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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 8
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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7.

Montag abends, den 21. Juni 1773.

Ich glaube, das ist mein fünfter Brief nach Berlin. Ich habe Ihnen gestern geschrieben, und ich schreibe Ihnen heute abend wiederum. Wenn ich drei Tage länger wartete, das heißt bis Mittwoch, so würde ich vielleicht Ihren Brief vom 10., den mir d'Aguesseau heute überbracht hat, nie beantworten.

Vorerst – denn es gibt doch vielleicht noch ein Nachher für mich – möchte ich Sie bitten, Ihre Briefe unmittelbar an mich zu richten. Sie durch Vermittlung d'Aguesseaus in meine Hände kommen zu lassen, das heißt einen Zufall mehr gegen mich heraufbeschwören. D'Aguesseau kann aufs Land gehen, er kann eine Reise machen usw. Genug, es ist hinlänglich, tausend Meilen weit voneinander entfernt zu sein; verschlimmern Sie das nicht noch mehr! Ach, ich muß Ihnen wie eine Närrin vorkommen, aber ich will zu Ihnen mit all der Offenheit und Zwanglosigkeit reden, die man nur haben kann, wenn man den Tag darauf zu sterben glaubt. So hören Sie mich denn auch an mit der Nachsicht, die man Sterbenden bekundet.

Ihr Brief hat mir wohlgetan; ich wartete noch immer auf ihn, aber ich hatte aufgehört, ihn herbeizusehnen, weil meine Seele keiner Regung mehr fähig war, die an Freude streift.

Soll ich es Ihnen sagen? Sie haben mir auf einige Augenblicke die entsetzliche Angst verscheucht, die mein ganzes Sein untergräbt. O Gott! Ich fürchte für sein [Moras] Leben; das meinige ist an das seine gekettet, und doch spüre ich das Verlangen, mit Ihnen zu plaudern. Begreifen Sie, welche Gewalt mich von neuem zum Leben reizt und zu Ihnen hinzieht? Aber Ihre Freundschaft befriedigt mich nicht; ich finde es kalt, leichtfertig, mir nicht zu sagen, warum Sie mir nicht von Dresden aus geschrieben haben. Sie hatten es mir versprochen. Auch lassen Sie mich allzu deutlich fühlen, daß Ihnen der Unmut über die Enttäuschung in Berlin die Freude an dem Ausdruck und den Beweisen meiner Freundschaft verdorben hat. Und dann – ich muß Ihnen das sagen – beleidigt mich Ihr Dank für die Teilnahme, die ich für Sie hege. Halten Sie das für die richtige Art der Erwiderung? Sie werden mich für sehr ungerecht, sehr eigensinnig halten. Nein, nichts von alledem! Ich bin nur sehr offen, sehr krank und sehr unglücklich. Ja, ja, sehr unglücklich! Wenn ich Ihnen nicht sagte, was ich fühle, was ich denke, so hätte ich Ihnen gar nichts zu sagen. Glauben Sie, daß man in der Aufregung, in der ich mich befinde, die Kraft hat, sich Zwang aufzuerlegen? Soll ich mich zum Beispiel ergriffen stellen von Ihrer Art, mir über die Hauptangelegenheit meines Lebens zu sagen: Antworten Sie mir auf alles das, was Sie können, was Sie mögen? O ja, was ich mag! Sie lassen mir in der Tat viel Freiheit, aber Sie sehen auch, wozu ich sie verwende. Nicht um an Ihnen zu nörgeln, sondern um Ihnen zu beweisen, was Sie noch viel besser wissen sollten als ich: daß in Stimme und Ausdruck sich immer der innere Zustand widerspiegelt. Wenn ich nicht zufrieden bin, so ist das nicht Ihre Schuld. Das weiß ich sehr wohl. Deshalb verlange ich ja nichts weiter als den geringen Trost, den man sich selbst so selten gestattet: frei alle seine Gedanken auszusprechen. Man steht immer in der Furcht vor morgen. Aber ich fühle mich frei, wie wenn es keins mehr gäbe, und wenn ich ja zufälligerweise noch länger leben müßte, so ahne ich, daß ich mir verzeihen würde, offen zu Ihnen geredet zu haben, selbst auf die Gefahr hin, Ihnen zu mißfallen. Habe ich nicht recht? Unsere Freundschaft sei groß, stark und ungeteilt, unser Bund zärtlich, fest und innig, – sonst ist das zu gar nichts nütze. So kann es mich nie gereuen, Ihnen meine ganze Seele gezeigt zu haben. Wenn es das nicht war, was Sie wollten, wenn wir uns vergriffen hätten, so wollen wir aufrichtig sein. Lassen Sie uns weder beschämt noch verlegen dastehen. Wir wollen wieder dahin zurückkehren, von wo wir ausgegangen sind. Wir wollen glauben, wir hätten geträumt. Wir wollen unser Erlebnis einfach zu der Summe unserer früheren Lebenserfahrungen hinzufügen und uns aufführen wie wohlerzogene Leute, die wissen, daß es nicht schicklich ist, von seinen Träumen zu reden. Wir wollen still darüber sein. Schweigen ist so süß, wenn es die Eigenliebe zu trösten vermag.

Sie wollen mir nicht sagen, welchen Platz Sie mir einräumen? Hält Sie die Furcht zurück, zu viel oder zu wenig zu tun? Das mag recht und billig sein, aber edel ist es nicht. Die Jugend ist sonst so großherzig; sie findet Vergnügen daran, bis zur Verschwendung zu geben. Sie aber sind geizig, als ob Sie reich wären oder alt. Und dabei verlangen Sie in der Tat Unmögliches von mir. Man soll Sie beklagen, daß Sie willensstark sind; man soll Kämpfe ausfechten, damit Sie sich selber treu bleiben. Großer Gott, nur noch ein klein wenig Geduld, und ich stehe dafür, daß Ihr Charakter Ihr Tyrann sein wird. Die Gewohnheit zu siegen, wird ihn felsenfest machen, wenn das noch nötig ist. Sie haben einmal gesagt – es ist schon lange her –, daß Ihnen nichts daran gelegen sei, glücklich zu sein, wenn Sie nur groß wären. Lassen Sie das gut sein! Ich leiste Gewähr. Sie dürften nur allzusehr recht behalten. Nur etwas Unsicheres und Schwankendes ist in Ihnen: Ihr Gefühl. Ihre Gedanken, Ihre Pläne sind absolut fest.

Ich müßte mich sehr täuschen, wenn Sie nicht dazu geschaffen wären, ein eitles Herz glücklich, eine empfindsame Seele aber verzweifelt unglücklich zu machen. Gestehen Sie's nur, es freut Sie, daß ich das sage. Sie vergeben mir, wenn ich Sie weniger liebe, wenn ich Ihnen dafür nur beweise, daß man Sie mehr bewundert.

Wahrlich, Sie legen mir eine sonderbare Frage vor: Hat er [Mora] bessere Gründe als ich für sein Fernsein? Gewiß hat er sie. Er hat einen so stichhaltigen, daß, wenn er damit Erfolg erringt, das Opfer meines Lebens nicht hinreichen würde, meine Schuld abzutragen.

Alle Umstände, alle Begebenheiten, alle ideellen und realen Gründe sind gegen mich, aber er ist so ein Held für mich, daß mir kein Zweifel über seine Rückkehr bleibt. Dennoch erbebe ich vor dem, was ich am Mittwoch erfahren habe: er hat Blut ausgeworfen; man hat ihm zweimal zur Ader gelassen. Im Augenblick, wo der Bote abging, befand er sich wohl, doch der Anfall kann sich wiederholen; ein neuer Blutsturz kann kommen. Gibt es ein Mittel, bei diesem Gedanken ruhig zu sein? Er selbst fürchtet das Weitere. Obgleich er es mir verbergen möchte, ich sehe doch seine Angst.

Und nun sagen Sie mir, ob Sie nicht wissen, von wem ich rede, ob Sie es nicht gewußt haben, als ich Ihnen schrieb und mir den »Konnetabel« erbat. Ist es Zartgefühl oder Raffiniertheit, daß Sie sich über einen Namen in Ungewißheit stellen, den ich Ihnen verschwieg?

Ich habe ja Ihre Reisepläne noch nicht berührt! Ich kann auch wirklich nichts dazu sagen, solange Sie sich selbst noch nicht entschieden haben.

Wenn ich gewiß wäre, am Leben zu bleiben, und wenn Sie niemals nach Rußland gingen, so würde ich lebhaft wünschen, Sie in Berlin festgehalten zu sehen. Allein da ich glaube, daß Sie ewig das Bedürfnis haben werden, schwierige Dinge zu vollführen, so möchte ich, da Sie einmal unterwegs sind, Sie machten gleich eine Reise um die Welt, damit das abgetan wäre. Und dann: kann man sich wohl einen Augenblick auf die Zukunft verlassen? Kaum werden Sie wieder hier sein, so sehe ich Sie nach Montauban aufbrechen, und dann gibt es wieder etwas anderes, denn Sie ertragen Ruhe nur gerade dann, wenn Sie den Entschluß fassen, tausend Meilen zurückzulegen.

Ja, auf Ehre, das war ein Unglückstag in meinem Leben, der Tag vor einem Jahre in Moulin-Joli. Ich war so weit ab von dem Bedürfnis, eine neue Verbindung zu schließen. Mein Leben, mein Herz waren übervoll. Nichts lag mir ferner als der Wunsch nach neuen Erlebnissen. Sie aber, Sie wollten nur einen Beweis mehr haben, wie viel Sie über ein ehrbares, gefühlvolles Weib vermöchten. Doch wie jämmerlich ist dies alles. Sind wir denn frei? Kann etwas eben anders sein, als es ist? Sie waren also nicht frei, da Sie mir sagten, daß ich oft von Ihnen Briefe erhalten würde, und ich wieder habe nicht die Freiheit, keine Sehnsucht danach zu hegen.

Nachdem ich Sie nun genügend heruntergemacht habe, muß ich Ihnen doch sagen, daß es recht nett von Ihnen war, mir sogleich bei Ihrer Ankunft [in Berlin] zu schreiben, aber ich verdiene es auch, ja gewiß, ich verdiene es.

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