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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 68
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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68.

Sonntag, den 16. Oktober 1774, abends.

Mein lieber Freund, ich bin gestern auf Ihren entzückenden Brief nicht recht eingegangen, und so wie ich wohl möchte, kann ich Ihnen auf das, was Sie über Herrn von Fuentès gesagt haben, nie antworten. Ich finde keine Ausdrücke für ein meiner Seele völlig neues Gefühl. Ich bin durchdrungen von zärtlichster und regster Dankbarkeit. Es kommt mir vor, als hätte ich nie in meinem Leben jemandem inniger zu danken gehabt. Ihre Gesinnung ist ritterlich, groß und rein. Warum sollte ich mir den Genuß versagen, davon zu schwärmen? Ich weiß nichts zu sagen über mein Gefühl, nur daß Sie im Mittelpunkte stehen, und so möchte ich bisweilen ausrufen:

Mein Herz ist Dein!
Die Reue flieht daraus!

Aber ach, ich wage diese Worte nicht auszusprechen. Das Gewissen läßt sich nicht betrügen. Ein Sturm tobt in mir. Wie unglücklich bin ich doch! Lieber Freund, glauben Sie, daß mit der Liebe zu Ihnen wieder Frieden in mein Herz einziehen könnte? Oder glauben Sie, ich könnte, ohne Sie zu lieben, weiterleben? Sie sollen mich beurteilen. Ich selber kenne mich nicht mehr. Mit einem einzigen Worte vermögen Sie die Stimmung meiner Seele zu ändern.

Die Leidenschaft ist mir etwas Natürliches, die Tugend etwas Fremdes. Lieber Freund, mit mehr Selbstvergessenheit hat sich noch niemand geoffenbart, aber ich kann Ihnen meine geheimsten Gedanken nicht verbergen. Sie gehören doch alle Ihnen. Und das Leben wäre mir unerträglich, wenn ich mir vorwerfen müßte, ich hätte mir Ihre Achtung unredlich errungen, Ihnen Anlaß zu einem falschen Urteil über mich gegeben. Nein, mein Freund, sehen Sie mich wie ich bin! Und ich hoffe, auch Sie täuschen mich nicht mehr. Wenn ich Ihnen auch nicht das Liebste auf Erden bin, so möchte ich doch sehen, welches Plätzchen Sie mir in Ihrem Herzen einräumen, und ich mache mich anheischig, nie mehr zu begehren, als Sie mir gewähren.

Heute abend war ich wieder im »Orpheus«, aber mit Frau von Châtillon. Ich müßte mir wirklich verächtlich vorkommen, wenn ich sie nicht herzlich gern hätte. Sie verlangt so wenig und gibt so viel! Während ich in der Oper war, ist mir der Besuch der Gräfin Crillon entgangen. Das hat mir leid getan. Aus Anteil an ihrem Manne hätte ich sie gern empfangen. Er kommt alle Tage, als ob er nicht verheiratet wäre.

Montags abends.

Wie können Sie überhaupt nur fragen, ob Sie mir nicht lieber Ihr Fieber hätten verheimlichen sollen? Mein lieber Freund, keine sogenannten Schonungen! Ich liebe Sie allzusehr, als daß ich nicht alles mit Ihnen und durch Sie leiden möchte. Menschen, die sich gegenseitig schonen, lieben sich schwerlich! Es ist ein gewaltiger Unterschied zwischen den Gefühlen, die man sich auferlegt, und denen, die sich uns aufzwingen. Jene sind tadellos, aber ich verabscheue sie. Wenn Sie einmal so ein kalter Idealmensch geworden sind, mein lieber Freund, dann werde ich Sie bewundern – und gründlich von Ihnen geheilt sein...

Ich werde von Frau von Châtillon gestört. Sie bittet mich, ein paar Worte hier darunter schreiben zu dürfen. Ich reiche ihr Papier und Tinte, aber meinen Brief .... nein, das ist unmöglich! Verzeihen Sie mir, mein Lieber.

Montags, nach dem Eingang der Post.

Sie sind in Aufruhr und Melancholie. Mein Gott, wie leide ich bei allem, was Sie leidend macht! Ich bin außer mir, Ihre friedlose Stimmung noch vermehrt zu haben. Ja, ich bin schuld daran, ich bin schwach, ich verdamme mich, ich hasse mich darob, aber das alles macht es nicht wieder gut, daß ich Ihnen weh getan habe. Schon der nächste Brief muß Ihnen gezeigt haben, daß mein Fieberzustand nur die Folge der seelischen Überspannung gewesen war. Mein Körper ist nicht mehr fest genug, um solche Erschütterungen auszuhalten. Lieber Freund, bedauern Sie mich nicht mehr, sagen Sie: sie ist toll! Dieser Gedanke wird Sie beruhigen, und wenn Sie nicht mehr leiden, werde ich glücklich sein. Aber ich hoffe, daß Sie mir alle Veränderungen Ihres Gesundheitszustandes sorgfältig und bis ins einzelne berichten. Die Angst um jemanden, den man liebt, ist gräßlich! Diese Art Folter geht über meine Kraft und Vernunft. Bleiben Sie ja bei Ihren Eltern!

Leben Sie wohl, lieber Freund. Ich wollte Ihnen tausend Kleinigkeiten erzählen, aber Ihre Trübsal nimmt mir den Mut. Selbst wenn ich mir sage, diese Stimmung hat sich gewandelt. Doch die meine? Sie könnte sich nur ändern, wenn Sie es wollten. Durch eine mächtige Kraft, die tausend Meilen weit wirkte. Ich habe Ihnen schon einmal gesagt: Es gibt nur ein einziges Ding, das die Menschen nicht haben verderben können. Lieber Freund, sollte das auf Erden verloren gehen, so wissen Sie, wo es, so lange ich lebe, noch existiert, wo es ein stilles Reich hat und mehr Schwungkraft, als es einer Französin eigentlich geziemt.

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