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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 223
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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IV.

Juliens Abschiedsbrief an d'Alembert.

Donnerstags, sechs Uhr früh. [16. Mai 1776.]

Ich verdanke Ihnen alles. Ich bin in Ihrer Freundschaft so geborgen, daß ich mein letztes bißchen Kraft dazu verwenden will, ein Leben weiter zu ertragen, von dem ich nichts mehr zu hoffen und nichts mehr zu fürchten habe. Für mein Unglück gibt es weder Heilung noch Trost, aber ich habe das Gefühl, als ob ich mir Ihretwegen alle Mühe geben müsse, meine Tage zu verlängern, so sehr mir davor graut. Aber da es trotz meines guten Willens doch recht hoffnungslos mit mir stehen könnte, so will ich Ihnen vorsichtigerweise doch schreiben und Sie bitten, alle die Papiere ungelesen zu verbrennen, die in der großen schwarzen Brieftasche sind. Ich selber habe nicht die Kraft, sie anzurühren. Ich würde sterben, wenn ich die Handschrift meines Freundes Mora wiedersähe. Ferner besitze ich eine rosafarbene Mappe, in der sich seine Briefe befinden, die ich Sie ebenfalls bitte zu verbrennen. Lesen Sie sie nicht, aber heben Sie sein Bildnis aus Liebe zu mir auf! Auch bitte ich Sie, das zu vollstrecken, um was ich in meinem Testament bitte, das bereits in Ihren Händen liegt. Ich hinterlasse nur tausend Franken und soviel schulde ich Ihnen. Aber ich habe mehr Außenstände als Schulden. Die Herren von Vaines und Matignon werden Ihnen behilflich sein, meine Forderungen einzuziehen. Herr von Laborde, der Herzog von Orléans und Herr d'Albon haben mir noch die letzten Vierteljahrsbeträge zu zahlen. Ich gehe auf diese Einzelheiten ein, weil ich betrübt wäre, wenn sich meine Schulden und die kleinen Legate, die ich ausgesetzt habe, nicht begleichen ließen. Ich erinnere mich nicht, ob ich über den Schreibtisch verfügt habe, in dem Sie diesen Brief finden werden. Sollte es nicht der Fall sein, so bitte ich Sie, ihn zu Herrn von Guibert zu schicken und ihn zu bitten, ihn als Zeichen meiner Freundschaft anzunehmen.D'Alembert hat von Juliens Verhältnis zu Guibert niemals etwas erfahren; vgl. Einleitung S. XXIII.

Leben Sie wohl, mein lieber Freund! Trauern Sie nicht um mich! Denken Sie daran, daß ich mit dem Scheiden aus dem Leben den Frieden finde, den ich sonst nicht mehr erhoffen konnte. Bewahren Sie die Erinnerung an Herrn von Mora als den edelsten, feinfühligsten und unglücklichsten Mann, der je gelebt hat. Fragen Sie Herrn von Magallon,Der spanische Legationssekretär in Paris, Chevalier Fernando Magallon, in Galianis Briefen oft erwähnt. ob er meine Briefe [an den Marquis de Mora] zurückerlangen kann. Zweifellos hatte er sie in einer großen Brieftasche bei sich. Erkundigen Sie sich, was man in Bordeaux damit gemacht hat, und wenn Sie sie wiederbekommen können, so verbrennen Sie sie, ohne sie zu lesen.

Nochmals: Vergessen Sie mich! Erhalten Sie sich! Das Leben muß noch Wert für Sie haben. Ihre Tugenden müssen Sie daran binden. Leben Sie wohl! Die Hoffnungslosigkeit hat mir Herz und Seele eingetrocknet. Ich kann Gefühle nicht mehr ausdrücken. Mein Tod ist nur ein Beweis, wie ich Herrn von Mora geliebt habe. Der seine hat es nur allzusehr bewiesen, daß er meine innige Liebe erwidert hat, mehr als Sie es je gedacht haben! Sei es! Wenn Sie dies lesen, werde ich von der Bürde befreit sein, die mich bedrückt.

Leben Sie wohl, mein lieber Freund, leben Sie wohl!

Lespinasse.

Einen Gruß von mir an Frau Geoffrin; sie hat meinen Freund gern gehabt.

Ich will mit dem Ring begraben sein, den ich am Finger trage. Sorgen Sie, daß alle Pakete an ihre Adressen kommen.

Leben Sie wohl, mein lieber Freund, auf ewig!

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