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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 215
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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10.

Neun Uhr abends [im Mai 1775].

Liebe Freundin!

Ich bin allein und kann zu Ihnen reden. Den ganzen Tag über habe ich nicht die Kraft dazu gehabt. Ich konnte nicht einmal, als Sie bei mir waren, ein Wort an Sie richten. Dieser lange, für Sie so mißliche Besuch ist dahingegangen, ohne daß ich mit Ihnen geplaudert habe! Was für ein seltsames, was für ein mir rätselhaftes Wesen sind Sie doch! Eine unglaubliche Mischung des Hehrsten und des Ungerechtesten! Sie kommen zu mir, obgleich Sie wissen, wem Sie bei mir begegnen! Ich sage Ihnen, daß die Leute um sieben Uhr kommen werden, und Sie bleiben! Warum? Um mir Qualen zu bereiten, um Zeuge meiner Erregung zu sein, um sich dann in Haß zu verzehren und mir Vorwürfe zu machen?

Sie blieben und redeten die Sprache des Himmels. Der junge Mann wurde von Ihren Worten umschmeichelt. Er ist noch immer entzückt von Ihnen, von Ihrem Wesen. Und ich, ich war tausendmal nahe daran, vor Ihnen auf die Knie zu sinken...

Und dann! Was für einen grausamen Brief haben Sie mir geschrieben! Er vergiftet alles, was Sie mir Liebes angetan haben. Er klagt mich an. Was wollen Sie? Was verlangen Sie? Sie malen von mir und meinem Verhalten ein Bild, das mich durchschauert. Sie stellen mich an die Seite des Lovelace und ähnlicher verbrecherischer Romanhelden. Ein barbarisches Unterfangen. Ich begreife nicht, wie Sie dies vermögen!

Ich betrachte mich, ich untersuche mein innerstes Herz. Es beruhigt mich. Nein, ich bin Ihnen gegenüber nicht so schuldig, wie Sie mir das vorwerfen. Ohne Grund legen Sie mir die Absicht unter, Sie zu quälen, Sie ins Unglück zu bringen, Sie zu einer Leidenschaft zu verführen, nur um meine Eitelkeit zu befriedigen. Sie sagen, ich hätte Ihnen den Dolch in die Wunden gestoßen und ihn um und um gedreht. Ist dieser empörende Vergleich die Wahrheit? Somit habe ich Genuß an Ihren Tränen, an Ihrem Leiden, an Ihren Todesgedanken, an den unseligen Selbstquälereien, die Ihnen das Dasein verbittern! Sie legen in mich die Seele eines Henkers. Ich, ich müßte empört, entrüstet sein; aber ich liebe Sie und verzeihe Ihnen!

Liebe Freundin, werden Sie wieder ruhig, werden Sie ruhig! Ich beschwöre Sie. Auch meine Seele, mein Körper bedürfen der Ruhe. Der heutige Tag hat mich furchtbar angegriffen. Ihr Brief, den ich nachts um zwei Uhr geöffnet habe, hat mich ganz krank gemacht. Ich habe den Schlaf nötig, um meine Kopfschmerzen zu betäuben und vor allem meine Gedanken, die nicht von Ihnen lassen. Möge der Himmel uns allen beiden süßen Schlummer und ein glücklicheres Erwachen schenken!

Hippolyte.

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