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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 81
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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81.

Dienstags mittags. [1774].

Sie hatten mir weder etwas gesagt noch geschrieben. Das kann ich Ihnen beweisen. Die Hoffnung, Sie zu sehen, reicht hin, um alle meine Dispositionen zu ändern und umzuwerfen. Glauben Sie wirklich, ich hätte mich irgendwo anders verpflichtet, wenn ich die Gewißheit gehabt hätte, Sie zu sehen? Sie hingegen, der sie von den Dispositionen der Frau von M[ontsauge] abhängig sind, Sie können niemals vorher wissen, nie mit Gewißheit vorher sagen, was Sie tun werden. Mein lieber Freund, dieses Unglück ist ja nicht groß; es entspringen ab und zu Mißverständnisse daraus, aber Sie bleiben mir gegenüber ein freier Mann. Und das ist die Hauptsache.

Sie wissen niemals, was Sie wollen, wohin Sie gehen sollen. Doch, was tut's? Wenn Sie sich nur amüsieren und am Schluß des Tages glücklich und zufrieden sind, dann haben Sie wohl getan, dann sind Sie im Rechte, und Ihre Art zu leben ist sicherlich vortrefflich. Ändern Sie also nichts daran!

Was mich betrifft, ich bin trübsinnig und niedergeschlagen. Ich möchte meine Art zu fühlen nicht ändern, aber ich wünschte, ich wäre tot. An dem Tage, im nämlichen Augenblick hätte ich das sein müssen, wo ich nicht mehr geliebt wurde. Mein Gott, was habe ich verloren! Auf ewig verloren!

Mein Herz kann sich an das grausige Wort »ewig« nicht gewöhnen. Noch immer gerät es in Zuckungen. Gestern, während des Vorlesens hatte ich Angst, auf und davon gehen zu müssen. Ich erinnerte mich daran, daß beim letzten Male, wo dasselbe Buch gelesen wurde, er dabei war. Mir brach das Herz; ich habe kein Wort verstanden, und seitdem lebe ich nur in dieser bittersüßen Erinnerung.

Mein lieber Freund, warum haben Sie mich dem Tode entrissen? Das einzige, was meine Seele beruhigt, ist der Gedanke an den Tod, die immerwährende heiße Sehnsucht danach ....

Gute Nacht! Am wohlsten fühle ich mich in der Nacht. Dann bin ich allein mit meinen liebsten Gedanken.

Sagen Sie mir, wenn Sie es selber wissen, was Sie in den nächsten Tagen vorhaben. Aber, bitte, kein Opfer! Das bin ich nicht wert. Und todunglücklich bleibe ich doch.

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