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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 82
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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82.

Sonntags, fünf Uhr. [1774.]

Mein lieber Freund, heute morgen waren Sie närrisch, aber Ihre Narretei war sehr liebreich, ganz nach meinem Herzen. Ich weiß nicht, wie ich Ihnen Ihren Willen nicht erfüllen konnte, auch weiß ich nicht, wie ich vergessen konnte, Ihnen den eigentlichen Grund meines Zuhausebleibens zu sagen. Ebenso wunderlicherweise fiel er mir erst selber wieder ein, als ich halb vier Uhr Herrn von Vaines in mein Zimmer treten sah. Er hatte es mir gestern abend gesagt, er hatte sich bei mir angesagt, aber ich wußte es nicht mehr.

Lieber Freund, ich habe mich einmal mit Ihnen in Widerspruch befunden, aber Sie betrüben mich hundertmal. Zum Beispiel, wenn ich Sie heute abend nicht bei mir sähe, wären Sie grausam und ungerecht. Und doch würde ich mich nicht beklagen.

Mein Gott, hassen Sie mich! Ich liebe Sie und ich bin todtraurig. Kommen Sie nicht zu mir. Nein. Gehen Sie in die Komödie, gehen Sie soupieren, gehen Sie tanzen! Alles andere ist vergnüglich und unterhaltsam, nur ich langweile Sie und mache Sie trübsinnig. Bei mir müssen Sie allzusehr Einkehr in sich selbst halten. Der Sturm meiner Leidenschaft streift Sie. Und die ist zu eintönig, zu einfältig für einen Weltmann, den die Reize einer Anderen fesseln, eines liebenswürdigen Weibes, das ihm nur Genuß und Zerstreuungen bietet. Kurz und gut, mein lieber Freund, alles das beweist, daß Sie ebenso richtig wie gerecht handeln, wenn Sie mich nur ein bißchen lieben. Ich bin nicht mehr wert. Ich habe Lançon kennen gelernt, den Maler. Er ist selber bildhübsch, aber er hat etwas Törichtes, Albernes, Geckenhaftes an sich, das mich gegen seine künstlerische Fähigkeit völlig kalt macht. So ein Mensch kann sich niemals in Ihr Inneres hineindenken. Er würde Sie ohne Seele malen und es fertig bringen, daß ich Ihr Bild ohne Teilnahme betrachten könnte. Und doch nicht. Lebt nicht in meiner Seele etwas, das Steine beseelt und Leinwand lebendig macht? Mein lieber Freund, nichts wird mir an Ihrem Bilde fehlen. Sie haben es mir versprochen. Ich werde es also bekommen. Ich brauche es.

Lieber Freund, wenn Sie heute Ihre Geschäfte und Besuche erledigen wollten, wenn Sie heute an alles Nötige dächten, um am morgigen Sonntag frei zu sein, so wären Sie sehr liebenswürdig und vernünftig. Aber nein, Sie sind in allem, was Sie tun, Phantast. Weder die Vernunft noch das Gefühl ist bei Ihnen entscheidend. In Ihrem ganzen Wesen steckt kein bißchen gesunder Menschenverstand. Aber so wie Sie sind, liebe ich Sie bis zur Tollheit, und das wissen Sie nur zu gut. Das ist das dritte Mal, daß ich Ihnen schreibe!

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