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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 79
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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79. (Fortsetzung.).

Sonnabends, elf Uhr abends.

Sie haben recht getan, daß Sie nicht ins Theater gegangen sind. Ich habe keine Worte für die Langeweile, die ich ausgestanden habe. Mein körperliches Unbehagen dabei ging ins Schmerzhafte. Hinterher war ich nicht imstande, den Rest des Abends bei Frau von Châtillon zu verbringen, obgleich ich es ihr versprochen hatte.

Es gibt meinem Gefühl nach ein Übermaß von Leid, das einen der Kraft beraubt, Langeweile ertragen zu können. Die Passivität, die ich mir beim Anhören von oft empörenden, fast immer ebenso dummen wie gemeinen Trivialitäten auferlegen muß, ist mir gräßlich. Ein widerwärtiges Stück! Wie spießbürgerlich ist der Verfasser, wie gewöhnlich und beschränkt sein Geist! Wie niedrig und plebejisch das Publikum! Und die gute Gesellschaft, wie dumm und ohne guten Geschmack! Man muß jeden Schriftsteller beklagen, der sich einfallen läßt, eine Berühmtheit der Bühne werden zu wollen. Und wie hat dieses alberne Publikum Beifall geklatscht! Molière könnte keinen größeren Erfolg beanspruchen. Würdig allein waren Namen und Kostüme. Der Verfasser läßt die Höflinge und seinen Heinrich IV. reden wie Spießbürger von der Rue Saint-Denis. Und ganz ebenso sprechen seine Bauern. Mit einem Worte: das Stück ist für mich eine Ausgeburt von schlechtem Geschmack und Plattheit, und Angehörige der Gesellschaft, die es loben, kommen mir vor wie Dienstboten, die ihre Herrschaft herausstreichen.

Mein lieber Freund, wenn Ihr Urteil über diese Komödie wiederum entgegengesetzt von meinem wäre, so sollte mir das leid tun, aber ich werde keine Silbe davon zurücknehmen. Von gut oder schlecht kann hierbei überhaupt nicht die Rede sein. Mir war das Stück in den Tod zuwider. Die anderen – wir waren zu viert in der Loge – verfielen der gleichen Mißstimmung.

Das mag genug sein! Sie werden bereits denken, das Langweilige hätte mich angesteckt.

Haben Sie Nachrichten von Ihrer Frau Mutter? Geht es ihr besser?

Lieber Freund, wie haben Sie wieder Ihren Tag verbracht? Nicht im geringsten so, wie Sie sich's vorgenommen hatten. Ist es nicht so? Und morgen werden Sie auch nichts arbeiten, und so geht es alle Tage. Erst sind Sie voller Tatenlust und entwerfen hundert Pläne, und dann drücken Sie sich leichtsinnig unter dem ersten besten Vorwand. Abwechselnd Reue, Sehnsucht, Begeisterung – und niemals Ausdauer und Ruhe! Mein lieber Freund, man muß sich erst in Sie verlieben, ehe man Sie richtig kennt, so wie ich es gemacht habe; denn Sie erst kennen und dann doch sein Glück an Sie ketten, das hieße sich dem Teufel verschreiben.

Ich will Ihnen mein ganzes Programm für den morgigen Sonntag mitteilen, damit Sie die Ihnen bequemsten Augenblicke für mich heraussuchen können. Erst die Messe, dann bis zur Tischzeit einen Krankenbesuch. Ich esse bei Frau von Châtillon. Um fünf Uhr bin ich im Palais de Larochefoucauld. Halb sieben Uhr komme ich von da zurück und bleibe dann zu Haus. Leben Sie wohl, lieber Freund! Ich liebe Sie, aber ich bin zu trüb gestimmt und zu dumm, um Ihnen das recht schön zu sagen. Nochmals: Leben Sie wohl!

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