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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 7
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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6.

Sonntag, den 20. Juni 1773.

Mein Gott, sind Sie gestorben? Oder sollten Sie schon vergessen haben, daß das Andenken an Sie in den Seelen der von Ihnen Verlassenen schmerzvoll weiterlebt?

Nicht ein Wort von Ihnen seit dem 24. Mai. Ach, wie schwer ist's, sich einzureden, es sei nicht Ihre Schuld! Und wäre sie's, so verdienten Sie weder die Trauer, die mein Herz empfindet, noch die Vorwürfe, die ich Ihnen mache.

Auch d'Aguesseau hat keine Nachricht von Ihnen. Ich fühle für Sie eine so wahrhaftige und innige Teilnahme, daß ich glücklich gewesen wäre, wenn er mir auch nur hätte sagen können, daß Sie ihm den Vorzug vor mir gegeben hätten. Gewiß verdient er ihn in jeder Hinsicht, doch die Gerechtigkeit ist kein Maßstab für das Gefühl. Wenn sie die Vorherrschaft in mir hätte, glauben Sie wohl, daß ich mir dann Ihr Schweigen sonderlich zu Herzen nehmen und mich nach einem Zeichen Ihrer Gesinnung sehnen könnte? Sicherlich nicht! Ich würde nicht einmal begreifen, warum ich mich in diesem Augenblick mit Ihnen beschäftige.

Gestern habe ich eine Nachricht [vom Marquis von Mora] empfangen, die mein Herz vor Schmerz hat vergehen lassen. Ich habe die Nacht in Tränen hingebracht; mein Kopf war wirr, mein ganzer Körper erschöpft; aber wenn ich einen Augenblick erhaschte, der nicht Schmerz war, dann habe ich an Sie gedacht, und es kam mir vor, als seien Sie da. Wäre es so gewesen, dann hätte ich Sie mein Leid wissen lassen, und vielleicht wären Sie dann wirklich gekommen. Sagen Sie, ob ich mich täusche! Irrt meine Seele, im Leiden Trost bei der Ihrigen zu suchen! Verstehen Sie, unter so vieler Unruhe, unter so vielseitigen Anforderungen, ach, so verschieden von der, die bang und zärtlich macht, verstehen Sie da noch eine Sprache, die den meisten Menschen fremd ist, die sich von Zerstreuungen verführen, von Eitelkeit berauschen lassen? Auch die kennen sie kaum besser, die wie Sie Wissensdurst und Ruhmesliebe im Kopfe haben. Sie sind so überzeugt, daß weiches Gefühl nur neben Mittelmäßigkeit gedeiht, daß ich vor Furcht sterbe, Ihre Seele verschließe sich völlig dieser weit öfter schmerzvollen als trostbringenden Regung.

Nun ist es schon vierzehn Tage her, seit ich Ihnen nicht geschrieben habe, und gestern noch glaubte ich, daß es nicht eher wieder sein dürfe, als bis ich Nachricht von Ihnen erhalten hätte.

Der Schmerz hat meine Seele weich gemacht. Ich lasse ihr den Willen. Ich habe um fünf Uhr morgens zwei Gramm Opium eingenommen; ich bekam Ruhe, was besser ist als Schlaf. Nun ist der wilde Schmerz gemildert. Mein Körper ist völlig kraftlos. Mit verringerter Spannkraft bringt man es am Ende fertig, ungestüme Herzen zu zügeln. Ich kann wieder zu Ihnen reden, mich bei Ihnen beklagen. Gestern hatte ich kein Wort. Ich hätte nicht aussprechen können, daß ich das Leben des Geliebten in Gefahr glaube. Eher wäre ich gestorben, als daß ich Worte herausgebracht hätte, die mein Herz erstarren lassen. Sie haben geliebt, Sie verstehen demnach solche Schreckbilder. Bis Mittwoch will ich in dieser Ungewißheit verharren, die so schauderhaft ist und mir dennoch gebietet, bis dahin zu leben. Ach, es ist nicht möglich zu sterben, wenn man geliebt wird, und doch ist's unselig zu leben! Mein Herz wünscht dringend den Tod herbei, und ich fühle mich mit Klammern an das Leben geschmiedet. Trauern Sie um mich! Vergeben Sie mir, wenn ich Ihre mir erwiesene Güte mißbraucht habe. In Ihnen oder in mir, wo suche ich den Quell meines Zutrauens?

Man munkelt, Sie hätten den König nicht in Berlin angetroffen. Sollten Sie ihn in Stettin aufgesucht haben, wo er sich bis zum 20. aufhalten soll? Ich bin unruhig. Ich hätte doch von Berlin aus Nachricht von Ihnen haben sollen. Wie sehr würden Sie sich schuldig machen, wenn Sie im geringsten nachlässig wären, und Sie wissen wohl, daß Sie mir Ihr Ehrenwort gegeben haben, mir schreiben zu lassen, wenn Sie krank wären. Vermeiden Sie jenen Vorwand für gewöhnliche Freunde: Sie hätten nicht gern beunruhigen wollen. Dergleichen ist mir verhaßt; ich will nicht geschont sein, ich will durch meine Freunde, für meine Freunde leiden. Ich liebe alle Schmerzen, die Sie mir verursachen, tausendmal mehr als alles Glück der Erde, das nicht von Ihnen kommt.

Ich habe noch Opium im Kopfe; es verschleiert mir die Augen, und vielleicht macht es mich noch dümmer als gewöhnlich. Aber was liegt daran? Nicht mein witziger Geist, mein gebrochenes Herz ist's, dem Ihre Teilnahme gegolten hat.

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