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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 59
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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59.

Freitag, den 30. September 1774, abends.

Mein lieber Freund, Sie haben mich einst vom Sterben abgehalten und nun töten Sie mich, indem Sie mich einer Unruhe preisgeben, die mir die Seele erschüttert. Ich habe am Mittwoch keine Nachrichten von Ihnen erhalten, auch der Chevalier d'Aguesseau nicht. Er ist bei allen möglichen Leuten herumgelaufen, bei denen er etwas von Ihnen erfahren zu können dachte.

Mein Gott, wie wenig Selbstkenntnis hatte ich, wie falsch habe ich mich Ihnen geschildert, als ich Ihnen versicherte, meine Seele sei unempfänglich für Glück und Freude, ein großes Unglück könne sie fernerhin nicht treffen, ich hätte vor nichts Furcht mehr! Ach, seit Mittwoch atme ich kaum mehr. Ich bilde mir ein, Sie wären krank. Ein geheimnisvolles Grauen packt mich. Welche entsetzliche Stimmung beschwören Sie mir von neuem herauf! Die Mittwoche und Sonnabende, diese schrecklichen Tage, erfüllen mich seit zwei Jahren mit Hoffnung und Verzweiflung. Sind Sie denn wirklich so schlecht, daß Sie vergessen, wie leidenschaftlich Sie geliebt worden sind? Und wenn Sie sich daran erinnern, warum lassen Sie mich dann ohne Nachricht von sich? Wissen Sie nicht, daß mich das einem tödlichen Schmerze preisgibt, daß mich das in Angst um Sie setzt. Mein lieber Freund, wenn es in Ihrer Macht gelegen hätte, mir dieses Leiden zu sparen, so wären Sie ein Frevler. Ein so großes Unglück müßte mich eigentlich heilen. Aber ist denn der Mensch frei? Kann ich ruhig oder kalt werden, bloß nach meinem Willen oder nach Ihrem? Ach, ich kann nichts als Sie lieben und leiden? Dazu schlägt mir das Herz. Das ist sein Drang! Ich vermag es weder schneller noch langsamer gehen zu lassen. Ich möchte nichts als sterben. Ich habe Gedanken, die ein starkes Gift sind, aber es wirkt noch nicht sicher genug.

Wenn ich morgen erfahre, daß Sie sehr krank seien, oder wenn ich gar nichts erfahre, – in beiden Fällen hätte ich zu lange gelebt. Aber das ist unmöglich. Sie haben an mich gedacht, und Sie werden danach gehandelt haben! Ich warte also, wenn auch zitternd, mit einer Ungeduld wie sie nur eine ebenso leidenschaftliche wie unglückliche Seele wie ich je hat fühlen können. Ach, Diderot hat recht: Nur die Unglücklichen wissen was Liebe ist.

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