könnte ich sicher sein, daß – es mich mehr kosten würde.

Ich hielt Wort, dachte nicht lange nach und machte mich mit der Mähre auf den Weg.

Man stelle sich meine Lage vor: Auf dem stellenweise grubenreichen, steinigen und dornigen Wege ging ich Pechvogel zu Fuß mit einer Mähre! Ich plagte mich, arbeitete über meine Kraft, ging voraus und sie kroch hinterdrein, kaum, daß sie die Füße hob. Das war noch gut, zeitweise aber stolperte sie, blieb stehen, und man mochte tun, was man wollte, so rührte sie sich nicht vom Ort! Sie wollte sogar den Weg verlassen und in den Morast steigen. Was war mit ihr anzufangen? Welchen Rat sollte man sich da schaffen? Ich packte sie an der Mähne und schleppte sie mit Gewalt. Ich wurde aber vom Schleppen müde und schwitzte gehörig. Dann tat mir das Herz weh, sie zu schleppen – ein Jammer, es mußte ihr weh tun! Schlimm! Das war ein böses Geschäft. Ich blieb mit verschränkten Händen stehen, war sehr zornig über sie und schimpfte:

»Pfui, wahrhaftig«, sagte ich mürrisch, als spräche ich zur Luft. »Ich habe nicht erwartet, daß sie mir für meine Freundschaft und Güte soviel Ärger und Leid bereiten würde! Ich streite und schlage mich für sie und nehme mich ihrer an, ich lege ein gutes Wort für sie ein, bitte sie, so gut es geht, los, daß man sie nicht so schlecht behandle; ich gehe ihr zuliebe wie ein Bettler zu Fuß und schaue nicht auf meine Ehre, gebe meine Gesundheit her und quäle mich so – wozu? Damit sie etwas Besseres erreiche, sich ausruhe, frei atme – und sie läßt mir die Galle platzen, wie der ärgste Feind! Nun, frage ich, ist das denn recht, ist das denn schön? Pfui, meiner Seele! Ich mache ganze Pläne und denke viel über sie nach, immer über sie und sie – und sie zerschlägt mir mit ihrem jetzigen Gebaren alle meine Gedanken. Ich sage ihr: ›Geh!‹ – so bleibt sie hinten stehen; ich schrei: ›Geh den Weg da!‹ – so kriecht sie in den Morast. Ich bin nett und gut und höflich und freundlich und sie ist widerborstig und eklig und abscheulich und tut mir alles zu Trotz! Nun, ist das recht, ist das schön?! Pfui! Lächerlich, wahrhaftig. Ich weiß sehr wohl«, sagte ich nach einer Weile des Stillschweigens und zeigte ihr mit dem Finger direkt ins Gesicht, »wenn ich mich zum Reiten auf dich setzte, dir einen Zaum anlegte und dich peitschte, dann gingest du sicher, wohin ich dich lenkte. Vor dem, der auf dir reitet, meine liebe Mähre, hast du Respekt, zitterst vor seinem Wink, vor seinem Blick, und erachtest dich für selig, wenn du ihn zufriedenstellst, selbst wenn er dir das Fell vom Leibe schindet. Aber mein Herz läßt mich nicht auf dir reiten. Möge meine Zunge am Gaumen festhaften, wenn ich dir sagen werde: ›Trage!‹ Wenn ich dir einen Hieb versetzen werde, elende Mähre, so verdorre meine Rechte! Denke nur gut nach.«

So sprach ich feurig zu der Mähre, so redete und predigte ich von ganzem Herzen, ich weinte förmlich vor Schmerz wie ein Kind, und sie stand da und rupfte sich ganz kühlen Mutes Gras an der Seite des Weges. Was war zu tun? Was anzufangen? Überzeugende Reden halfen nichts, Predigten nützten nichts, weder im Bösen, noch im Guten war etwas auszurichten. Sie zu verlassen ließ mein Herz nicht zu, ich hatte schreckliches Mitleid mit ihr, und wie zu einem Magneten zog es mich zu ihr hin. Ich faßte sie wieder an der Mähne und schleppte sie auf gut Glück, so weit ich konnte. Ich bat Gott, daß wenigstens keine fremden Menschen vorbeiführen und mich und meine Mähre auslachten, daß wenigstens keine Fremden sähen, was bei uns vorginge, daß es wenigstens unter uns bliebe, hübsch verborgen. Aber mein Gebet ging nicht in Erfüllung. Zum Unglück mußten von allen Seiten Menschen daherkommen, von edlem und von gewöhnlichem Stande. Jeder wies beim Vorüberfahren mit den Fingern nach uns, machte einen Witz und lachte. Der eine sagte: »Wo habt Ihr solch eine muntere Mähre erwischt? Ein prächtiger Kauf!« Der andere: »Wozu steckt Ihr bei einem solchen Unglücksvieh, junger Mann? Geht Eures Weges und laßt das Aas laufen. Wozu macht Ihr Euch umsonst den Kopf wirr, Ihr werdet mit der da gar nichts ausrichten. Seht ihr denn nicht, daß sie schon nach Friedhofsgras, nach Totengebeten riecht?« Ein dritter: »Steigt auf und schlagt ihr die Knochen entzwei, dann sollt Ihr sehen, wie sie die Beine auf die Schultern nehmen und fliegen wird.« Und wieder ein anderer: »Nehmt das Luder auf die Achsel, dann wird's besser gehen, meiner Seel!« Wie es mir ums Herz war, daß ich von jedermann solche Reden hören mußte, weiß nur Gott.

Inzwischen war die Nacht hereingebrochen. Der Himmel war von schwarzen Wolken bedeckt. An manchen Stellen blitzte es. Die Mähre trieb ihre Faxen weiter. Ich eilte, wollte irgend ein Nachtlager erreichen und beschloß darum, mein Unglücksvieh aus Leibeskräften zu schleppen. Man höre aber! Als ich sie stark zog, bäumte sie sich auf und schlug aus. »Hö-hö!« dachte ich. »Du schlägst aus, du willst mich schlagen. Also dann gute Nacht! Schlaf nur allein. Ich werde fortgehen, dann werde ich alle Sorgen los sein, werde mir Schmach und Spott und Hohn ersparen.« Gleich überlegte ich es mir aber wieder: »Hö-hö! Du schlägst aus, du bist wütend, du willst mich schlagen – schon recht; du beginnst wohl zu fühlen, es kümmert dich was, und wenn dich was kümmert und du zu fühlen beginnst, so ist zu hoffen, daß du, will's Gott, zu Verstand kommst – dann wird alles ganz anders werden!«

Voll Liebe umarmte und streichelte ich meine Mähre und führte sie langsam und vorsichtig, bis wir an einen großen, dichten Wald kamen, den wir zum Übernachten betraten.

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