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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 189
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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189.

Elf Uhr abends. [Januar 1776.]

Eben im Augenblick erhalte ich Ihr Briefchen. Es hat beim Pförtner gelegen, ich weiß nicht, seit wann. Ich bin in jeder Hinsicht unglücklich. Selten kommt die Freude zu mir, und dann auch noch so langsam!

Heute habe ich mein Bett nicht verlassen. Ich habe niemanden empfangen. Gestern bin ich unter Fieber und schrecklichen Kopfschmerzen schlafen gegangen; heute früh war ich noch mehr leidend und hatte hohes Fieber.

Meine Seele ist traurig und stumpf. Am liebsten möchte ich morgen nicht wieder aufwachen. Ich liebe Sie, und doch habe ich mich heute zwanzigmal bei dem Wunsche ertappt, Sie möchten mir endlich noch so viel Leid antun, daß ich zu dem Entschlusse käme, mich von den Gewissensbissen und dem Kummer, die mich verzehren, loszumachen. Ich sterbe stückweise.

Ist Ténon doch ein gescheiter Mensch! Heute früh sagte er zu mir, nachdem er mir den Puls gefühlt hatte: »Es muß Ihnen etwas zugestoßen sein. Sie haben einen Kummer gehabt. Sie sind gegen gestern früh ganz verändert. Da liegt ein Einfluß von außen vor. Ich sehe mit Betrübnis, daß hier Arzt und Arznei nicht oder nicht viel helfen können. Für die Seele habe ich kein Opium!«

Sehen Sie, mein Lieber, so viel Macht hat das Unglück. Es rührt einen Mann, der dem menschlichen Leid gefühllos gegenüberstehen sollte.

Aber Sie, Sie sollten sich wegwenden von diesem Leid, Sie sollten mich ganz im Stiche lassen. Ich möchte nur zwei Tage ohne Ihren Zuspruch sein. Ich würde mich nicht beklagen, ich würde Sie segnen, ich würde Sie lieben. Sie würden alles Schlechte wieder gut machen, ja, ich wage zu sagen, Sie würden den Frevel sühnen, den Sie an mir begangen haben, damals als Sie mich zurückhielten. Ach, es ist eine große Grausamkeit, eine Unglückliche so lange auf der Folter liegen zu lassen! Es wäre edel und gut, ihr den Gnadenstoß zu geben.

Verlassen Sie ja Ihre Arbeiten nicht, um mich zu besuchen! Schreiben Sie mir ein paar Zeilen, und seien Sie überzeugt, unter allen den Menschen, die Sie lieben, gibt es niemanden, der weniger von Ihnen verlangt und zu wünschen wagt, als ich. Ihr Glück, Ihr Wohlsein, selbst Ihr Vergnügen gehen über mein Ich. Das versichere ich Ihnen aus tiefstem Herzensgrunde.

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