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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 182
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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182. .

Donnerstags abends elf Uhr. [5. Januar 1776.]

Guten Abend, lieber Freund! Wie geht es Ihnen geistig und körperlich? Ich hoffe, Graf von Saint-Germain wird Ihr Seelenarzt sein; weit mehr beunruhigt mich Ihre Erkältung. Was mich anbelangt, ich habe mich zum Gesandten hingeschleppt. Das ist der richtige Ausdruck. Die ganze Nacht vorher hatte ich Fieber gehabt. Mein Husten hat die vierundzwanzig Personen, die mit zu Tisch saßen, halbtaub gemacht. Zu Hause hatte ich dann so heftige Krämpfe, daß vom Mittagessen nicht ein bißchen im Magen verblieben ist. Ich hatte bei diesem Erbrechen unbeschreibliche Beklemmungen. Seit dieser Erschütterung habe ich Fieber, und zwar viel heftiger als gestern, wenigstens nach Feststellung meiner beiden Ärzte d'Anlezi und Larochefoucauld, die eben wieder weggegangen sind. Übrigens brauchte man es mir nicht erst zu sagen, ich wußte von selber, daß ich Fieber habe.

D'Alembert schickt Ihnen beiliegenden Brief. Er will den schwierigen Herrn noch einmal aufsuchen. Die viele Mühe, die Sie sich in dieser Angelegenheit machen, beschämt mich. Ich bitte Sie dessenungeachtet, mich bis zur Unterzeichnung des Mietvertrags nicht im Stiche zu lassen. Lassen Sie alle Bedingungen und Klauseln darin aufnehmen, die ich haben will, und sehen Sie mit Pedanterie darauf, daß alles ausgeführt wird.

Alle meine Umständlichkeit hierin beweist keineswegs, daß ich mich nur für mich interessiere. Ach du mein Gott, wenn man geliebt hat und hat den verloren, der einen liebte, kann einem dann noch viel an sich selber liegen? Ich habe nur noch ein Streben im Leben: allem auszuweichen, was mir Leid bringt, und deshalb sehne ich mich danach, von dem Hauptübel befreit zu werden, denn es ist für Unglückliche eine schwere Bürde.

Mein Lieber, ich habe Ihnen gestern weh getan, indem ich Ihnen sagte und darlegte, wie sehr ich mir die Verleumdungen und Verdächtigungen zu Herzen nehme, die man Ihnen anhängt. Ich habe Ihnen weh getan, indem ich Ihnen bewies, daß Sie der Güter höchstes genießen könnten, wenn Sie nur geruhen wollten, die Hände danach auszustrecken. Ich meine: grenzenlos geliebt zu werden von einer empfindsamen und leidenschaftlichen Seele. Das betrübt mich tief und, bei Gott, lediglich Ihretwegen, denn ich habe von mir und meinem eigenen Glück bereits Abschied genommen. Und ebenso tief betrübt es mich, Sie gegenüber der öffentlichen Meinung so empfindlich zu sehen, nachdem Sie sie so offensichtlich verachtet haben. Seien Sie heute so stark wie dereinst! Hier ist das mehr am Platze als damals.

Gewisse Dinge möchte ich aus meinem Leben tilgen, aus meinem Gedächtnisse löschen, just alles das, was ich für Sie getan habe, und alles das, was Sie wider mich getan haben. Mit mehr Galanterie als Liebe haben Sie zu mir gesagt, als wir vom Mietvertrag sprachen: »Sie unterzeichnen einen Vertrag mit Ihrem Glücke!« Mein Lieber, wer imstande war, mein Todesurteil vom 1. Mai zu unterschreiben, der sollte nicht mehr über mein Glück scherzen!

Adieu! Bemühen Sie sich nicht, morgen früh zu mir zu kommen.

Ich bitte, bringen Sie mir meine Briefe. Ist das zu viel verlangt? Ich will mich nur vor Schande wahren und Ihnen den Frieden sichern.

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