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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 167
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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167.

Sonntags, sechs Uhr.

Alles, was Sie wollen, nur das Beiwort »ungerecht« nicht! Ich kann nie und nimmer glauben, daß man eine Ungerechtigkeit begehe, wenn man sich beklagt, nachdem man einen tödlichen Keulenschlag empfangen hat, ohne daß man freilich daran gestorben ist. Ebensowenig ungerecht ist es nach meinem Dafürhalten, daß man sich für gekränkt und beschimpft hält, wenn einer, ohne daß die geringste Notwendigkeit vorliegt, Einzelheiten und Tatsachen aufzählt, die für den demütigend sind, dem man sie vorhält, und die dem zum Mindesten peinlich sein sollten, der sie erzählt, wenn er – nicht gerade zartfühlend, aber doch ritterlich und taktvoll ist.

Kurz und gut, sagen Sie nicht wieder, ich sei ungerecht, denn das ist nicht wahr. Sagen Sie, ich sei unglücklich, werfen Sie mir vor, daß ich lebe, und ich will an dem Leid sterben, das Sie mir angetan haben. Das ist die Wahrheit, der es nicht an tatsächlichen Beweisen mangelt.

Was die Gelegenheit anbetrifft, bei der ich mich über das beklagt habe, was mich bedrückt, so habe ich da nicht besonders gewählt. Ich verfahre längst nach dem Grundsatz, es mir nicht anmerken zulassen, wenn Sie mich kränken. An und für sich ist das ein vernünftiger und edler Entschluß, aber in gewissen Momenten ist das Leid stärker als ich selber. Ich bin schwach, ich unterliege und komme nicht wieder auf. Genug. Ich klage Sie durchaus nicht an, auch will ich mich nicht rechtfertigen, denn, bei meiner Ehre, mein Gewissen hat sich – zum mindesten Ihnen gegenüber – nichts vorzuwerfen. Meine Schuld ist eine gänzlich andere, und ich fühle mich grausam bestraft.

Ich danke Ihnen für das Interesse, das Sie mir bezeigen. Ich huste, als ob ich in Stücke gehen sollte, ich habe viel ausgestanden, und ich fühle mich todmatt nach alldem, was ich heute getan habe. Jetzt ist ein einziger Besuch da. Er meint, ich schriebe recht lange. Und noch dazu ist es an jemanden, dem mein Brief weniger Freude machen wird, als diesem Besucher da meine Plauderei. Es ist so, zweifellos, aber ich wollte Ihnen antworten, obgleich ich zur Genüge weiß, daß Sie nie einen Brief von mir richtig zu Ende lesen.

Guten Abend!

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