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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 217
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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12.

[Im März 1776.]

Liebe Freundin!

Ich habe Ihnen eben geschrieben. Unsere Briefe kreuzen sich also nicht. Ach, mehr als Sie mir glauben gehen meine Gedanken den gleichen Weg! Unaufhörlich eilen Sie den Ihren entgegen, oft unter Hangen und Bangen. Gestern haben Sie mir schrecklich vor der Seele gestanden. Ihre Tränen, Ihre erloschenen und doch so vielsagenden Blicke werden mich noch lange nicht verlassen. Sie haben mich kaum angeblickt; sonst müßten Sie gesehen haben, wie erschüttert auch ich war. Ich litt an Ihrem Leid und ich weinte mit Ihren Tränen. O Gott, heute ist Donnerstag. Ich hatte nicht daran gedacht, hatte ganz vergessen, daß heute Gäste bei meiner Schwiegermutter sind, lediglich meinetwegen. Ich bin immer nur für Sie da, als ob Sie allein in der Welt daseien! Wahrlich, in dem Zustand, in dem Sie sind, fühle und sehe ich nichts denn Sie! Ach, man liebt doppelt, wenn man den Verlust fürchtet!

Es ist wirklich nicht zu meinem Vergnügen, auch nicht aus Ehrgeiz, wenn ich nach Versailles gehe. Der Drang zum Guten ist es, der mich hinführt, mein Pflichtgefühl, meine Dankbarkeit einem alten Manne gegenüber, der mir Freundschaft bewiesen und dem ich neue Kräfte zuführen möchte. Wie kann man in Frankreich ehrgeizig sein, wenn man sieht, daß man mit dreißig Jahren noch nichts erreicht hat und ein genialer Kopf mit sechzig auch noch nicht? Liebe Freundin, in diesem Augenblick hege ich nur ein Verlangen, einen Wunsch, einen Gedanken: Sie sollen am Leben bleiben, und meine Liebe möge Ihnen Ihre Leiden mildern! Wenn ich daran denke, daß Sie sterben könnten, und – wie Sie sagen – meinetwegen, so erlischt alles in mir, Pflichten, geistige Interessen, jedwede Neigung, die nicht Ihnen gilt! Nur Sie schweben noch vor mir, heute wie einst, Sie, ohne die ich nicht leben kann.

Anbei Ihr blaues Buch! Ich glaube, Sie haben alle meine Reise-Aufzeichnungen mit Ausnahme von zwei kleinen Heften, die ich nicht finden kann. Was Ihre Briefe anbelangt, so werde ich sie Ihnen heute mitbringen.

Auf Wiedersehn!

Sie haben mich nicht wissen lassen, ob Sie beim Zubettgehen Fieber gehabt haben.

Hippolyte.

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