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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 48
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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48.

Donnerstag, den 25. August 1774, abends.

Mein lieber Freund, ja, die Liebe ist nun einmal die mächtigste Triebkraft der Natur. Sie hat mir eben eine Entsagung auferlegt und hilft sie mir durchführen mit tausendmal mehr Begeisterung, als dies die Vernunft und Moral je vermöchten. Diese Leidenschaft ist ein absoluter Despot; sie macht ihre Untertanen zu Sklaven, die ihr Joch halb lieben, halb hassen, aber nie die Kraft haben, es zu zerbrechen. So befiehlt sie mir heute ein Betragen, das genau entgegengesetzt ist dem, das ich mir seit vierzehn Tagen vorgeschrieben hatte. Ich bin mir meines Wankelmuts sehr wohl bewußt, ich bin betroffen darüber, aber ich gebe dem Drange meines Herzens nach. Ich finde eine Wonne darin, schwach zu sein, und selbst wenn Sie diese Schwäche mißbrauchten, mein lieber Freund, ich würde Sie doch weiter lieben und es Ihnen bekennen, zuweilen voller Freude, öfter wohl mit Schmerzen, wenn ich in Zweifel gerate, ob Sie meine Gefühle erwidern.

Hören Sie, was ich alles erlitten habe, seit Sie mich verlassen haben. Eine Stunde nach Ihrer Abreise erfuhr ich – was Sie mir verheimlicht hatten –, daß Frau von M[ontsauge] am Tage vorher abgereist war. Nun glaubte ich, Sie hätten Ihre Abreise nur ihretwegen verschoben. Sie waren an jenem Tage nicht zu mir gekommen. Ich vermutete also: der Abschied hätte Sie so trüb gestimmt, daß Sie mich nicht unmittelbar hinterher sehen mochten, usw. Was soll ich Ihnen das alles erzählen? Ich beurteilte Sie aus der Leidenschaft heraus, deren Merkmal es eben ist, die Tatsachen nie zu sehen, wie sie wirklich sind. Ich sah also und glaubte gerade alles das, was mich nur noch mehr kränken mußte; ich hielt mich für betrogen und Sie für schuldig. Sie hatten meine zärtliche Liebe mißbraucht. Diese Gedanken empörten meine Seele, reizten meine Eigenliebe. Ich fühlte mich todunglücklich; ich war nicht mehr imstande, Sie zu lieben, ich verabscheute die Stunden des Trostes und der Wonne, die ich Ihnen schuldete. Sie haben mich einst dem Tode entrissen, der letzten Zuflucht, dem letzten Hafen, der mir winkte, damals als ich um den Marquis von Mora zusammenbrach. Sie haben es zuwege gebracht, daß ich ein entsetzliches Unglück überlebte. Und dann kam die Reue, wiederum durch Sie. Sie waren es, der mich in ein viel schlimmeres Elend stürzte: in den Haß gegen Sie, ja, mein Freund, in den Haß gegen Sie!

Acht Tage lang war ich eine Beute dieser gräßlichen Stimmung. Inzwischen erhielt ich Ihren Brief aus Chartres. Die Sehnsucht, zu wissen, wie es Ihnen ergehe, ließ mich mein Gelübde brechen. Ich hatte mir geschworen, keinen Ihrer Briefe zu öffnen. Sie schrieben mir, es ginge Ihnen gut, Sie teilten mir mit, daß Sie gegen meinen Willen etliche meiner Briefe zurückbehalten hätten, und Sie zitierten einen Vers aus »Zaire«, der mir wie eine Verhöhnung meines Unglücks klang. Dabei – und das fühlte ich am stärksten – kamen mir die Klagen Ihres Briefes nichtssagend vor, mehr hingeschrieben, um Ihr Herz auszuschütten, als um das meine zu rühren. Kurz und gut, ich vergiftete mir selbst jedes Ihrer Worte und faßte mehr denn je den Entschluß, Sie nicht zu lieben und Ihre Briefe nicht wieder zu öffnen.

Diesen Vorsatz, der mir das Herz zerschnitt und mich krank gemacht hat, habe ich gehalten. Seit Ihrer Abreise bin ich wie verwandelt und so kraftlos, als hätte ich eine schwere Krankheit hinter mir. In der Tat, dieses Seelenfieber, das bis zum Delirium steigt, ist eine grausame Krankheit. Kein Körper ist fest genug, um einem solchen Leiden zu widerstehen. Bemitleiden Sie mich, mein Freund! Sie haben mir weh getan.

Ihren Brief aus Rochambeau habe ich erst am Sonnabend erhalten. Ich habe ihn nicht aufgemacht und ihn in die Tasche gesteckt, so heftig mir dabei das Herz klopfte. Aber ich hatte mir gelobt, fest zu sein, und ich war es. Ach, was hat es mich gekostet, diesen Brief nicht aufzubrechen! Wie viele Male habe ich die Aufschrift gelesen! Wie oft habe ich ihn in die Hände genommen! Selbst während der Nacht gelüstete es mich, ihn zu berühren. In grenzenloser Schwachheit sagte ich mir, ich sei stark, ich sei fähig, dem größten Kleinode, der herrlichsten Freude zu entsagen. Welche Tollheit! Ich liebte Sie stärker als je. Sechs Tage lang hat mich nichts von diesem versiegelten Briefe ablenken können. Hätte ich ihn im Augenblicke aufgebrochen, wo ich ihn erhielt, so hätte er keinen so tiefen, so lebhaften Eindruck gemacht.

Endlich, endlich gestern, in tiefster Trübsal, als ich sah, daß kein Brief aus Chanteloup kam, von wo aus Sie mir versprochen hatten zu schreiben, überfiel mich plötzlich der Gedanke, Sie könnten vielleicht krank in Rochambeau liegen, und ohne zu wissen, was ich tat, was ich damit nicht hielt, – war Ihr Brief gelesen, nochmals gelesen, von meinen Tränen benetzt, noch ehe ich hätte bedenken können, daß ich ihn nicht lesen durfte.

Ach, mein lieber Freund, wie viel hätte ich damit verloren! Ich bete Ihr Zartgefühl an. Was Sie mir aus Bordeaux geschrieben haben, hat eine Wunde wieder bluten lassen, die nicht vernarbt war, die nie heilen wird. Wenn mein Leben noch so lange währte, – es wird wohl allzu kurz sein! – so könnte ich nicht aufhören, den besten, feinfühligsten Menschen, der je existiert hat, zu beklagen und zu vergöttern. Abscheulicher Gedanke: ich habe seine letzten Tage getrübt! Aus Angst um mich hat er sein Leben aufs Spiel gesetzt. Sein letztes Beginnen war eine Tat der Zärtlichkeit und Liebe. Ich glaube, nie die Kraft wieder zu haben, seinen Abschiedsbrief ein zweites Mal zu lesen. Wenn ich Sie nicht geliebt hätte, mein Freund, diese letzten Zeilen wären mein Tod gewesen! Ich lese sie im Geiste, und Schaudern ergreift mich. Und Sie haben mich zur Sünderin gemacht!

Ihretwegen lebe ich, Ihretwegen hat meine Seele keinen Frieden. Ich liebe Sie und ich hasse Sie. Abwechselnd quälen und entzücken Sie ein Herz, das Ihnen ganz und gar gehört.

Freitags früh.

Mein lieber Freund! Gestern wurde ich gestört. Es gibt hier so viel Neuigkeiten, so viel Leben, so viel Jubel, daß man gar nicht weiß, auf was man hören soll. Ich möchte gern mit fröhlich sein, aber es ist mir nicht möglich.

Sie wissen, daß Turgot Generalkontrolleur geworden und in den Staatsrat eingetreten ist. D'Alembert hat gestern den größten Erfolg in der Akademie gehabt. Ich war nicht zugegen; ich war zu leidend, ich hatte gerade soviel Kraft, um im Lehnstuhl bleiben zu können. Er hat die Lobschrift auf Despréaux und kleine Geschichten von Fénelon gelesen, die Entzücken hervorgerufen haben. Ich hatte keine Lust, sie mir in diesen letzten Tagen vorlesen zu lassen; ich hatte immer den ungelesenen Brief im Kopfe. Um so etwas zu hören, muß man in Ruhe sein.

Seit Ihrer Abreise bin ich mehrmals mit Frau von Boufflers zusammengekommen, und ich will Ihrer Eitelkeit entweder eine große Demütigung oder eine große Schmeichelei bereiten, indem ich Ihnen vermelde, daß Sie von ihr keinmal erwähnt worden sind. Wenn das mit rechten Dingen zugeht, so ist es eine recht kalte Art. Steckt aber etwas dahinter, so verrät sich viel Wärme. Indessen muß ich hinzufügen, um Ihre Eigenliebe am Schopfe zu packen, es scheint mir, als läge ihr viel daran, auf den Grafen Crillon Eindruck zu machen. Wir waren einen Abend bei ihr, einmal zusammen auf dem Markt, einmal kam sie zu mir und wir mußten alle zusammen gehen, den Katafalk anzusehen. Dieses Zusammen bedeutet immer: mit Crillon.

Ich habe vortreffliche Ananas geschickt bekommen und einen vier Seiten langen Brief voll aller möglichen Neuigkeiten und etlicher sehr schmeichelhaften Lobeshymnen auf mich. Wenn ich ihn Ihnen vorlesen wollte, so könnte ich Sie auf etliche Tage todkrank vor Eifersucht machen. Indessen – Sie werden inzwischen so viel galante Streiche vollführen, so viel gefallen und verführen, daß alle meine Erfolge nichts dagegen sind und ich doch nur ein kleiner Gernegroß bin.

Lieber Freund, warum haben Sie mir nicht aus Chanteloup geschrieben? Hatten Sie mir da bereits nichts mehr zu sagen? Wenn Sie diesen Brief noch in Bordeaux erhalten, was ich nicht bezweifle, so bitte ich Sie, machen Sie doch noch den erwähnten Besuch beim [spanischen] Konsul. Vielleicht erfahre ich dadurch neue Einzelheiten [über die letzten Tage des Marquis von Mora].

Ich werde Ihnen eines Tages Dinge erzählen, mein lieber Freund, wie man sie weder in den Romanen von Prévost noch von Richardson findet. Meine Geschichte ist so reich an verhängnisvollen und so schrecklichen Umständen, daß sie geradezu beweist, wie unwahrscheinlich oft die Wirklichkeit ist. Die Romanheldinnen haben gewöhnlich wenig über ihre Erziehung zu sagen; meine Entwicklung wäre durch ihre Sonderbarkeit des Aufschreibens wert. An einem Winterabend, wenn wir einmal recht trüb gestimmt sind, so recht zum Nachgrübeln aufgelegt, da will ich Ihnen zum Zeitvertreib einen Bericht zu hören geben, der Sie packen würde, falls Sie ihn in einem Buche fänden. Er wird Ihnen ein gewaltiges Grauen vor dem Menschengeschlecht verursachen. Wie viele Menschen sind grausam! Im Vergleich zu ihnen sind Tiger harmlose Geschöpfe. Ich hätte mich dem Hasse weihen sollen. Das war meine natürliche Bestimmung, die ich schlecht erfüllt habe. Ich habe viel geliebt und sehr wenig gehaßt! Aber wohin verliere ich mich? Ganz Ihnen, den ich liebe, dem Stecken und Stabe meines Lebens, – wozu blicke ich da auf alle diese Häßlichkeiten zurück?

Ich will diesen Brief erst schließen, wenn der Briefträger dagewesen ist. Wie überglücklich wäre ich, wenn er mir einen Brief von Ihnen brächte!

Stellen Sie sich vor, ich schreibe immer im Wahne, es sei Sonnabend. Ich warte auf den Briefboten, der doch erst morgen kommt. Mein Kopf ist so wirr; die Sehnsucht nach Tröstung hat mich das Gefühl für die Zeit verlieren lassen.

Ach, wäre es nicht besser gewesen, ich hätte Sie nie kennen gelernt und nie geliebt?

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