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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 179
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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179.

Donnerstags, 11 Uhr abends. [Dezember 1775.]

In aller meiner Trübsal habe ich mich doch lebhaft gefreut, von Ihnen abends um fünf Uhr Antwort auf einen Brief zu haben, den ich Ihnen fünf Uhr früh geschrieben hatte. Das ist es, warum ich die Großstädte und ganz besonders Paris so liebe. Man hat alle erdenklichen Bequemlichkeiten und nützlichen Einrichtungen.

Sie haben mir nicht gesagt, wohin ich schreiben soll. So droht die Gefahr, daß mein Brief in die Irre oder gar verloren geht. Aber Ihr Wirt in Versailles ist hoffentlich findig.

Mein Lieber, Sie geben mir wirklich einen vortrefflichen Rat. Gleichgültig, ob er seine Quelle in Ihrer tiefinnersten Teilnahme oder in Ihrem Überdruß an meinem Elend hat, kann ich nichts besseres tun als ihn erproben. Sie legen meinem Husten, meiner Abmagerung, meinem ruinierten Magen, meiner Schlaflosigkeit, meiner Darmentzündung, kurz meiner vollendeten Zerrüttung nicht mehr Bedeutung bei, als Sie den Liebhabereien irgend einer beliebigen Schönen beimessen, die Ihnen von Ihren Straußenfedern, ihren Modefrisuren, ihren Riesenstöckelabsätzen, kurzum von ihren Firlefanzereien erzählt. Sie geben mir gesundheitliche Ratschläge genau so, wie Sie dort meinen, Sie könnten jene von ihren Dummheiten abbringen.

Mein Lieber, Sie sind sehr jung. Hier haben wir den Beweis. Sonst müßte ich sagen, Sie wären kalt und gänzlich teilnahmslos. Sehen Sie denn nicht, daß der Tod bereits neben mir steht, daß es sich für mich nur noch um eine Galgenfrist handelt? Glauben Sie mir, nichts in der Welt kann mich noch retten. Selbst die Wiederauferstehung Moras, der mir das Höchste im Leben war, könnte mein Schicksal nicht mehr wenden. Wenn sich dieses Wunder vollzöge, wäre mir der Tod nur um so schrecklicher. Mora hat mich gekannt, als ich daseinsfreudig und lebenslustig war.

Aber nein, ich habe mir vorzuwerfen, daß ich mich nicht genug beherrsche; ich verdrieße Sie. Mein Unglück, mein Leid lastet auf Ihrer Seele. Sie sollen aber von mir nicht mehr erfahren, was ich leide. Wenn ich Ihnen nichts mehr davon sage, wird Ihre Empfindlichkeit nicht mehr in schmerzlicher Weise in Anspruch genommen, und Sie werden glauben, Ihr Rat sei befolgt worden. Sie werden mein Aussehen besser und, was noch wichtiger ist, mich weniger langweilig finden. Gut, ich werde mich zusammennehmen. Ob ich's dabei bis zur Heiterkeit bringe, das kann ich nicht versprechen. Das ginge über meine Kraft. Heute habe ich weniger gehustet, und wenn die kommende Nacht wieder so gut ist, so werde ich den Aderlaß auf schlechtere Tage verschieben.

Graf Crillon hat Ihnen nichts übelgenommen; er hat mir freimütig gesagt, an Ihrer Stelle hätte er es genau so gemacht. Aber wenn Ihnen daran liegt, daß wieder alles beim alten sei, dann kommen Sie am Sonntag zu Tisch zu ihm. Das würde mir die Kraft leihen, auszugehen.

Sie wollen die Toren und Bösewichte allesamt mit Stumpf und Stil ausrotten! Mein Lieber, Ihr Ehrgeiz geht nicht so weit wie der Alexanders des Großen, aber er ist ebenso aussichtslos. Ein bißchen Ähnlichkeit existiert also doch zwischen dem Grafen Guibert und Edmund! Wie süß wäre es, wenn sie zwischen Ihnen und Gonzalvo [Mora] bestünde! Die Schätze Perus, ein Weltreich hätte er ausgeschlagen, wenn er damit eine Viertelstunde Frieden der verschafft hätte, die Sie – lieben.

Adieu! Adieu! Sie haben so wenig Zeit und so viel zu tun. Es wäre rücksichtslos von mir, Sie abzuhalten.

Wie gern wüßte ich, ob Sie morgen zurückkommen! Wie gern möchte ich Sie sehen! Wie gern hätte ich ... Unmögliches!

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