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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 36
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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36.

Dienstag abends [Juni 1774].

Ich mißtrauisch? Und Ihnen gegenüber? Denken Sie doch daran, wie rückhaltslos ich mich Ihnen hingegeben habe. In meiner Art und Weise lag weder Mißtrauen noch Lebensklugheit. Nicht einmal der Reue noch Selbstvorwürfen würde ich Gehör geben, wenn es nicht mein Glück und meine Ehre wären, die ich preisgegeben.

Mein lieber Freund, ich weiß nicht, ob dies meine reinste Liebe ist, aber der, der mich treulos und schuldbeladen machen konnte, dem zuliebe ich weiterlebe, nachdem ich das Ideal meiner Vergangenheit verloren habe, dieser Mann hat unstreitig die größte Gewalt über meine Seele. Ich hatte mein Leben einem Andern geweiht, und sehnsuchtslos und hoffnungsbar geworden, wollte ich mit ihm zugleich sterben. Sie haben mir diesen freien Willen genommen. Ein Zauber hat mich davon abgehalten, derselbe Zauber, der mich zu Ihnen gezogen hat, der allmächtige Zauber, der Ihrer Persönlichkeit anhaftet. Ihre Gegenwart berauscht mir die Seele, betäubt sie so stark, daß selbst mein Leid vergessen ist. Mein lieber Freund, Sie haben eine göttliche Kraft. Mit drei Worten schaffen Sie eine neue Seele in mir und geben ihr einen so lebhaften Inhalt, eine so zärtliche und innige Liebe, daß ich dadurch die Fähigkeit verliere, mich der Vergangenheit zu erinnern und die Zukunft voraus zu sehen. Jawohl, mein Liebster, ich lebe nur in Ihnen; ich bin nur da, weil ich Sie liebe. Dies ist so wahr, daß ich sterben muß, sobald ich die Hoffnung, Sie zu sehen, verliere. Das Glücksgefühl, Sie waren da, die Sehnsucht, die Erwartung, Sie werden kommen, sind meine Wehr und Waffe gegen das Unglück. Gott, was sollte aus mir werden, wenn das aufhörte! Ach, Geliebter, solange ich Sie habe, kann ich nicht sterben; ohne Sie kann und will ich nicht leben. Sie ahnen ja nicht, was ich leide, wie mein Herz zerrissen ist, wenn ich mir selber überlassen bin, wenn Ihre Gegenwart oder der Gedanke an Sie mich nicht aufrecht erhalten.

Ach, dann wird die Erinnerung an den Marquis Mora so lebendig, so greifbar, daß ich an mein Weiterleben und an meine Liebe zu Ihnen mit Schaudern denke. Dann verabscheue ich meine Untreue und die Leidenschaft, die mich so mit Schuld beladen haben, weil ich Unruhe und Angst in seine empfindsame Seele getragen habe, in diese Seele, die ganz mein war. Mein lieber Freund, erfassen Sie, wie grenzenlos ich Sie liebe? Sie machen mich sogar der Reue und den Vorwürfen, die mein Herz zerreißen, abspenstig. Ach, sie genügten, ein mir abscheulich erscheinendes Leben abzustreifen. Nur Sie und mein Leid, weiter habe ich nichts auf der ganzen Welt. Ich habe kein anderes Interesse, kein Besitztum, keine Freunde, kein anderes Bedürfnis als Sie zu lieben, Sie zu haben oder zu sterben. Das ist mein erstes und letztes, mein einziges Gebet.

Es findet kein Echo in Ihrer Seele, ich weiß es, aber ich klage nicht darüber. Durch eine Bizarrerie des Herzens, die ich wohl fühle, Ihnen aber nicht erklären kann, bin ich weit davon entfernt, mir zu wünschen, in Ihnen alles Verlorene wiederzufinden. Das wäre zu viel. Welches Geschöpf hat je so innig wie ich den vollen Wert des Lebens empfunden! Ist es nicht genug, das Dasein einmal geliebt und gesegnet zu haben? Wieviele Myriaden von Menschen sind über die Erde geschritten, ohne daß sie ihr zu Dank verpflichtet waren. Wie sehr bin ich geliebt worden! Eine Feuerseele, ein echtes Mannesherz, das alles erfahren und alles durchlebt hatte, suchte enttäuscht und weltmüde seine Zuflucht und ein letztes Glück in der Liebe. Mein Freund, diese Liebe hat mir gegolten!

Eine Reihe von Jahren floß dahin, reich an Lust und Leid, ohne die es eine starke, innige Leidenschaft nicht geben kann, – da kamen Sie, streuten Gift in mein Herz und verwüsteten es durch Unrast und Reue. O mein Gott, was habe ich alles durch Sie leiden müssen! Sie haben mich meiner Liebe abspenstig gemacht, wo ich doch sah, daß Sie selber mir nichts sein wollten. Begreifen Sie den ganzen Jammer dieses Zustandes? Wie soll ich inmitten von so viel Schlimmem leben? Woher soll ich die Fähigkeit nehmen, Ihnen selig zuzuflüstern: »Bester, ich liebe Dich!« So süß und zärtlich und überzeugend, daß Ihr Herz unmöglich kühl dabei bleiben könnte?

Leben Sie wohl!

Mittwochs, nach dem Eintreffen der Post.

Sie sind unzufrieden? Sie sollten es nicht sein. Hat je ein Herz mit innigerer und stärkerer Liebe für Sie geschlagen? Mein lieber Freund, wie und wann Sie meine Seele betrachten und prüfen mögen, Sie werden nichts darin finden, was Sie unzufrieden machen könnte. Verlassen Sie sich darauf. Ich bin fest überzeugt, niemals sind Sie mehr geliebt worden! Doch um des Himmels willen, lassen Sie es mich nicht aussprechen, warum ich nicht imstande bin, Ihnen nach Ihrem gegenwärtigen Aufenthaltsorte zu schreiben. Ich wage mir selber den Grund nicht einzugestehen. Das ist ein Gedanke, ein Gefühl, bei dem ich nicht verweilen möchte, eine Qual, vor der ich schaudre, die mich demütigt, die ich noch niemals erfahren habe.

Sie fragen mich, wie mir dabei zumute war, als ich Sie alle Tage hatte? Wahrlich, das ist mir nie ein Ding der Gewohnheit geworden, und niemals kann es mir das werden. Die Ausdrucksmittel der Kunst sind zu kalt und einförmig, um damit die urplötzliche und gewaltige Wallung zu schildern, die man beim Namen und in der Gegenwart eines Geliebten fühlt. Aber ach, ich war nie so glücklich, mich in die Illusion zu verlieren, daß Sie kommen müßten! Nein, nein, ich habe nie Ihrer geharrt und gehofft, nie auf das Auf- und Zugehen der Haustüre gelauscht. Wahrlich nicht!

Und doch – bei aller Resignation – sehne ich mich nur nach Ihnen oder nach dem Tode. Sie erquicken mein Herz, Sie füllen es mit so zärtlichem Behagen, daß es süß ist zu leben, solange ich Sie sehe. Aber wenn ich Sie nicht mehr hätte, so vermöchte mich nichts mehr von meinem Unglück zu erlösen als der Tod.

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