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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 207
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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2.

[Schloß La Bretèche.] Freitag früh. [8. Juli 1774.]

Ich habe Ihnen gestern Abend nicht schreiben können. Es war spät, als ich schlafen ging. Frau von [Montsauge] wollte nochmals die »Lobrede auf den Marschall von Catinat« hören. Sie steckte in einem Umschlag, der Ihre Anschrift trägt. Sie sah es, und nun gerieten wir in eine endlose Auseinandersetzung. Sie beklagte sich bitter über meine Untreue, über meine Leichtlebigkeit, über die ewigen Liebeleien, die ich immer wieder hätte – zu ihrem Nachteile. So nennt sie auch unsre Freundschaft, von der sie nicht weiß, warum sie so lebhaft ist. Sie hat erfahren, daß ich Sie alle Tage besuche, daß ich Ihnen alle meine Abende widme. Die Vorwürfe, die sie mir macht, beruhen nicht auf Leidenschaft, wohl aber auf Eifersucht. Sie hatte sich auf meine treue Kameradschaft verlassen, die ihres Herzens Frieden und ihres Lebensabends Sonne sein sollte. Und nun sieht sie, daß ich ihr entrinne. Sie war sehr zärtlich, sehr empfänglich, sehr mitteilsam. Dabei ist weder von meiner noch von ihrer Seite im Geringsten daran gerührt worden, wie vertraut wir einander gewesen.

Sie erzählte mir von ihrem Tun und Treiben, ihren Plänen, ihren Torheiten, ihren gegenwärtigen und ehemaligen Freunden, und wie sie ihr weiteres Leben zu gestalten gedenkt. In alledem war viel Vernunft, Lebensweisheit, Geist. Sie hätten sie hören sollen! Daß ich alle Fragen nach Ihnen so beantwortet habe, als stünden Sie hinter mir, dies brauche ich Ihnen nicht erst zu sagen. Ich habe ihr gebeichtet, daß ich eine unsagbare Freundschaft für Sie hege, daß ich mich dem Zauber Ihrer Persönlichkeit unmöglich entziehen kann, und daß dieses Interesse dadurch erhöht wird, daß in Ihrem Salon die erlesenste Gesellschaft ein und ausgeht und daß man nirgends vortrefflicher plaudern hört als dort. Kurz und gut, liebe Freundin, wenn Sie mich gehört hätten, wären Sie höchst zufrieden mit mir. Aber dieses Gespräch hat meine Melancholie nicht vermindert. Am Montag scheiden wir voneinander! Und auf drei Monate!

Über die Abreise bin ich mir noch nicht klar. Der Chevalier d'Aguesseau will mich abholen. Läßt er mich im Stich, so bin ich in Verlegenheit. Indessen, ich komme auf jeden Fall.

Ich muß Sie sehen, mit Ihnen plaudern!

Graf Guibert.

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