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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 172
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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172.

Dienstags um Mitternacht. [Dezember 1775.].

Ihr seid alle von Eis, Ihr glücklichen Menschen, Ihr Weltleute! Eure Seelen sind den tiefen lebenswarmen Eindrücken unzugänglich. Ich danke dem Himmel für das Unglück, das mich zu Boden drückt und mich zu Gründe richtet, weil es mich mit jener wonnigen Empfänglichkeit und jener unendlichen Leidenschaft begnadet hat, die einem die geheime Sprache aller derer verstehen läßt, die da leiden, die da wissen, was Schmerz ist, die da geplagt werden von dem Leid und der Lust der Liebe. J,, mein Lieber, Sie sind glücklicher als ich, aber ich kenne mehr Freuden als Sie.

Eben habe ich den letzten Band des » Paysan perverti« zu Ende gelesen. Der Schluß hat Sie nicht entzückt? Sie spürten nicht den Drang, mit mir darüber zu sprechen? Ihn mir vorzulesen? Eisseele! Das ist Glückseligkeit, das ist die Sprache des Himmels. Der Tod der Manon, ihre Liebe, ihre Reue, ihre schmerzlich-leidenschaftlichen Worte! Mein Gott, wir haben gestern abend zusammen geplaudert. Das Buch lag da, Sie hatten es bereits gelesen, und Sie haben es mit keiner Silbe erwähnt!

Mein Lieber, in Ihrer Seele gibt es ein Winkelchen, das einen – Ihnen jedenfalls nicht zusagenden – Vergleich zuläßt, ohne daß man dabei in Torheit und Ungerechtigkeit verfällt. Jawohl, in Ihrer Art und Weise steckt ein klein wenig von der Edmunds. En face gleichen Sie ihm gar nicht, aber ein bißchen im Profil. Mein Lieber, dieses Buch, dieses elendigliche Buch, dem es an gutem Geschmack, an Feinheit, sogar an gesundem Menschenverstand fehlt, dieses Buch ist, wenn ich mich nicht stark irre, entstanden aus der ersterbenden Glut der Leidenschaft, die in Saint-Preux und in Julie gelodert hat. Es stehen köstliche Worte darin.

Jean-Jacques, wenn das nicht die letzten Funken Deines Genies sind, nicht die noch glimmende Asche Deiner leidenschaftlichen Seele, so lies diesen Roman, ich bitte Dich inständig darum! Dein Herz wird sich für den Dichter erwärmen, der sein Werk schlecht entworfen und schlecht ausgeführt hat, aber sicherlich fähig ist, Besseres zu schaffen.

Dies zu Ihrer Strafe, mein Lieber. Ich ärgere Sie, aber Sie werden sich wie gewöhnlich aus der Affäre ziehen, indem Sie das Buch Buch sein lassen.

Wenn ich der Herausgeber des Romans gewesen wäre, so hätte ich folgende Briefstelle daraus als Motto auf das Titelblatt gesetzt: »Wie kann man die nämlichen Gefühle verschiedenen Dingen und Menschen zuteil werden lassen?

»Die Gesellschaft ist ein gefährlicher Tummelplatz für jeden, der ein Herz wie Edmund hat.

Edmund an Manon.«

Mittwochs, früh halb neun Uhr.

Schicken Sie mir mein Buch und meine Briefe zurück! Sie werden mir gewiß berichten, daß Sie heute nachmittag mehr Zerstreuung als Arbeit gehabt haben: die Oper, Besuche, Besorgungen, allerhand weltmännische frivole Dinge, geniale Träumereien, Ruhmgelüste.... Ein wunderbares Durcheinander!

Ach, was für ein schreckliches Unglück ist es, einem Manne nahe zu stehen, der noch gefährlicher als liebenswert ist!

Mein Lieber, ich habe zum Entsetzen aller, die um mich sind, starken Husten. Ich kann nicht mehr. Ach, wahrlich, Ihr müßt mich lieben, denn viel Zeit habt Ihr nicht mehr dazu. Ich fühle es.

Eine Loge mit vier Sitzen für Damen und drei Parkettplätze! Denken Sie daran; tun Sie der, die Sie liebt, diesen Gefallen!

Ich werde nicht ausgehen; ich habe Fieber und unaufhörlichen Husten.

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