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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 205
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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I Der Graf Guibert.

Gezeichnet von Julie de Lespinasse

Guibert sieht vornehm aus, ohne auffallend zu sein. Seine Züge sind regelmäßig und fast immer dieselben; ein sanfter versonnener Ausdruck ist ihnen eigen. Seine Haltung ist nachlässig. Sein Lachen völlig natürlich, geradezu kindlich. Seine unendliche Fülle an Geist offenbart sich in der mannigfaltigsten Weise. Es ist nicht Anmut, was dabei zumeist vorherrscht; ja seine Art ist sogar ein wenig schroff. Drei Eigenschaften aber treten bis zur höchsten Vollkommenheit ausgeprägt daraus hervor: Beweglichkeit, Gedankenschärfe und Gründlichkeit. Für Philosophie, Literatur, Regierungs- und Verwaltungsangelegenheiten, zu allem sei er gleich geeignet, behaupten Leute, die ein Urteil darüber haben; in allem gleich gut unterrichtet, wisse er die Dinge immer umfassend zu betrachten und über alles etwas Brauchbares zu sagen. Die, die ihn nicht mögen, finden ihn unbeholfen und pedantisch; doch diese Meinung ist gewiß ebenso verstiegen wie falsch. Es ist wohl wahr, daß er kurz und bestimmt zu sprechen pflegt; vielleicht auch beeinträchtigt diese gerade Art die Leichtigkeit und Grazie der Unterhaltung. Sein Wissen äußert sich mehr mit Würde denn mit Witz. Doch keineswegs ist er ein Feind des Frohsinns; im Gegenteil, wie gern ist er dort, wo Fröhliche sind.

Man hält ihn für hochmütig; er selbst vermeint nur schüchtern zu sein, und ich neige dazu, beides für richtig zu halten. Im Anerkennen ist er zögernd; er lobt selten. Er ist in seinem Vertrauen vorsichtig und wenig herzlich, selbst zu Menschen, die er liebt. So kommt es, daß die meisten seiner Freunde ihm fremd bleiben und er ihnen. Man wirft ihm vor, sehr eingenommen von sich selbst zu sein, und es ist kaum zu leugnen; doch ist dies wohl nur eine Äußerung seines gerechten Sinnes, der sich selbst genau so beurteilt wie jeden Anderen. Irgendwer hat von ihm gesagt, doch ist dies spitzfindiger als zutreffend, daß seine sichtliche Verlegenheit und Schüchternheit der steten Furcht zuzuschreiben seien, das, was er sagen wolle, könne sich nicht mit seiner eigenen Wertschätzung decken. Nach all dem wird man nicht erstaunt sein, daß sein zurückhaltendes, ernstes und gewiß auch etwas stolzes Wesen ihm viele Feinde eingetragen hat, zumal unter seinen Kameraden, die ihn sowieso aus Eifersucht hassen. Andrerseits haben ihm die Grundeigenschaften seines Geistes und seines Herzens sehr eifrige Freunde zugeführt, und was hierbei an Zahl fehlt, ersetzt ihm ihre große Anhänglichkeit. Er steht sozusagen an der Spitze eines Kreises geistvoller Menschen, deren wahrer Abgott er ist. Seine Anhänger und Freunde haben eine so hohe Meinung von seinen Fähigkeiten und seinen Verdiensten, daß etliche unter ihnen sich glücklich preisen, seine Zeitgenossen zu sein. Vielleicht wird manchem diese Hochschätzung übertrieben erscheinen, mir keinesfalls, die ich Guibert kenne und liebe. Es wäre auch sonderbar, wenn jemand einen so begeisternden Eindruck erweckte, ohne dessen durch hervorragende Eigenschaften in der Tat würdig zu sein. Und bei Guibert findet man solche in reichstem Maße. Keines Menschen Seele ist ritterlicher und mannhafter; niemand hat ehrlichere Grundsätze bei seinen Worten wie Werken, mehr Hang zum Guten, zur Menschlichkeit und mehr Kraft, dies auch zu betätigen.

Die ihn nicht kennen, finden ihn kalt, und doch ist er sehr leidenschaftlich; aber seine Leidenschaften sind wie sein Äußeres maßvoll und immer in seiner Gewalt. Er ist ehrgeizig; doch ist sein Ehrgeiz still und innerlich. Wohl sehnt er sich darnach, vorwärts zu kommen, indessen ohne es fortwährend zu betreiben, vor allem ohne irgendwelche niedrige Mittel zu verwenden, um dieses Ziel zu erreichen. Er fühlt sich zu guten Taten berufen, und ein hoher Rang ist ihm nur begehrlich, weil er die Gelegenheit dazu am meisten bietet. Ist solcher Ehrgeiz nicht lobenswert? Ohne dieses hohe Ideal würde er sich der Einsamkeit und den Wissenschaften hingeben. Niemand hat schönere, großartigere und erstaunlichere Phantasie. Sein Urteil über alle eindrucksvollen und rührenden Werke ist unvergleichlich sicher und richtig. Es ist ein unsagbarer Genuß, mit ihm zu plaudern. Ich glaube, daß er ebenso empfindsam wie geistreich ist, und meiner Meinung nach ist dies das höchste Lob. Wägt man dies alles, so darf man wohl sagen, daß die Bewunderung für Guibert weiter geht als die Liebe zu ihm, wenigstens bei seinen Freunden, ebenso bei seiner Geliebten; denn es ist undenkbar, daß er keine haben sollte.

Ich fasse das Gesagte noch einmal zusammen: Guibert ist ein Mensch mit allen Tugenden, mit überragendem Geist und außergewöhnlichem Verdienst! Man muß danach trachten, seine Schätzung zu gewinnen, wenn man nicht das Glück hat, auf seine Freundschaft hoffen zu dürfen.

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