Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Julie de Lespinasse >

Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 32
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
Schließen

Navigation:

32.

Donnerstag, den 12. Mai 1774, elf Uhr abends.

Ich wette, daß Sie heute nicht um dieselbe Zeit eingeschlafen sind wie gestern. Sehr einfach: man hat Sie amüsiert und angeregt, und Sie haben danach getrachtet, zu gefallen. Mein lieber Freund, für ein Stilleben sind Sie nun einmal nicht geschaffen. Die große Welt ist Ihnen ein Bedürfnis. Sie brauchen das Hin und Her, die ganze Komödie der Gesellschaft. Dieser Drang entspringt nicht Ihrer Eitelkeit, sondern Ihrer Lebhaftigkeit. Vertraute, innige Freundschaft, Selbstvergessenheit, die Ausschaltung der Eigenliebe, alle Gefühle, die für ein zärtliches, leidenschaftliches Herz Wert haben, alles das wirkt auf Sie erschlaffend und lahmend. Gewiß, ich wiederhole es, Sie haben kein Bedürfnis, geliebt zu werden.

Mein Gott, welch wunderlicher Fehlgriff! Dabei wage ich es, gewissen Leuten Mangel an Unterscheidungsvermögen vorzuwerfen! Ich wage zu behaupten, sie hätten keine Beobachtungsgabe, keine Menschenkenntnis! Ach, wie habe ich mich irreführen und täuschen lassen bis ins Unerhörte? Mein Herz ist dem Verstande durchgegangen. Es ist mir unbegreiflich, daß ich immer wieder verzaubert werde, wo ich Sie doch ohne Unterlaß beobachte. Sie kennen auch nicht zur Hälfte den Einfluß, den Sie auf mich ausüben. Sie wissen nicht, was Ihr Anblick jedesmal in mir überwindet. Sie ahnen nicht, was ich Ihnen alles zum Opfer bringe. Sie glauben nicht, unter welcher Selbstverleugnung ich die Ihre bin. Wie Phädra könnte ich ausrufen:

Man muß mir allzuoft die Tränen trocknen!

Ja, mein Freund, Ihretwegen versage ich mir das Köstlichste. Ich spreche zu Ihnen weder von meiner Wehmut, noch von meinen Erinnerungen. Und was noch grausamer für mich ist: ich offenbare Ihnen nur einen Bruchteil der Sehnsucht, mit der Sie mein Herz erfüllen. Ich zügle die Leidenschaft, die Sie in meiner Seele entfesselt haben. Immer von neuem sage ich mir: Er kann sie nicht erwidern. Er versteht mich nicht. Ich werde vor Herzeleid sterben!

Begreifen Sie, mein Lieber, was für Qualen ich preisgegeben bin? Ich empfinde Reue darüber, daß ich Ihnen so viel gewähre, und Trauer, daß ich Ihnen nicht noch mehr schenken darf. Ich gebe mich Ihnen ganz hin, aber nicht meiner Leidenschaft. Während ich mich Ihnen überlasse, bekämpfe ich mich noch. Können Sie mich verstehen? Erfassen Sie wenigstens mit dem Verstand, was ich fühle und was Sie mich leiden lassen? Ich weiß, Sie werden sich wieder um mich kümmern, weil Sie jene impulsive Empfindsamkeit besitzen, die einem Mitgefühl und Teilnahme für Unglückliche einflößt.

Warum erlaube ich mir diese Herzensergießungen eigentlich? Ich weiß ja im voraus, daß ich in Ihrem Herzen keinen Trost finden kann, Zärtlichkeit und Sehnsucht haben keinen Raum darin. Sie haben nur ein Mittel, mich meines Leids zu entheben: Ihren Zauber. Aber gerade diese Arznei ist das schlimmste Unglück für mich.

Gute Nacht, mein Lieber! Schreiben Sie mir, wie es Ihnen geht. Mein Diener hat den Befehl, Ihre Antwort abzuholen. Teilen Sie mir mit, was Sie am Freitag vormittags vorhaben; sagen Sie mir, ob ich Sie zu sehen bekomme. Es wäre mir lieb, wenn das nicht vormittags wäre, weil ich da einen langen und langweiligen Besuch zu erwarten habe. Aber sehen möchte ich Sie auf jeden Fall! Bedenken Sie, daß ich am Sonnabend und Sonntag dieses Glückes sowieso beraubt sein werde. Nochmals, leben Sie wohl! Ich bin müde. Ich habe heute, wenn ich nicht irre, vierzig Personen bei mir gehabt, und ich hatte nur nach einer Verlangen, die sicher nicht ein einziges Mal meiner gedacht hat.

Lieber Freund, wenn Sie dabei glücklich wären, so wollte ich nichts gegen Ihre Lebensweise einwenden. Aber dieses fruchtlose Herumirren, Ihre fieberhafte Geschäftigkeit, Ihre ewige Unruhe, Ihr ganzes Streben ohne rechte Arbeit und ohne Innenleben, Ihr unaufhörliches Sichvergeuden, – alles das macht Sie arm, ohne daß Sie dafür wirklich Genuß, Befriedigung, Ehre oder Ruhm haben. Ach, mein Gott, Sie verdienen es gar nicht, von der Mutter Natur so gnädig behandelt worden zu sein. Sie ist zu Ihnen eine Verschwenderin gewesen, und ebenso sind Sie ein Verschwender. Und ich richte mich mit Ihnen zugrunde. Dabei mache ich Sie nur verdrießlich, wo ich Sie doch reicher machen will. Ich langweile Sie. Meine Briefe widern Sie an. Das ist nun freilich ein Zeichen von gutem Geschmack; aber wenn ich Ihren guten Geschmack auch schätze, so betrübt es mich doch, daß Sie nicht nachsichtiger und gütiger zu mir sind. Sie haben den Abend in einer großen Gesellschaft verlebt; ich habe ihn mit Herrn von Vaines verbracht. Können Sie mir glauben, daß ich Ihren Namen keinmal genannt habe?

 << Kapitel 31  Kapitel 33 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.