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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 91
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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91.

Donnerstags um Mitternacht, am 10. Februar 1775.

Mein lieber Freund, es schlägt Mitternacht. Eine Erinnerung überkommt mich, bei der mir das Herz stehen bleibt. Am 10. Februar vorigen Jahres war es, wo mich ein Gift berauscht hat, das ich noch heute verspüre. Noch in diesem Augenblicke stört es mein Blut in seinem Umlauf, drängt es gewaltsam zum Herzen und erfüllt es wieder mit qualvoller Reue.

Ach, welcher Dämon mußte mir den höchsten und köstlichsten Genuß mit dem gräßlichsten Elend mischen! In schmerzlich-süßer Erinnerung will ich Ihnen einen schrecklichen Traum erzählen.

Ich sah einen Jüngling auf mich zukommen. Seine Augen waren voll Liebe und Sehnsucht. Sein Gesicht sprach von Zärtlichkeit und Sanftmut. Leidenschaft schien seine Seele zu bewegen. Bei diesem Anblick durchzitterte mich Lust und Angst zugleich. Ich wagte meine Augen auf ihn zu richten und meine Blicke auf ihm verweilen zu lassen. Ich lief ihm entgegen. Da erstarrten meine Sinne und meine Seele: ihm voran schritt oder schwebte der Geist des Schmerzes in Trauergewändern. Der streckte die Arme aus, wollte mich zurückweisen, nicht näher lassen, aber ich fühlte mich durch einen dunklen Drang zu dem Jünglinge hingezogen. Verwirrt rief ich aus: »Wer bist du? Du, der du mir die Seele mit Wonne und Weh, Zauber und Zagen füllst? Was für Kunde bringst du mir?« – »Unglückliche!« antwortete er in dumpfem Ton und mit schmerzlicher Gebärde. »Ich bin dein Schicksal! In dieser Stunde stirbt der, der die Sonne deines Lebens war!«

Ach, mein lieber Freund, Sie waren diese Erscheinung. Unter Tränen verkündeten Sie mir jene unseligen Worte. Ich habe sie nur im Traume gehört, aber sie sind tief in mein Herz eingegraben. Noch bebt es davon, aber es liebt Sie!

Um Gottes willen: Kommen Sie morgen! Ich versinke in Traurigkeit und Trübsal. O Gott, vor einem Jahre um die nämliche Stunde sank Mora sterbend hin, und ich beging im selben Augenblick, dreihundert Meilen fern von ihm, eine grausamere Sünde als die rohen Barbaren, die ihn umgebracht haben. Ich sterbe vor Leid. Meine Augen und mein Herz sind tränenschwer. Lebe wohl, mein Freund, ich hätte Dich nie lieben sollen!

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