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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 221
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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III.

Inliegend das Testament des Fräuleins von Lespinasse, zu öffnen nach ihrem Tode.

Hier ist mein letzter Wille, im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Ich will, daß ein Chirurg der Charité oder eines anderen Krankenhauses mir sechs Stunden nach meinem Tode den Schädel öffne.

Ich will so wie die Armen bestattet werden und keinen Denkstein haben. Ich bitte Herrn d'Alembert, im Namen der Freundschaft, Sorge dafür zu tragen, daß dieser mein letzter Wille befolgt werde.

Ich vermache Frau [Marie Collot, genannt] Joinville,Die Wirtschafterin. einer armen Frau, die ich liebe, 300 Franken, im ganzen auszahlbar, und ihrem Sohne [Philipp Gabriel Collot] ebenfalls 300 Franken, im ganzen auszahlbar. Ich bitte darum, dies als dringlichstes nach meinem Tode anzusehen, weil beide bedürftig sind.

Ich vermache Frau [Luise Agnes] Saint-Martin, meiner Kammerfrau, die lange bei mir in Diensten ist und mit der ich sehr zufrieden bin, meine ganze Garderobe, Kleider, Wäsche, Spitzen usw.; ich schenke ihr das Bett und alle Möbel in ihrer Stube.

Meinem Diener [Eligius Raimbault] vermache ich den vollen Lohn eines Jahres, seine Anzüge, seine Bettstelle samt Betten und Bettzeug.Sein Jahreslohn (einschließlich Kost- und Bekleidungsgeld) betrug 700 Franken. Er bekam aber den doppelten Betrag auf eine »mündliche« Anordnung Juliens an d'Alembert hin. Julie hatte noch einen vierten Dienstboten, eine Köchin, die eben erst ihre Stellung angetreten hatte und daher im Testament nicht bedacht worden ist.

Herr Graf d'Anlezi hat mir erlaubt, ihm ein Zeichen meiner Freundschaft zu hinterlassen; ich bitte ihn, meine Molière-Ausgabe in Quart und den Dictionnaire [historique] von Moreri anzunehmen.

Herrn von Guibert bitte ich, alles anzunehmen, was ich an englischen Büchern und an französischen Werken in Quart besitze, und alle sonstigen guten Ausgaben.

Herrn von Saint-Chamans bitte ich, als Zeichen meiner zärtlichen Freundschaft alle meine Manuskripte anzunehmen, sowohl die gebundenen wie die ungebundenen.

Frau von Saint-Chamans bitte ich als Dank für die Güte und Freundschaft, die sie immer für mich gehabt, mein Salonschränkchen aus Rosenholz anzunehmen. Da ich es tagtäglich benutzt habe, so hoffe ich, daß es sie zuweilen an meine innige Zuneigung erinnere.

Herrn Suard bitte ich, aus Freundschaft zu mir mein Rollpult aus poliertem Holze anzunehmen.

Ich hoffe, Herr von Condorcet wird gern ein Zeichen meiner Freundschaft annehmen: ich schenke ihm die Büste d'Alemberts [von Houdon], die Büste und die Statuette Voltaires, sowie von meinen Stichen alle, die ihm gefallen, seien es Bildnisse oder sonstige Darstellungen.

Ich bitte Frau Geoffrin, die mich mit so vielen Gunstbeweisen überschüttet hat und die ich so zärtlich liebe, meinen kleinen Marmorvogel auf goldnem Postament gütigst annehmen zu wollen.

Herrn Roux, von dem ich so viele Beweise von Sorglichkeit und Güte empfangen habe, bitte ich, als schlichten Beweis meiner Dankbarkeit meine Taschen- und meine Stutzuhr gütigst annehmen zu wollen.Augustin Roux (1726–1776), Juliens Arzt, ein Freund des Barons von Holbach. Er starb an einem Versuche an sich selbst mit Arsenik. Die Stutzuhr hatte einen Wert von hundertfünfzig Franken.]

Ich hoffe, daß Herr d'Alembert als Zeichen meiner zärtlichen Freundschaft gern annehmen wird: meinen Schreibtisch aus Rosenholz mit einer Marmorplatte, einen großen Schrank aus Rosenholz, in dem meine Bücher stehen, ein Schränkchen aus Rosenholz mit neun Schubfächern. Letzteres wird er nehmen, weil er die Schubfächer liebt. Ich bitte ihn inständig, darüber zu wachen, daß mir kurz nach meinem Tode der Schädel geöffnet wird.

Ich bitte den Erzbischof von Toulouse, die Erlaubnis zu erteilen, daß sein Bildnis in den Besitz von Herrn von Vaines übergehen darf. Ich weiß, wie wert es diesem sein wird, und ich freue mich, ihm dadurch meine Freundschaft beweisen zu können. Ich bitte Herrn d'Alembert, von meinen noch nicht erhobenen Renten alle meine Schulden zu bezahlen. Sollten diese Schulden meine Außenstände nach dem Verkauf meines übrigen Mobiliars übersteigen, so bitte ich, eine Abschrift meines Testaments Herrn Marquis [Abel] von Vichy,Über den Marquis Abel de Vichy, Juliens Neffen und zugleich Halbbruder, der sie noch in ihren letzten Tagen besuchte, vgl. Einleitung S. VII. meinem Neffen, zu übersenden. Er wird daraus ersehen, daß ich derart auf seine Ritterlichkeit halte, daß ich ihn bitte, den Rest meiner Schulden zu begleichen. Diese Summe wird ihm nicht schwer fallen. Ich beweise ihm meine Achtung und meine Freundschaft, indem ich ihm dadurch, daß ich mich an ihn wende, den Vorzug vor den Albons gebe, die mir hier eigentlich aushelfen müßten, nicht aus Edelmut, sondern vielmehr um mir das Legat wiederzuerstatten, das mir einst beim Tode unserer gemeinsamen Mutter gestohlen worden ist.Die boshafte alte Marquise du Deffand schreibt an Horace Walpole am 9. Juni 1776 ( Correspondance du Mdme du Deffand, II, 560): »Das Fräulein Lespinasse hat ein wirklich höchst lächerliches eigenhändiges Testament hinterlassen. Mein Neffe [der Marquis Abel de Vichy], der hier ist, wollte es sehen. Er behauptete, er habe ein Recht, das zu fordern. Schließlich zeigte man es ihm. Sie hat ihn da am Schopfe genommen, indem sie ihn als ihren Neffen Vichy qualifiziert. Sie hat ihren Testamentsvollstrecker d'Alembert beauftragt, ihren ganzen Nachlaß zu verkaufen und von dem Erlös ihre Schulden zu bezahlen. Wenn das nicht lange, so verläßt sie sich auf die Freundschaft und den Edelmut ihres Neffen Vichy, daß er das Nötige hinzulege. Auf die Albons wolle sie gar nicht rechnen. Denn, sagt sie, sie habe, obgleich ihre Abkunft anerkannt sei, von ihnen nicht nur keinerlei Wohltat erhalten, im Gegenteil, sie hätten ihr ein mütterliches Legat gestohlen. Dieses Testament hat sie mit Julie d'Albon unterzeichnet.« Ähnlich höhnisch schreibt der Baron Grimm ( Correspondance IX, 82): »Ihre Möbel hat sie d'Alembert vermacht, jedem ihrer Freunde eine Haarlocke und die Bezahlung ihrer Schulden dem Erzbischof von Toulouse.« Sollte aber nach Bezahlung meiner Schulden etwas Geld übrig bleiben, so vermache ich es Frau Saint-Martin als weiteres Legat zu dem obigen.

Das ist mein Wille, der, wie ich hoffe, getreulich vollstreckt werden wird.

Geschehen zu Paris, am 11. Februar 1776.

Julie von Lespinasse.

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