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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 87
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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87.

Sonnabends mittags. [Januar 1775.].

Ich war gestern abend so abgestumpft, so durchkältet, weil Sie so spät gekommen waren, und weil ich Sie in den letzten Tagen so wenig gesehen hatte, daß ich vergessen habe, Ihnen die gewünschte Abschrift des Briefes der Frau Geoffrin einzuhändigen.

Wenn Sie liebenswürdig und vor allem vernünftig sein wollten, so könnten Sie Ihren morgigen Tag folgendermaßen einteilen: Sie essen im Temple, werden dort Frau von Boufflers sehen und kommen dann um sechs Uhr entweder in meine Loge in der Oper oder hierher. Das lasse ich Ihnen noch sagen. Ich habe nicht viel Lust, zum Mittagessen zum Grafen Crillon zu gehen. Roucher wird wahrscheinlich da sein; Crillon hofft es wenigstens. Ich bewundere sein Talent von ganzer Seele, aber die Art, wie er es gebraucht, ist mir zuwider. Alle seine schönen Requisiten machen einem das Herz nicht warm. Ein einziges Wort dessen, den ich liebe, ja sein Traumbild bringt mehr Leben in meine Gedanken und meine Gefühle als sein ganzer phantastischer Reichtum.

Lieber Freund, ich möchte Sie heute sehen. Kommen Sie vor dem Abendessen. Ob ich Sie morgen in der Oper oder bei mir zu Hause erwarte, das lasse ich Ihnen noch sagen.

Hören Sie, nun ist es aus: Ich leihe Ihnen keine Manuskripte mehr, da Sie sie von Hand zu Hand gehen lassen. Auf Sie kann man sich wirklich gar nicht verlassen. Am Ende bleibt Ihnen ja ohngeachtet aller Ihrer Sünden die Zuversicht, wie Sie mir gestern selber gesagt haben, noch begehrt und geliebt zu sein, tausendmal mehr, als Sie es erwidern wollen und können.

Leben Sie wohl! Es ist unrichtig von mir, Ihnen zu schreiben. Nun kommen Sie erst recht nicht. Wie schade, so liebenswürdig zu sein und doch so wenig wert der Liebe! Nochmals, leben Sie wohl! Heute werde ich erst abends um neun ausgehen. Ich wette. Sie sind schon auf den Beinen. Drei Dinge gibt es, die Sie nicht zu schätzen verstehen und die Sie zum Fenster hinauswerfen: Ihre Zeit, Ihr Können und Ihr Geld. Mit allem übrigen sind Sie ein Geizhals.

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