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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 39
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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39.

Montags abend.

Ich habe vier Briefe zu beantworten, ich habe versucht zu schreiben, es ist mir unmöglich. Ich beschäftige mich mit Ihnen, ich weiß nicht, ob ich Sie liebe, aber ich fühle, und nur allzu sehr, daß Sie meine Seele verwirren und beunruhigen, und zwar in einer grausamen und schmerzlichen Art, zumal wenn ich Sie nicht bei mir habe oder wenn mich nicht wenigstens die Freude und das rege Gefühl, Sie zu erwarten, aufrecht erhalten. Ich habe Ihnen gesagt, ich wollte Ihnen sagen, welchen Zauber Ihre Gegenwart auf mich ausübt. Aber mein lieber Freund, wie sind Worte schwach, um ein starkes Gefühl auszudrücken! Der Geist findet Worte, die Seele müßte sich eine ganz neue Sprache schaffen. Sicherlich kenne ich mehr seelische Stimmungen, als es Worte dafür gibt. Wie könnte ich wohl alles Gute und alles Böse, das Sie mir angetan haben, ausdrücken? Ihre Gegenwart hat eine solche Gewalt über mich, eine solche Herrschaft, daß Sie mich eine zweite Existenz leben läßt und mir sogar die Erinnerung an mein anderes Dasein nimmt, das ich führte, ehe ich Sie kennen lernte. Der Eindruck, den ich von Ihnen empfange, ist so lebhaft, er durchdringt mich derartig, daß ich glücklich oder unglücklich nur durch Sie sein kann. Ich liebe, ich freue mich, ich hege Angst, ich leide, ohne daß bei allen diesen Stimmungen weder die Erinnerung an die Vergangenheit noch die Ahnung der Zukunft dabei ins Spiel kämen.

Mein lieber Freund, lebten wir in der Zeit, wo man noch an Hexerei glaubte, so würde ich mir alles das, was Sie mir angetan haben, damit erklären, daß Sie die Macht hätten, mich in ein Schicksal zu spinnen, das mich meiner selbst beraubt. Aber wenn das der Fall wäre, wenn Sie diese magische Gewalt hätten, so fände ich es grausam von Ihnen, daß Sie mir diese Illusion nicht erhalten, die mich auf Augenblicke wenigstens das Leben als etwas Schönes empfinden läßt. In der Tat schulde ich es Ihnen, daß ich den Genuß kennen gelernt und gekostet habe, der die Seele in einen solchen Rausch versetzt, daß jedes Gefühl für Leid und Schmerz verloren geht. Ob ich Ihnen wirklich Dank dafür schulde? Der Zauber zerrinnt in dem Moment, wo Sie mich verlassen, und sobald ich in mein eigentliches Ich zurückkehre, fühle ich mich von Sehnsucht und Reue überwältigt.

Das Verlorene quält mich. Ich bin geliebt worden, geliebt in einem so hohen Grade, daß die Phantasie nicht ausreicht, es auszudenken. Alles, was die Dichter über die Liebe fabeln, ist schwächlich und kalt im Vergleich zu der Leidenschaft des Marquis von Mora. Seine Liebe füllte sein ganzes Leben. Ich mußte von ihr ergriffen werden. Ein solcher Verlust müßte vollauf genügen, eine empfindsame Seele in Unglück und Verzweiflung zu stürzen. Vollauf! Und zu meinem Leid gesellt sich grausamerweise noch die Reue, die auf meiner Seele lastet. Ich bin schuldig, ich bin des verlorenen Glückes unwürdig! Der Fehltritt eines flüchtigen Augenblicks vernichtet mein ganzes Leben. Alle meine Ehrenhaftigkeit bis zu der Stunde, da ich Sie kennen lernte, scheint mir umsonst gewesen zu sein. Was nützt das, was ich ehedem war? Ich weiß, ich fühle es: ich habe mich an dem edelsten und feinsinnigsten Mann frevelhaft vergangen, mit einem Worte, ich habe die Achtung vor mir selbst verloren. Urteilen Sie, ob ich das Recht habe, von Ihnen Achtung zu beanspruchen, und wenn Sie mich nicht achten, sagen Sie, darf ich dann so blind sein zu glauben, Sie könnten mich lieben?

Kann es nach dieser Selbsterkenntnis und den Schlußfolgerungen daraus wohl ein unglücklicheres Geschöpf geben als mich? Die Beweglichkeit meiner Seele, die Sie, mein lieber Freund, mir vorhalten und die ich nicht leugne, die hilft mir nur, wenn ich Sie um mich habe. Sie konzentriert mein ganzes Sein nur noch auf einen einzigen Punkt. Ich lebe in Ihnen und durch Sie. Doch wissen Sie, wozu diese Beweglichkeit noch gut ist? Mich in einer Stunde alle Qualen durchleben zu lassen, die einem die Seele martern und kleinmütig machen können. Ach ja, Sie haben recht; zuweilen fühle ich die Ängste und die Mutlosigkeit des Todes und im selben Augenblicke den Krampf der Verzweiflung. Diese Beweglichkeit ist das Naturgeheimnis, demzufolge ein einzelner Ausnahmemensch mehr Lebenskraft an einem Tag betätigen kann als ein Durchschnittsmensch in seinem ganzen Leben, und wenn er hundert Jahr alt würde. Diese Beweglichkeit – im Unglück nur ein Fluch mehr – ist andererseits zweifellos in ruhiger Stimmung die Quelle von tausendfacher Freude. Vielleicht liegt in ihr das Geheimnis der Liebenswürdigkeit, der Kunst, die Eitelkeit und Eigenliebe der anderen zu ihrem Genuß kommen zu lassen. Hundertmal in meinem Leben habe ich bemerkt, daß ich gefiel, des schnellen Eindrucks wegen, den die Vorzüge und die Eigenart anderer auf mich machten; ich bin im ganzen nur darum geliebt worden, weil man sah, daß man Eindruck auf mich machte. Man liebt den Eindruck, den man selber empfängt, niemals. Das beweist gleichzeitig meine Geistesarmut und die Beweglichkeit meiner Seele. In dieser Bemerkung steckt weder Eitelkeit noch Bescheidenheit. Es ist Wahrheit.

Mein lieber Freund, ich möchte Ihnen das Geheimnis meines Herzens gestehen, warum die Nachricht von der viermonatigen Trennung einen Ihrer Meinung nach so geringen Eindruck auf mich gemacht. Ich habe mir folgendes gelobt: Mich ganz meinem Schmerze und dem unüberwindlichen Ekel am Leben zu überlassen, der mich ergriffen hat. Wenn meine Seele nicht mehr zwischen der Hoffnung und der Freude, Sie zu sehen, Sie gesehen zu haben, hin und her taumelt, wird sie wohl mehr Kraft haben als nötig ist, um ein Leben abzustreifen, das mir nichts mehr bietet als Sehnsucht und Reue. Das ist, ich schwöre es Ihnen, der Gedanke, der mich seit fast zwei Monaten beschäftigt; und diese rege und tiefe Sehnsucht, von meinen Leiden befreit zu werden, hat mich aufrechterhalten und wappnet mich auch noch gegen den Gram, den Ihre Abwesenheit mir bereiten wird. Schließen Sie aber keineswegs daraus, daß ich Sie überschwenglich liebe. Nein, lieber Freund, es beweist lediglich, daß ich mich an meine Freude klammere, die mir die Kraft zu leiden gibt. Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, welche Worte in mein Herz eingegraben sind und mein Todesurteil enthalten: Sie lieben, Sie haben oder sterben!

Jetzt sagen Sie meinem Herzen alles Böse nach, was Sie wollen! Beweisen Sie mir, daß ich nicht verächtlich geworden bin, weil ich Sie geliebt habe, daß Sie an meinem Herzen nicht zweifeln, weil ich es Ihnen gegeben habe, und zuletzt, daß Sie mich immer noch hochachten, obgleich ich Ihnen meine Liebe und meine Ehrbarkeit hingeopfert habe. Sie allein, nur Sie in der Welt haben das Recht, mich zu verachten und an der Größe und der Echtheit jener Leidenschaft zu zweifeln, die mich fünf Jahre hindurch beseelt hat!

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