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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 60
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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60.

Sonnabend, nach dem Eintreffen der Post.

Ach, ich weiß nicht, was ich Ihnen antworten soll. Sie haben meiner Seele allzu derb zugesetzt, als daß ich Worte fände. Lieber Freund, alles was ich Ihnen zu sagen imstande bin, ist das: Ihr Brief ist entzückend; er klingt so süß, und er ist so vertrauensvoll. Er ist ritterlich und so recht wie Ihre Seele. Und wenn er auch nicht auf alle Punkte meines Briefes Antwort gibt, so mag das nicht Ihre Schuld sein, und ich darf mich nicht beklagen. Nein, nein, ich bin mit Ihnen zufrieden.

Ach, wenn Sie wüßten, wie sehr ich mich verabscheue und wieviel Anlaß ich dazu habe! Mein Herz ist aufrichtig, und doch muß ich mir vorwerfen, daß ich mir die Achtung und die Liebe, die man mir schenkt, ohne Recht anmaße! Graf von Fuentès möchte sich mir dankbar erweisen, und gälte es sein eignes Leben, – und der Unglückliche ahnt nicht, daß ich mir vielleicht den Tod seines Sohnes vorzuwerfen habe. Ach, ich sterbe bei diesem Gedanken! Begreifen Sie das tiefe Grauen meiner Stimmung? Glauben Sie, ein Mensch könne das lange ertragen? Wo soll er den Mut hernehmen, einem derartigen Schmerze zu widerstehen? Wer möchte ihm diese Last schleppen helfen, wer fühlt bei einer so gräßlichen Schuld Mitleid? Ach ja, ich sage es mir, ich fühle es, und darin täusche ich mich keinesfalls: wenn der Marquis von Mora wieder auferstände, er würde mich verstehen, er würde mich lieben, und alle meine Reue, all mein Unglück wäre vorüber!

Leben Sie wohl! Ich kann Ihnen nicht antworten. In dem Wirrwarr meiner Gedanken, bei dem Sturm, der in mir tobt, fühle ich nur ein Ding: ich lebe und ich habe den Geliebten verloren!

Lieber Freund. wenn es Ihnen nicht widerlich ist, so schreiben Sie mir mit jeder Post. Ich habe es nötig! Ja, ich will es, ich verlange es! Und es ist mein letzter Wille, daß Sie meine Briefe nicht aufheben sollen. Sie haben es mir versprochen, und ich will Ihnen glauben. Verstehen Sie mich recht: Ich will Ihnen glauben.

Leben Sie wohl!

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