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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 71
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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71.

Sonntag abends, den 23. Oktober 1774.

Mein lieber Freund, um mich ruhiger zu machen, um einen Gedanken los zu werden, der mich quält, muß ich mit Ihnen plaudern. Ich harre der Stunde der morgigen Post mit einer Ungeduld, die – vielleicht – nur Sie begreifen können. Sie hören mich, wenn Sie mir auch nicht antworten können. Das ist immer etwas. Allerdings wäre es süßer, tröstlicher, wenn wir wirkliche Zwiesprache hielten, aber das Alleinsprechen ist auch schön, wenn man sich sagen kann: ich rede zwar für mich, aber ich werde doch gehört.

Mir geht es körperlich gar nicht gut. Ich schreibe es der Arznei zu; dieser Schierling bewahrt doch seine giftige Eigenschaft. Ich fühle mich so schwach, so beängstigt, daß ich heute zwanzigmal einer Ohnmacht nahe war, und in diesem Augenblick ist mir unsagbar schlecht zumute. Ich fühle – wie Fontenelle kurz vor seinem Tod gesagt hat – mein Ich gehemmt. Aber das innere Feuer gibt mir die Kraft, Ihnen zu schreiben. Den ganzen Tag über habe ich nichts getan und noch kein Wort gesprochen.

Ich weiß nicht, ob ich Ihnen bereits von Crillons berichtet habe. Ich habe sie in der letzten Woche häufig gesehen. Der Graf schwimmt im Glück. Er hat mir gesagt, selbst wenn seine Frau ruiniert wäre, so blieben ihm immer noch glänzende Einnahmen. Sie gefällt ihm und sagt ihm in jeder Hinsicht zu. Der Glückliche! Es freut mich riesig. Ich habe Ihnen bereits erzählt, daß ihr Gesicht gewöhnlich ist, aber ich halte sie für gescheit. Sie hat ein verbindliches Wesen und einen starken Drang zu gefallen. Für den Mann, den ich am meisten auf der Welt liebe, wäre mir so eine Frau freilich nicht gut genug. Lieber Freund, mehr denn je bin ich überzeugt: Ein befähigter, ein genialer Mann, einer, der berühmt werden soll, der darf nicht heiraten. Die Ehe ist die leibhaftige Vernichterin alles Großen und Herrlichen. Wer zum lieben braven Ehekrüppel geschaffen ist, der ist auch zu nichts anderem da, und zweifellos findet er in der Ehe sein Glück. Andere aber gibt es, deren natürliche Bestimmung es ist, große Männer zu werden, keine glücklichen im spießbürgerlichen Sinne.

Diderot hat einmal gesagt: Wenn die Mutter Natur einen genialen Mann erschafft, dann schwingt sie über seinem Haupte eine Fackel und ruft: Werde ein großer Mensch und sei unglücklich! Ich glaube an Ihrem Geburtstage hat sie das auch gesagt. Gute Nacht, ich kann nicht mehr! Morgen mehr!

Montags, nach der Post.

Keinen Brief! Bei einem Anderen würde ich zittern. Aber ich fasse mich ein wenig, da ich weiß, daß Regelmäßigkeit und Pünktlichkeit nicht Ihre Sache ist. Ich hoffe also, Sie sind wohl und munter. Ich sehe, Sie haben kein Bedürfnis verspürt, mich zu beruhigen. Das ist sehr natürlich, aber ebenso betrübend. Lieber Freund, ich mache Ihnen durchaus keinen Vorwurf. Ich bedaure Sie nur, weil Ihre Seele, in welcher Stimmung sie auch sei, sich nicht zu mir findet.

Leben Sie wohl! Ich bin abgespannt und in außergewöhnlich schwacher Verfassung. Ich muß mir die größte Mühe geben, um die Feder halten zu können. Ich erwarte keinen Brief mehr von Ihnen, aber ich sehne mich danach, so lange ich noch atme.

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