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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 164
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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164.

Mittwochs, sechs Uhr früh. [November 1775.]

Ich kann nicht sagen, Sie seien heute mein erster Gedanke, denn ich habe noch gar nicht geschlafen. Aber Sie sind in allen meinen Träumereien, und das möchte ich Ihnen gern noch sagen, ehe mich ein kurzer Schlaf diesem Genusse entzieht.

Mein Lieber, ich bin sehr trübsinnig zu Bett gegangen. Lange, lange hatte ich auf Sie gewartet, und dieses Hoffen hatte meiner Seele Leben und Halt gegeben. Aber, als die Stunde der letzten Hoffnung vorüber war, da sank ich tief in mich zusammen. Mein Körper war gänzlich erschöpft.

Es war viel Gesellschaft um mich, aber einsamer hätte ich in der Wüste nicht sein können. »Du guter Gott«, sagte ich mir jedesmal, wenn irgend jemand angemeldet wurde, den ich gar nicht erwartete, »was man nicht erhofft, das trifft ein, bar und pünktlich. Es ist gräßlich, nur einem Interesse zu leben, nur ein Ideal, eine Sehnsucht, einen Gedanken zu haben!«

Mein Lieber, derlei Aufregungen sind sicher kein Mittel gegen das Fieber, und trotzdem habe ich es heute geringer als in der vergangenen Nacht. Ich spüre weder den Durst noch die Glut, noch Anzeichen von Delirium.

Stellen Sie sich vor: eine Zeitlang war es mir unmöglich, an Sie zu denken. Meine Phantasie verlor sich ins Weite. Diese Machtlosigkeit über mein Denken erregte mich noch mehr und erhöhte mein Fieber. Jetzt bin ich ruhig; ich leide, aber in erträglicher Weise.

Sind Sie in Paris? Werde ich Sie heute vormittag bei mir sehen? Ich wünsche Ihnen das höchste und größte Glück, Erfolge in jeder Beziehung. Wie unglückselig, an einen Mann gefesselt zu sein, der so vielen anderen Dingen angehört! Da Herr von Saint-Germain Sie in Beschlag nimmt, werden Sie ununterbrochen in Versailles weilen. Die Proben Ihres Stückes locken Sie auch in einemfort dahin. Dann Ihre Frau, Ihre Familie, Ihre Liebhabereien, die gesellschaftlichen Zerstreuungen.

Mein Lieber, ich beklage mich keineswegs, aber, sagen Sie mir aufrichtig, ist es nicht unsagbar wenig, was Sie in all diesem Kunterbunt für mich übrig haben? Ja, ja! Aber wie jene Römerin Arria will ich sagen: »Paetus, ich weine ja nicht, ich sterbe bloß!«

Ich weiß nicht, ob es mit meinem Fieber zusammenhängt, aber seit einiger Zeit sind mir die Tränen versiegt und vertrocknet. Es kommen keine mehr. Nun hat mein Schmerz auch diese Erleichterung verloren.

Aber, Bester, ich wollte doch von Ihnen reden. Gestern sind Sie also sehr spät zurückgekommen, denn sicherlich hätte ich sonst von Ihnen zu hören bekommen. Inzwischen habe ich Ihnen zweimal geschrieben. Wenn Sie wüßten, welche für Sie schlimme Entdeckung ich wieder gemacht habe! Aber, um mich Ihnen nicht verhaßt zu machen, muß ich Ihnen verheimlichen, was ich unter Ihrem Leichtsinn zu leiden habe. Ja, ja, ich muß mein letztes bißchen Kraft tüchtig zusammennehmen, um Ihnen zu verbergen, wie schlecht Sie gegen mich sind.

Guten Morgen, mein Lieber! Wenn ich Sie ausschelten wollte, würden Sie ungern zu mir kommen. Ach, Sie können mich morden wollen und schon gemordet haben, – ich liebe Sie!

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