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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 76
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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76.

Sonntag, 6 Uhr abends, den 13. November 1774.

Mein lieber Freund, Sie tun mir weh. Meine Liebe gereicht Ihnen wie mir zum Fluche. Es war begründet, als Sie einmal sagten, Sie hätten kein Bedürfnis nach dem, was ich unter Liebe verstehe. Nein wahrlich. Sie messen mit anderem Maße. Sie sind so vollendet liebenswürdig, daß Sie unbedingt der Liebling aller der reizvollen Damen sind oder werden, die mit Ihnen ein bißchen kokettieren und im Grunde doch bloß in sich selber verliebt sind. Amüsieren Sie alle diese Weiber, befriedigen Sie ihre Eitelkeit! Welcher Unstern hat es nur aber gefügt, daß Sie mich dem Leben erhalten haben und mich nun in Unruhe und Leid verkommen lassen? Mein Freund, ich beklage mich keineswegs, ich bin nur betrübt darüber, daß mein Frieden Ihnen so wertlos ist. Dieser Gedanke taucht mein Herz abwechselnd in Eis und in Feuer.

Ach, es ist ja unmöglich, in Frieden zu leben mit einem Manne, der ein Tollkopf ist, der Gefahren verachtet und Vorsicht nicht kennt, der unfähig ist, sich zu sorgen, gewissenhaft zu sein, der niemals etwas planmäßig unternimmt, – kurz gesagt: mit einem Manne, der ins Blaue hineinlebt, den alles reizt und nie etwas wirklich fesselt und hält.

Du mein Gott, wenn meine Willenskraft, mein Verstand, meine Überlegung etwas hätten ausrichten können, hätte ich mich dann in Sie verliebt? Ach, in was für ein tiefes Elend bin ich geraten! Mich schaudert's. Eine sanftere Stimmung in mein Herz wieder einziehen zu lassen, – das könnte nur der Gedanke, Sie kämen morgen. Doch wie sollte ich an dieses Glück glauben? Vielleicht bricht Ihr Wagen in Stücke, vielleicht kommt irgend ein Unfall dazwischen, vielleicht bleiben Sie in Chanteloup, vielleicht, – ach, ich fürchte alles und nichts kann mich trösten.

Mein lieber Freund, was nutzt es, Ihnen den Kopf heiß zu machen? Sie bessern sich doch nicht. Und werde ich Sie darum weniger lieben?

Gute Nacht! Jedesmal, wenn heute meine Haustüre geöffnet worden ist, habe ich Herzklopfen bekommen. Manchmal hatte ich eine wahre Angst, Ihren Namen zu hören, und dann war ich wieder tief betrübt, ihn nicht gehört zu haben. Solche Widersprüche, solche entgegengesetzte Regungen sind echt und erklären sich durch die drei Worte:

Ich liebe Dich!

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