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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 17
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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17.

Montag, den 6. September 1773.

Ihr Schweigen macht mich krank. Ich mache Ihnen durchaus keinen Vorwurf, aber ich leide, und es kostet mir Mühe, mir einzureden, daß ich bei einem so regen Interesse, wie ich es fühle, vier Wochen lang ohne einen Brief von Ihnen sein könne. Was ist Ihnen denn die Freundschaft wert, wenn Sie sich so leicht von ihr losmachen? Mein Gott, wie glücklich sind Sie! Ein Kaiser, ein König, eine Truppenschau, ein Feldlager – und Sie vergessen, daß ich Sie liebe und, was vielleicht noch schmerzlicher ist, daß Sie der einzige Stecken und Stab einer sehnsüchtigen Freundin sind!

Doch nein, ich will Ihnen nicht unrecht tun. Ich wünschte ja selber, Ihre Vergeßlichkeit wäre keine. Ich wünschte, ich wäre so geschaffen, daß ich alles hinzunehmen vermöchte, daß ich alles erleiden könnte, ohne zu klagen. Dies ist der fünfte Brief ohne Antwort. Sagen Sie mir, wie viel Leute gibt es, denen Sie in gleicher Weise entgegenkommen! Ich weiß nicht warum, ich hatte mir fest eingebildet, daß ich von Breslau aus einen Brief erhalten würde, Sie möchten nun die meinigen erhalten haben oder nicht. Aber meine Hoffnung ist getäuscht worden. Ach, wie hasse ich Sie, der Sie mich zu gleicher Zeit Hoffnung und Angst, Furcht und Freude kosten lassen! Ich brauchte diese Herzensstürme nicht. Warum ließen Sie mich nicht in Ruhe?

Meine Seele bedurfte der Liebe nicht. Sie war angefüllt mit einem zärtlichen tiefen Gefühl, das Widerhall und Antwort fand. Es war schmerzensreich – und gerade dieses Element brachte mich Ihnen näher. Sie sollten mir nur gefallen –, aber Sie haben mich gerührt. Indem Sie mich trösteten, ketteten Sie mich an sich, und was das wunderlichste dabei ist, die Gunst, die Sie mir erzeigten, die ich hinnahm, ohne meine Zustimmung kundzutun, – diese Gunst, weit entfernt, mich nachgiebig und willfährig zu machen, wie Leute es werden, denen man eine Wohltat erzeigt, gerade diese Gunst hat mich im Gegenteil so anmaßend gemacht, an Ihre Freundschaft Erwartungen und vielleicht gar Forderungen zu stellen. Sie, der Sie von oben herab und tief in die Dinge hineinschauen, Sie müssen mir erklären, ob das Äußerungen eines undankbaren oder eines vielleicht nur allzu feinfühligen Gemütes sind. Was Sie mir sagen, werde ich glauben.

Wenn ich wollte, oder vielmehr, wenn ich nicht so friedlos und so unzufrieden ob Ihres Schweigens wäre, so würde ich Ihnen Fehde ansagen. Das würden Sie gern hören, darauf würden Sie mit Vergnügen eingehen, aber Ihre Verteidigung wäre zweifellos ein neuer Frevel. Indessen, Sie sind in weiter Ferne, Sie sind so bedrängt, so viel beschäftigt, und schlimmer noch: wie berauscht. Dieses Wort gewährt mir Genugtuung, aber keine Zufriedenheit. Kehren Sie doch zurück! Ich sehe dem Rinnen der Zeit zu mit einer Wollust, die ich nicht zu schildern vermag. Man pflegt zu sagen: die Vergangenheit sei nichts. Mich, mich hat sie ganz im Bann. Gerade weil ich so viel gelitten habe, graut mir davor, noch mehr zu leiden. Und doch bin ich dabei so toll, von Ihrer Freundschaft Wonne und Trost zu erhoffen.

Sie haben so viele neue Anschauungen gewonnen, Ihre Seele ist von so viel verschiedenen Eindrücken bestürmt worden, daß der Widerhall, den mein Unglück und meine Bekenntnisse in Ihnen erweckt hatten, wohl spurlos dahin ist. Das wird sich schon herausstellen. Kommen Sie nur erst. Ich werde klar sehen: Unglückliche sehen ohne Illusion. Und überdies haben Sie gerade so viel Freimut wie ich Wahrheitsliebe. Wir werden uns also keinen Augenblick betrügen. Ja, kommen Sie, aber hüten Sie sich, von Ihrer Reise jenen Trübsinn mitzubringen, wie ihn der Chevalier aus Italien mitgebracht hat. Er spricht von allem, was er gesehen, mit Unlust, und was er hier sieht, macht ihm ebensowenig Freude. Kurz, ich möchte meinen Gemütszustand nicht mit dem seinigen vertauschen, und doch bringe ich mein Leben in krankhaftem Hangen und Bangen hin. Allerdings hat das, was ich erwarte, was ich ersehne, was ich erstrebe, das, was man mir gibt, einen hohen seelischen Wert für mich. Ich lebe, ich existiere so intensiv, daß es Momente gibt, wo ich selbst mein Unglück wahnsinnig liebe. Sagen Sie, muß ich mich nicht daran festklammern, muß das mir nicht wert und teuer sein? Ist es doch die Ursache, daß ich Sie kenne, daß ich Sie liebe, daß ich einen Freund mehr besitze. So haben Sie sich doch selber genannt. Wäre ich leidenschaftslos, besonnen, kalt gewesen, so wäre das alles nicht so geworden. Ich würde vegetieren wie alle die anderen Damen, die mit ihrem Fächer spielen, während sie von der Verurteilung des Marschalls von Morangiès oder von dem Einzug der Gräfin von Provence in Paris plaudern.

Ja, ich wiederhole es, ich ziehe mein Unglück allem dem vor, was die Kinder der Welt Glück und Vergnügen nennen. Vielleicht sterbe ich daran, aber das ist mir lieber als überhaupt nicht gelebt zu haben. Verstehen Sie mich? Sind Sie mit mir im Einklang? Haben Sie vergessen, daß Sie einmal in Ihrem Leben ebenso krank und glücklicher waren als ich?

Leben Sie wohl! Ich weiß nicht wie es zugeht; ich wollte Ihnen nur vier Zeilen schreiben, aber meine Freude daran hat mich fortgerissen.

Wie viele Menschen gibt es, die Sie mit größerem Entzücken wiedersehen werden als mich? Ich will Ihnen die Liste aufsetzen: Frau von M[ontsauge], d'Aguesseau, die Herren von Broglie, von Beauvau, von Rochambeau, von Pezé usw. usw., Frau von Beauvau, von Boufflers, von Rochambeau, von Martinville usw. usw., dann den Chevalier [von Chastelux], den Grafen von Crillon, und zu allerletzt mich, ganz am Schluß. Ich dagegen! Ihren zwölfen gegenüber kann ich nur einen einzigen Namen nennen, aber das Herz fragt nicht nach Gerechtigkeit; es ist ein absoluter Despot.

Ich verzeihe Ihnen alles. Kommen Sie nur!

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