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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 57
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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57.

Montag, den 26. September 1774.

Mein lieber Freund, den ganzen gestrigen Tag habe ich Sehnsucht gehabt, Ihnen zu schreiben, aber die Kraft dazu fehlte mir. Ich befand mich in einem leidenden Zustande, der mich der Fähigkeit zu sprechen und etwas zu tun beraubte. Ich konnte nicht essen. Die Wörter Nahrung und Schmerz sind gleichbedeutend für mich geworden. Aber ich will nun von Ihnen reden. Sie sind der Mittelpunkt meiner Gedanken, meiner Unruhe.

Ich sehe, Sie sind krank. Mein Lieber, ich sterbe vor Angst. Sie sagen, Sie möchten am liebsten gar nicht wieder erwachen. Damit gestehen Sie mir Ihren Ekel am Leben. Mir sagen Sie das! Wie anders haben die Worte meines sterbenden Freundes geklungen: »Ich wollte dich wiedersehen, aber ich muß sterben. Welch gräßliches Schicksal! Aber du hast mich geliebt, und das verleiht auch dieser Stunde süße Wonne. Ich sterbe für dich!«

Lieber Freund, ich kann diese Worte nur unter einer Flut von Tränen niederschreiben. Gestern war mir, als ob ich sterben müsse, als ich einen Brief vom Vater des Marquis von Mora las. Er teilte mir mit, daß sein Bruder alle meine Briefe verbrannt habe, ohne eine Zeile gelesen zu haben. Sein Schmerz habe ihm noch nicht erlaubt, irgend etwas anzusehen, was seinem Sohne teuer gewesen wäre. Er bewahre für mich die zärtlichste und tiefste Dankbarkeit ob der Freundschaftsbeweise, die ich seinem Sohne zu allen Zeiten gegeben habe. Das sei ihm ein Trost in seinem Unglück. Alles, was sein Sohn mir schulde, müsse er mir mit seinem eigenen Leben vergüten. Er wage mich im Namen seines Sohnes um etwas zu bitten: d'Alembert, den Freund des Beweinten, anzugehen, dem Toten einen Nachruf zu verfassen, ein Denkmal des Sohnes, das dem Vater für den kurzen Rest seiner Tage Trost gewähre, ein Ehrenmal für die Familie, und ihren Nachkommen eine Aufmunterung zur Tugend. Er besiegele diese seine Bitte mit Tränen.

Ach, wie viele habe ich den seinen zugefügt! Ich bete diesen alten Mann an. Er ist es wert, einen solchen Sohn zu haben!

Lieber Freund, bedauern Sie mich, haben Sie Mitleid mit mir. Sie allein in der ganzen Welt können meiner zu Tode verwundeten Seele ein paar Augenblicke der Wonne und des Trostes spenden. Seit ich Sie nicht mehr sehe, bin ich wie sinnlos. Meine Seele kennt nur Extreme. Davon haben Sie den besten Beweis in meinem heftigen Benehmen gegen Sie.

Lieber Freund, geleiten Sie mich auf den rechten Weg zurück! Seien Sie mein Führer! Wenn Sie wollen, daß ich am Leben bleibe, dann verlassen Sie mich nicht! Ich wage Ihnen nicht mehr zu sagen: Ich liebe Sie! Ich vermag das selber nicht mehr zu wissen. Urteilen Sie! In der Wirrnis, in der ich bin, kennen Sie mich besser als ich mich selbst. Ich weiß nicht, stehe ich um Sie oder um den Tod. Ich möchte von meinem Unglück erlöst sein. Es tötet mich.

Lieber Freund, wenn ich heute keine Nachricht von Ihnen erhalte, wenn ich nicht erfahre, wie es Ihnen geht, so weiß ich nicht, wie ich den Mittwoch erwarten soll. Dieses ewige Einerlei ist grauenhaft. Mittwoch, Sonnabend, Mittwoch, Sonnabend! Ich lebe nur, um immer wieder bloß diese Tage zu erwarten – voll Hangen und Bangen.

Mein Gott, begreifen Sie, verstehen Sie, was ich alles durchmache, was ich leide? Sollte man glauben, daß ich je den Frieden gekannt habe? Und doch ist es wahr, mein lieber Freund, vierundzwanzig Stunden bin ich frei von den Gedanken an Sie gewesen. Dann habe ich manchen Tag in völliger Gefühlslosigkeit dahingelebt. Ich lebte, aber es war mir, als ginge ich mir selber zur Seite. Ich erinnerte mich, eine Seele gehabt zu haben, die Sie liebte. Ich sah sie in der Ferne schweben, aber sie hatte kein Leben mehr.

Ich werde diesen Brief schließen, wenn der Briefbote dagewesen sein wird. Nehmen Sie nicht zu viel Chinin ein! So schnell es das Fieber auch kuriert, es hat fast stets schädliche Folgen. Denken Sie immer daran, daß Sie Ihre Gesundheit nicht vernachlässigen dürfen: meine Ruhe, mein Leben hängen davon ab!

Mein lieber Freund, sagen Sie mir: Liebe ich Sie? Sie müssen das erkennen! Ich selber kenne mich nicht mehr. In diesem Augenblick zum Beispiel sehne ich mich leidenschaftlich nach Nachrichten von Ihnen – und gleichzeitig fühle ich die tiefste Todessehnsucht. Mein Körper leidet vom Scheitel bis zur Zehe. Meine Seele lodert und mein Leib fällt matt auseinander. Aus dieser Disharmonie entquillt Unheil, fast Wahnsinn. Doch genug!

Leben Sie wohl! Am liebsten liefe ich dem Briefträger entgegen.

Montags, vier Uhr.

Der Briefbote ist dagewesen. D'Alembert hat keinen Brief erhalten. Lieber Freund, ich bin sehr unglücklich. Entweder sind Sie sehr krank oder sehr grausam, daß Sie mich in dieser Unruhe lassen. Sie wissen, ob meine Gesundheit, ob mein Zustand noch mehr Aufregung und Schmerz verträgt. Mein Gott, was soll ich bis Mittwoch anfangen? Ich will zum Chevalier d'Aguesseau schicken lassen.

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