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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 5
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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4.

Sonntag, den 30. Mai 1773.

Ich habe Ihren Brief aus Straßburg gestern erhalten. Es kam mir vor, als läge Mittwoch der 19. recht weit zurück. Das ist nämlich der Tag, an dem ich das letzte Zeichen Ihres Gedenkens bekommen hatte. Ihr gestriger Brief hat mich getröstet, hat meiner Seele wohlgetan. Sie hatte es nötig, durch die Berührung eines süßen Gefühles zerstreut zu werden und sich dem in Frieden und ohne Vorwürfe überlassen zu dürfen. Nun kann ich es mir gestehen und kann es auch Ihnen sagen: ich liebe Sie innig. Ihr Fernsein senkt mich in tiefe Sehnsucht. Ich bringe es nicht mehr fertig, gegen das Gefühl anzukämpfen, das Sie in mir erweckt haben. Ich habe klar in meine Seele geblickt.

Ach, das Übermaß meines Unglücks entschuldigt mich mehr als nötig. Ich glaubte zu sterben, als ich am Freitag durch einen besonderen Eilboten einen Brief [vom Marquis von Mora] empfing. Durfte ich einen Augenblick zweifeln, daß er mir die schrecklichste Botschaft brächte? Meine Verwirrung nahm mir die Kraft, den Brief aufzubrechen. Länger als eine Viertelstunde war ich regungslos; meine Seele, meine Sinne waren erstarrt. Endlich las ich und fand meine Besorgnis nur zur Hälfte begründet. Ich brauche nicht für sein geliebtes Leben zu zittern. Doch – o mein Gott! – wenn er auch der allergrößten Gefahr entronnen ist, wie ungeheuer viel bleibt mir zu fürchten übrig! Wie fühle ich mich erdrückt von der Bürde des Daseins. Ach, Schmerzen, die kein Ende haben, gehen über die Kraft des Menschen. Es lebt nur noch eine Zuversicht in mir, und sehr oft habe ich nur ein Verlangen.

Urteilen Sie, ob ich Sie nicht lieben, ob ich Ihre Gegenwart nicht herbeisehnen muß? Sie haben die Macht gehabt, ein so tiefes, heftiges Weh abzulenken. Ich harre, ich schmachte nach Briefen von Ihnen. Ach, glauben Sie mir, nur Unglückliche sind es wert, Freunde zu haben. Hätte Ihre Seele nicht das Leid gekannt, so hätten Sie sich niemals die meine erobert. Ich hätte Ihre Fähigkeiten bewundert und gepriesen, aber ich hätte mich zurückgezogen, weil ich eine gewisse Abneigung gegen das rein Verstandesmäßige habe. Zum Denken muß man ruhig sein; in leidenschaftlicher Aufregung vermag man nur zu fühlen und zu leiden. Sie schreiben mir, daß Sie von herben Gedanken, sogar von Gewissensbissen heimgesucht werden, daß Ihr feinstes Gefühl nur Schmerz sei. Ich glaube Ihnen, und es betrübt mich. Doch verstehe ich nicht, warum der Eindruck, den mir Ihr Brief gemacht hat, Ihrem Zustand so entgegengesetzt ist. Es kommt mir vor, als atmeten Ihre Worte allenthalben Gelassenheit, Frieden und Kraft. Es ist mir, als plauderten Sie von dem, was Sie gedacht haben, nicht von dem, was Sie noch fühlen. Kurz, wenn ich ein Recht dazu hätte, wenn ich es genau nähme, wenn ich nicht als Freundin nachsichtig sein müßte, so möchte ich Ihnen sagen: Straßburg liegt weit, unendlich weit weg von der Rue Taranne.

Montesquieu behauptet, das Klima habe einen großen Einfluß auf das Seelische. Liegt denn Straßburg nördlicher als Paris? Bedenken Sie, was dann erst von Petersburg zu befürchten wäre! Aber ich habe keine Angst. Ich glaube an Sie, ich vertraue Ihrer Freundschaft. Geben Sie mir aber eine Erklärung meines Vertrauens; nur hüten Sie sich, meine Eigenliebe mit in Rechnung zu ziehen. Meine Neigung zu Ihnen ist rein von dieser häßlichen Zutat, die jede Leidenschaft schwächt oder verdirbt. Es wäre sehr liebenswürdig von Ihnen gewesen, wenn Sie mir geschrieben hätten, ob mein Brief der einzige in Straßburg war. Und bin ich nicht großmütig? Ich hätte gewünscht, daß sich mein Brief in den hätte verwandeln können, nach dem Sie Sehnsucht hatten. Kommen wir ins Klare! Einen Platz in Ihrem Herzen räumen Sie mir wohl ein, und, bitte, einen recht guten! Ich wechsle nicht gern. Ich möchte nicht etwa den Gnadenplatz einer gewissen Unglücklichen; sie ist unzufrieden mit Ihnen. Ebensowenig möchte ich den Platz einer anderen Unseligen, den Sie erzwungen gewähren, und worüber Sie mißgestimmt sind. Ich weiß nicht, welchen Platz Sie mir einräumen werden, aber machen Sie es so, wenn es Ihnen möglich ist, daß wir alle beide zufriedengestellt sind! Klügeln Sie nicht! Bewilligen Sie viel! Ich betrüge nicht. Sie werden sehen, daß ich mich auf die Liebe verstehe. Ich tue nichts als lieben; ich kann nur lieben. Mit geringen Mitteln, wissen Sie wohl, vermag man viel, wenn man sie alle auf einen Punkt zusammendrängt. Nun gut, ich habe nur einen Gedanken, und dieser Gedanke erfüllt meine ganze Seele, mein ganzes Leben!

Sie fürchten, sagen Sie, daß Ihre Zerstreuungen, Ihre Studien Sie Ihren Freunden abspenstig machen. Lernen Sie sich besser kennen und lassen Sie ehrlich und aus freien Stücken Ihrem Charakter die Gewalt über den Willen, über Ihre Liebe, über alle Ihre Handlungen, die er doch einmal hat. Menschen, die vom Liebesdrang beherrscht werden, gehen nie nach Petersburg; sie gehen wohl bisweilen weit weg, aber dann sind sie dazu gezwungen, und es fällt ihnen nicht ein zu sagen, sie wollten »in ihr Inneres zurückkehren«, um dort die Geliebte zu finden. Tausend Meilen entfernt, leugnen sie die Trennung. Aber es gibt mehr denn bloß eine Art, gut und trefflich zu sein; die Ihrige wird Sie sehr weit bringen, in jeder Bedeutung des Wortes. Ich würde eine empfindsame Frau, der Sie das Höchste wären, bedauern; ihr Leben müßte sich in Jammer und Leid verzehren. Eine eitle und hochmütige Frau dagegen würde ich beglückwünschen; sie hätte ihr Lebelang damit zu tun, sich ihres guten Geschmacks zu freuen und damit zu prunken. Solche Frauen lieben den Ruhm, die öffentliche Meinung, das Aufsehen. Das alles ist sehr schön, sehr vornehm, aber es ist eiskalt und himmelweit entfernt von der Leidenschaft, die ausrufen läßt:

Die Hölle tut sich auf mir und das Grab:
Geliebter, gern geh ich für Dich hinab!

Doch ich bin eine Törin, und noch schlimmer als das, ein seltsames Geschöpf: ich habe nur einen Ton, nur eine Farbe, nur eine Wesensart, und wenn die nicht in Schwingung gebracht wird, ist sie starr und langweilig.

Unter allen Umständen schreiben Sie mir gütigst, wie es Ihnen geht. Dafür will ich Ihnen die einzige Neuheit mitteilen, die mich interessiert:

Die Kommandeurstelle an der Kriegsschule ist noch nicht vergeben.

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