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Die lustigen Weiber von Windsor

William Shakespeare: Die lustigen Weiber von Windsor - Kapitel 7
Quellenangabe
typecomedy
booktitleEin Sommernachtstraum ? Der Kaufmann von Venedig ? Viel Lärm um nichts ...
authorWilliam Shakespeare
translatorWolf Graf von Baudissin
year1979
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn3-257-20635-6
titleDie lustigen Weiber von Windsor
pages333-335
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweiter Aufzug

Erste Szene

Straße

Frau Page tritt auf mit einem Brief

Frau Page.
Was! War ich in den Feiertagen meiner Schönheit Liebesbriefen entgangen und bin jetzt ein Inhalt für sie? Laßt doch sehn: – (sie liest) «Fordert keine Vernunftgründe von mir, warum ich Euch liebe: denn wenn gleich Liebe die Vernunft als verdammenden Inquisitor zuläßt, kann sie sie doch nicht als Ratgeber brauchen. Ihr seid nicht jung; ich ebensowenig; wohlan denn, hier ist Sympathie. Ihr seid munter, das bin ich auch: haha! darin liegt noch mehr Sympathie. Ihr liebt den Sekt, ich auch: gibt's wohl noch beßre Sympathie? Laß Dir's genügen, Frau Page (wenn anders die Liebe eines Soldaten Dir genügen kann), daß ich Dich liebe. Ich will nicht sagen, bedaure mich; das ist keine soldatenhafte Phrase; aber ich sage, liebe mich:

Der für Dich wacht
Bei Tag und Nacht
Aus aller Macht,
Auf Kampf und Schlacht
Für Dich bedacht.

John Falstaff.»

Welch ein Herodes von Judäa das ist! O gottlose, gottlose Welt! – Ist er doch schon vom Alter fast ganz aufgetragen und gebärdet sich wie ein junger Liebhaber! Welch unbedachtes Betragen hat denn mit des Teufels Beistand dieser flämische Trunkenbold aus meinem Gespräch aufgeschnappt, daß er sich auf diese Weise an mich wagen darf? Wahrhaftig, er ist kaum dreimal in meiner Gesellschaft gewesen! – Was sollt ich ihm sagen? Ich war doch damals sparsam mit meiner Lustigkeit; der Himmel verzeihe mir's! – Wahrhaftig, ich will auf eine Akte im Parlament antragen, den Männern das Handwerk zu legen. Wie soll ich mich an ihm rächen? Denn rächen will ich mich, so gewiß seine Eingeweide aus lauter Pudding zusammengesetzt sind.

Frau Fluth kommt.

Frau Fluth.
Frau Page! Wahrhaftig, ich wollte eben zu Euch.

Frau Page.
Und wahrhaftig, ich zu Euch. Ihr seht recht übel aus!

Frau Fluth.
Ei, das glaub ich nimmermehr; ich kann das Gegenteil beweisen.

Frau Page.
Mir kommt's aber doch so vor.

Frau Fluth.
Nun gut, so mag's denn sein; aber wie ich sage, ich könnte Euch das Gegenteil beweisen. Oh, Frau Page, gebt mir einen guten Rat!

Frau Page.
Wovon ist die Rede, Schatz?

Frau Fluth.
Oh, Schatz, wenn sich's nicht an einer Kleinigkeit stieße, so könnte ich zu großer Ehre kommen! –

Frau Page.
Schade was für die Kleinigkeit, Schatz; schlag die Ehre nicht aus; was ist's denn? Kümmre dich nicht um die Kleinigkeit; nun, was ist's?

Frau Fluth.
Wenn ich nur für eine kurze Ewigkeit zur Hölle fahren wollte, so könnte ich zur Ritterwürde kommen.

Frau Page.
Was, du lügst, Sir Alice Fluth! Nun, um solche Ritterschaft steht's oft nur flitterhaft; und ich dächte, im Punkte deiner Hausehre ließest du's beim alten.

Frau Fluth.
Ich sehe, wir verstehn uns nicht, liebes Kind; da hier, lies, lies: sieh nur, wie! – – Ich werde um so schlechter von den fetten Mannsleuten denken, solange ich noch ein Auge habe, der Mannsbilder Gestalt zu unterscheiden. Und doch fluchte er nicht; lobte die Sittsamkeit der Frauen und sprach so anständige und wohlgesetzte Verachtung alles Unschicklichen aus, daß ich drauf geschworen hätte, seine Gesinnung stimmte zum Ausdruck seiner Worte.- aber die haben nicht mehr Zusammenhang und passen nicht besser zueinander, als der hundertste Psalm und die Melodie vom grünen Ärmel. Welcher Sturmwind mußte uns diesen Walfisch mit so viel Tonnen Öl im Bauch an die Küste von Windsor werfen? Wie soll ich mich an ihm rächen? Ich denke, das beste wäre, ihn mit Hoffnung hinzuhalten, bis das gottlose Feuer der bösen Lust ihn in seinem eignen Fett zerschmolzen hätte. Hast du je so etwas gehört?

Frau Page.
Ein Brief wie der andre, nur daß die Namen Fluth und Page verschieden sind. Zu deinem größten Trost in diesem Labyrinth von Leichtfertigkeiten ist hier der Zwillingsbruder deines Briefs; aber laß nur deinen zuerst erben, denn auf meine Ehre, der meinige soll es nie. Ich wette, er hat ein ganzes Tausend solcher Briefe mit leeren Plätzen für die verschiednen Namen; und gewiß noch mehr, und diese sind von der zweiten Auflage. Er wird sie ohne Zweifel noch drucken lassen, denn es ist ihm einerlei, was er unter die Presse bringt, da er uns beide darunter bringen wollte. Lieber möchte ich eine Riesin sein und unter dem Berg Pelion liegen! Wahrhaftig, ich will ehr zwanzig treulose Turteltauben finden, als einen züchtigen Mann.

Frau Fluth.
Seht doch, ganz derselbige; dieselbe Handschrift, dieselben Worte; was denkt er nur von uns? –

Frau Page.
Wahrhaftig, ich weiß nicht; es bringt mich fast so weit, mit meiner eignen Ehrbarkeit zu zanken. – Ich muß mich ansehn wie eine Person, die ich noch gar nicht kenne; denn wahrhaftig, hätte er nicht eine Seite an mir entdeckt, von der ich selber gar nichts weiß, er hätte es nicht gewagt, mit solcher Wut zu entern.

Frau Fluth.
Entern sagst du? Nun, ich weiß gewiß, ich will ihn immer überm Deck halten.

Frau Page.
Das will ich auch; kommt er je unter meine Luken, so will ich nie wieder in See gehn. Wir müssen uns an ihm rächen: wir müssen ihm eine Zusammenkunft bestimmen, ihm einen Schimmer von Hoffnung für sein Begehren geben und ihn mit fein geködertem Aufschub immer weiter locken, bis er unserm Gastwirt zum Hosenbande seine Pferde versetzt hat.

Frau Fluth.
Ja, ich will die Hand dazu bieten, ihm jeden schlimmen Streich zu spielen, der nur unsrer Ehre nicht zu nahe tritt. Himmel, wenn mein Mann diesen Brief sähe! Er würde seiner Eifersucht ewige Nahrung geben.

Frau Page.
Ei sieh, da kommt er, und mein guter Mann auch; er ist so weit entfernt von aller Eifersucht, als ich, ihm Anlaß zu geben; und das, hoffe ich, ist eine unermeßliche Kluft.

Frau Fluth.
Um so glücklicher ihr! –

Frau Page.
Laßt uns einen Kriegsrat gegen diesen fetten Ritter halten! Kommt hieher.

(Sie gehn in den Hintergrund der Bühne.)
Fluth kommt mit Pistol, Page mit Nym.

Fluth.
Nun, ich hoffe, es ist nicht so.

Pistol.
Hoffnung ist oft ein Jagdhund ohne Spur:
Sir John lockt dein Gemahl.

Fluth.
Ei, Herr, meine Frau ist nicht jung.

Pistol.
Er wirbt um hoch und tief, um reich und arm,
Um jung und alt, um ein' und alle, Fluth:
Er liebt sich Mengelmuß. Fluth, Augen auf! –

Fluth.
Liebt meine Frau? –

Pistol.
Mit Leber, heiß wie Glut. Wehr's ab, sonst lauf
Wie Herr Aktäon, rings umklafft vorn Jagdgebell.
– O schändlich tönt das Wort!

Fluth.
Was für ein Wort, Herr?

Pistol.
Das Horn, sag ich. Leb wohl.
Hab acht! die Augen auf! denn Diebe schleichen nachts:
Hab acht! eh Sommer kommt und Kuckuckvögel singen. –
Mir nach, Herr Korp'ral Nym! –
Page, glaub ihm, denn er spricht Vernunft! (Pistol geht ab.)

Fluth.
Ich will Geduld haben; ich werde schon dahinterkommen.

Nym (zu Page).
Und dies ist wahr; der Humor des Lügens ist mir zuwider. Er hat mich in gewissen Humoren beleidigt; ich habe einen Degen, und er muß die Zähne zeigen, wann's not tut. Er liebt Euer Weib, das ist das Kurze und das Lange. Mein Nam ist Korporal Nym; ich rede und agnosziere: 's ist wahr; mein Nam ist Nym, und Falstaff liebt Euer Weib. – Lebt wohl! Ich hasse den Humor von Brot und Käse, und das ist der Humor davon. Lebt wohl. (Nym geht ab.)

Page.
Der Humor davon; ei! das ist mir ein Bursch, der unser Englisch aus allem Verstande herausschreckt.

Fluth.
Ich will Falstaff aufsuchen.

Page.
In meinem Leben hörte ich keinen so affektiert schleppenden Schurken.

Fluth.
Finde ich's so, gut! –

Page.
Ich werde keinem solchen Chinesen trauen, und empföhle ihn auch der Stadtpfarrer als einen ehrlichen Mann.

Fluth.
Es war ein wackrer, verständiger Bursch; gut! –

Frau Page und Frau Fluth treten vor.

Page.
Ei, sieh da, Gretchen!

Frau Page.
Wo gehst du hin, Georg? – höre doch!

Frau Fluth.
Was ist denn, lieber Franz? Warum so melancholisch.

Fluth.
Ich melancholisch? Ich bin nicht melancholisch! Mach, daß du zu Haus kommst! – geh! –

Frau Fluth.
Gewiß hast du wieder Grillen im Kopf. Kommt Ihr mit, Frau Page?

Frau Page.
Ich geh mit Euch. Kommst du jetzt zum Essen, Georg? – (Beiseite.) Sieh, wer da kommt! Die soll unsre Botin an den saubern Ritter sein.

Frau Hurtig kommt.

Frau Fluth.
Wahrhaftig, an die dachte ich eben; die wird grade recht sein.

Frau Page.
Ihr kommt wohl, meine Tochter Anne zu besuchen?

Frau Hurtig.
Ja wahrhaftig! Und was macht denn die liebe Jungfer Anne?

Frau Page.
Geht mit uns hinein und seht selbst; wir haben wohl ein Stündchen mit Euch zu plaudern.

(Die drei Frauen gehen hinein.)

Page.
Wie nun, Herr Fluth? –

Fluth.
Ihr hörtet doch, was der Kerl mir sagte? Nicht?

Page.
Ja, und Ihr hörtet, was der andre mir sagte?

Fluth.
Glaubt Ihr, daß ihnen zu trauen sei?

Page.
Hole der Henker das Gesindel! Ich glaube nicht, daß der Ritter so was wagt; aber diese, die ihm eine Absicht auf unsre Frauen schuld geben, sind ein Gespann von seinen ausgemusterten Bedienten, völlige Spitzbuben, seit sie außer Dienst sind.

Fluth.
Waren das seine Bedienten?

Page.
Freilich waren sie's.

Fluth.
Mir gefällt das Ding darum noch nicht besser. – Wohnt er jetzt im Hosenband?

Page.
Ja freilich. Sollte er seinen Kurs auf meine Frau richten, so wollte ich sie ihm frank und frei überlassen; und was er mehr von ihr erbeutet als harte Reden, das will ich auf meinen Kopf nehmen.

Fluth.
Ich habe eben kein Mißtrauen in meine Frau, aber ich möchte sie doch nicht gern zusammenlassen. Ein Mann kann auch zu sicher sein; ich möchte nichts auf meinen Kopf nehmen. Ich kann mich nicht so leicht zufrieden geben.

Page.
Sieh da, kommt hier nicht unser schwadronierender Wirt zum Hosenbande? Entweder er hat Wein im Kopf oder Geld in der Tasche, wenn er so lustig aussieht. Nun, wie geht's, mein Gastwirt? –

Der Gastwirt und Schaal kommen.

Wirt.
Wo bleibst du, Rodomont? Du bist ein Edelmann; Caballero Friedensrichter, komm doch! –

Schaal.
Ich komme, mein Gastwirt, ich folge dir. – Vielmals guten Tag, lieber Herr Page; Herr Page, wollt Ihr mit uns gehn? Wir haben einen Spaß vor.

Wirt.
Sag's ihm, Caballero Friedensrichter, sag's ihm, Rodomont.

Schaal.
Herr, es soll ein Strauß zwischen Sir Hugh, dem wallisischen Priester, und Cajus, dem französischen Doktor, ausgefochten werden.

Fluth.
Mein lieber Herr Wirt zum Hosenbande, ein Wort mit Euch! –

Wirt.
Was sagst du, Rodomont?

(Sie gehn auf die Seite.)

Schaal (zu Page).
Wollt Ihr mit und es ansehn? Unser lustiger Wirt hat ihre Waffen messen müssen und hat ihnen, glaube ich, verschiedene Plätze angewiesen; denn wahrhaftig, ich höre, der Pfarrer spaßt nicht. Gebt acht, ich will Euch erzählen, worin unsre Komödie bestehen soll.

Wirt.
Du hast doch keine Schuldklage wider meinen Ritter, mein Gastkavalier?

Fluth.
Nein, auf Ehre nicht. Aber ich will Euch eine Flasche gebrannten Sekt geben, wenn Ihr mir Zutritt zu ihm schafft und ihm sagt, ich heiße Bach; nur zum Scherz.

Wirt.
Da ist meine Hand, Roland, du sollst dich bei ihm präsentieren und absentieren: – war's so recht? – und Bach sollst du heißen. Er ist ein lustiger Ritter. Wollt ihr gehn, Kinder?

Schaal.
Nehmt mich mit, mein Gastwirt.

Page.
Ich höre, der Franzose versteht sich trefflich auf sein Rapier.

Schaal.
Still, Herr, davon wüßt ich ein Lied zu singen. Zu jetziger Zeit steht Ihr in einer Distanz und habt Eure Mensuren, Paraden und was weiß ich alles; auf's Herz kommt's an, Herr Page, hier sitzt es, hier sitzt es! Ich weiß die Zeit, da hätte ich mit meinem langen Degen vier handfeste Burschen springen lassen wie die Ratten.

Wirt.
Lustig, Burschen, lustig: wollen wir uns trollen?

Page.
Ich gehe mit Euch. Ich hörte sie lieber zanken als fechten.

(Der Wirt, Schaal und Page gehn ab.)

Fluth.
Obgleich Page ein sorgloser Narr ist und so fest auf seiner Frauen Schwachheit baut, kann ich doch meinen Argwohn nicht so leicht ablegen. Sie war mit ihm in Gesellschaft bei der Frau Page, und was sie da angefangen haben, weiß ich nicht. Wohlan, ich muß der Sache auf die Spur kommen, und ich weiß eine Verkleidung, um den Falstaff auszuhorchen. Wenn ich sie unschuldig finde, so ist meine Mühe nicht umsonst; ist sie's nicht, so war die Mühe gut angewandt. (Er geht ab.)

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