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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 173
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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173.

Freitags, vier Uhr. [Dezember 1775.].

Mein lieber Freund, ich bin krank, sehr leidend, aber auch toll. Seit zwei Tagen weiß ich nicht, was mit meiner Seele geschehen ist. Sie ist wüst und leer. Ich finde weder Liebe noch Leidenschaft darin, nur qualvolle Reue, tiefes Leid, Verwunderung, noch zu existieren, wirre Sehnsucht wie unmittelbar damals, als mir der mitleidslose Tod den Einzigen genommen hatte, um dessentwillen mir das Leben teuer war. Ach, warum haben Sie mich damals nur daran gehindert, ihm zu folgen? Warum haben Sie mich zu einem so langsamen und schmerzensreichen Tode verdammt?

Mein Lieber, das sind die Gedanken, die mein Dasein seit Dienstag abend erfüllen. Das hat mich kränker gemacht. Einmal habe ich mich nachts gar nicht schlafen gelegt, ich habe keinmal zu Mittag gegessen, ja, ich muß gestehen, selbst der »Konnetabel« ist mir nur selten in den Sinn gekommen, und ich glaube sogar: wenn Sie mir nicht geschrieben hätten, dann hätte ich keine Kraft gehabt, Ihnen darzutun, wie tieftraurig und niedergeschlagen ich bin.

Nach Versailles werde ich nicht gehen. Gottbewahre! Erstens bin ich zu krank, und dann säße ich während der Aufführung wie auf Nadeln. Ihr Interesse liegt mir viel empfindlicher am Herzen als Ihnen selber. Wenn das Stück, wie ich hoffe, abermals einen großen Erfolg hat, so möchte ich mich erst recht nicht aufregen. Meine Seele ist zu ermattet. Sie müßte mehr Ruhe und Frieden haben. Und überdies gestehe ich Ihnen, es ist gar nicht nach meinem Geschmack, gar nicht nach meinem Herzen, daß man in Ihnen einen Bühnendichter sieht. Das möchte ich nur, wenn Sie Voltaire und Racine überträfen. Dann brächte es Ihnen neuen Ruhm!

Man hat schon dreimal nach den Logenbilletts zu mir geschickt. Das belästigt mich tödlich. Ich habe mir geschworen, mich nie wieder in die Vergnügensangelegenheiten anderer Leute zu mengen. Allen diesen Menschen ist das ja die Hauptsache im Leben, während ich gar nicht daran denke, mich zerstreuen zu wollen. Ich fühle schon den Tod in der Seele.

Sie haben mir meine Briefe nicht zurückgebracht. Wenn ich zu Ihnen danach schickte, bekäme ich sie sicherlich.

Am Mittwoch hatten Sie es recht eilig. Die alte Geschichte: Bewegung ist Ihnen lieber als Betätigung. Das klingt recht spitzfindig, aber denken Sie einmal darüber nach, und Sie werden einsehen, wie recht ich habe.

Mein Lieber, ich danke Ihnen sehr für die Fürsorge, die Sie um meine neue Wohnung haben. Ach, am liebsten hätte ich eine im [Friedhof von] Saint-Sulpice! Schrecklich, ich belaste den, der mich liebt, mit meinem Unglück! Sie sind es nicht, den ich meine.

Sie sollten am Sonntag bei der Herzogin d'Anville zu Mittag essen.

Ich erwarte heute abend von Ihnen ein paar Zeilen und bilde mir zu meiner Freude ein, daß das Logenbillett dabei liegen wird.

Verzeihen Sie mir, daß ich Sie in Anspruch nehme und Sie abhalte, und vor allem, daß ich nicht die Energie habe, Ihnen mein Leid zu verheimlichen.

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