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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 28
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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28.

Dienstag abends. [22. Februar 1774]

Mein lieber Freund, Sie verleiten mich dazu, das alte Sprichwort zu betätigen: Man macht lieber Geschenke, als daß man seine Schulden bezahlt! Ich habe einen Stoß Briefe zu beantworten, aber ehe ich daran gehe, muß ich erst mit Ihnen plaudern.

Lieber Freund, haben Sie mir seit gestern abend eine Minute geweiht? Oder gar zwei? Haben Sie sich gesagt: sie leidet, sie liebt mich und ich bin zum Teil schuld daran? Sie brauchen deshalb nicht traurig zu sein und keine Reue zu empfinden. Seien Sie nur gütig und nachsichtig und nicht böse, wenn mir zuweilen Schmerzensschreie entschlüpfen. Was mich betrifft, ich habe an Sie gedacht und viel mich mit Ihnen beschäftigt, so ausschließlich, daß ich dabei begriffen habe, wie unablenkbar die Gläubigen die Gegenwart Gottes zu spüren vermögen. Mein Freund, Sie sind vielseitig wie ein göttliches Wesen: reich begabt mit allerlei Vollkommenheiten, und auf der Kehrseite sind Ihre Fehler so unerhört, so grenzenlos, daß zwischen den beiden Extremen, Gott und Teufel, keine Zwischenstufe leer bleibt.

Mein Gott, hat es jemals in der Welt mehr Stolz, Eitelkeit, Hochmut, Selbstgefälligkeit, Ungerechtigkeit, Dünkel gegeben, mit einem Worte, eine restlosere Vereinigung alles dessen, was im Reiche des Teufels seit Jahrtausenden webt und lebt? Und dieses Ungeheuer war gestern abend in meinem Hause, ohne daß die Wände und Decken zusammengestürzt sind! Das grenzt ans Wunderbare.

Mitten unter allen den Spießbürgern und Schulmeistern, Dummköpfen und Pedanten, allen den abscheulichen Menschen, mit denen ich den Tag verbrachte, habe ich nur an Sie gedacht und an Ihre Torheiten; ich habe Sie vermißt, mich nach Ihnen gesehnt, so leidenschaftlich als seien Sie der liebenswürdigste und vernünftigste Mensch auf Erden. Ich kann mir den Zauber nicht erklären, der mich an Sie bindet. Sie sind mein Freund nicht, Sie können es niemals werden. Ich hege kein rechtes Vertrauen zu Ihnen, Sie keines zu mir. Sie tun mir das tiefste Leid und Weh an, Sie kränken und zerfleischen mein Herz. Sie rauben mir eben in diesem Augenblicke vielleicht auf ewig den einzigen Trost, den mir der Himmel für den Rest meiner Tage zugedacht hatte. Kurzum, Sie haben mir die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft mit Schmerz, Sehnsucht und Reue überschüttet.

Mein Freund, über alles das denke und grüble ich immerdar nach, und doch fühle ich mich zu Ihnen hingezogen durch einen Hang, durch ein geheimnisvolles Gefühl, das ich verabscheue und das die Macht eines Fluches, eines Verhängnisses hat. Sie tun gut, mir darüber nicht Rede zu stehen. Ich habe kein Recht, von Ihnen etwas zu fordern. Mein glühendster Wunsch ist der, daß Sie nichts für mich tun sollen.

Was denken Sie über so ein unglücklich veranlagtes Geschöpf, das von so mannigfachen, einander so widerstreitenden Gefühlen durchströmt und durchstürmt wird? Sie werden es gewiß beklagen; Ihr gutes Herz wird ergriffen sein. Sie werden helfen und trösten wollen. Ach, mein geliebter Freund, Sie sind der, der mir all dieses Unglück angetan hat! Das Feuer und das Leid in meiner Seele haben Sie geschaffen! Ach, und noch glaube ich an Sie wie an Gott. Reut Sie Ihr Werk?

Offengestanden, als ich die Feder ergriff, wußte ich ganz und gar nicht, was ich Ihnen schreiben sollte. Ich wollte Sie nur bitten, morgen, Mittwoch, bei Frau Geoffrin zu Tisch zu sein. Ich wollte Ihnen dabei ins Bewußtsein bringen, daß Sie der einzige unter allen meinen Freunden sind, der mich auf etwas warten läßt und mir hartnäckig verweigert, was ich mir so lebhaft ersehne: den »Konnetabel«. Er gehört mir; ich hätte ihn Ihnen gar nicht herauszugeben brauchen, und nun muß ich Sie verfolgen, um ihn wieder zu erhalten.

O mein Gott! Weder Sorglichkeit, noch Anteil, noch Aufmerksamkeit, noch Eifer, mir zu gefallen! Nur dann und wann ein bißchen Güte, die halb an Mitleid grenzt. Mit allem diesen und ohne alles dieses liebe ich Sie bis zum Wahnsinn. Bedauern Sie mich, aber sagen Sie mir's nicht! Bringen Sie mir meinen Brief wieder! Ja!

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